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Ein Theater mit Hausphilosoph

Einst war er ein Glücklicher Arbeitsloser, nun hat er eine Festanstellung. Guillaume Paoli ist zum Hausphilosophen ans Leipziger Centraltheater bestellt worden, gerade noch rechtzeitig, bevor der Autor, Mußeprediger und prekär Selbständige einen Weinimport aufmachen konnte, um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern.

Der 49-jährige Franzose, der 1992 in den Prenzlauer Berg kam, bei der Zeitschrift Sklaven mitwirkte und 1996 die „Glücklichen Arbeitslosen“ mit aus der Taufe hob, kommt an ein Theater, das vom neuen Schauspielintendanten Sebastian Hartmann gerade komplett umgekrempelt wird.

Sichtbarste Zäsur: Hartmann änderte den seit 51 Jahren bestehenden Namen des Hauses von Schauspiel Leipzig in Centraltheater. Paolis Berufung unterstreicht Hartmanns Willen zur Neugestaltung: So einen Job gibt es noch nicht so häufig im deutschsprachigen Theater der Gegenwart.

Warum das Haus einen Philosophen braucht? Die Antwort von Hartmanns Chefdramaturg Uwe Bautz fällt kurz aus: „Weil es noch keinen hat.“ Bautz erhofft sich von Paoli, „dass er uns verunsichert“. Doch was wird Paoli am Ende sein? Überqualifizierter Theatertexter, Hartmanns Voltaire, geisteswissenschaftlich aufgepumpter Hofnarr?

„Ich habe keinen Auftrag und keinen Leistungszwang“, sagt Paoli über ein Berufsbild, das er mangels aktuellem Rollenvorbild von Grund auf selbst entwickeln kann. Mit seiner eigens gegründeten „Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck“ (PSZ) hat er sich, der sich als „philosophisch heimatlos“ bezeichnet, vorgenommen, vom Theater aus „Irritation in geistigen Gegenden, wo Konsens herrscht“ zu stiften und außerdem „Standpunkte in von Ratlosigkeit geplagten Zonen zu festigen“.

Einen fixen Tag im Monat hat er für die Veranstaltungen der Prüfgesellschaft eingeplant, zu einer Theater-Talkshow sollen die Runden trotzdem nicht werden. Durch seine Veranstaltungen an der Berliner Volksbühne, bekennt Paoli, habe er gelernt: „Hofnarr zu werden ist wirklich eine Gefahr.“

Über die Festanstellung ist er nach Jahren des unauskömmlichen Daseins froh, auch weil die Arbeitslosigkeit nicht mehr das sei, was sie mal war: „Es war alles so schön unter Helmut Kohl.“ Er pflegt eine Art freundlichen Realo-Katastrophismus: Die neoliberale Ordnung liege in Trümmern und was jetzt komme, könne aufgrund gründlich zerstörter Alternativen eigentlich nur noch schlimmer werden. Paoli, ein freundlicher Pessimist. Der vorletzte Paragraf in der PSZ-Satzung lautet: „Im Hinblick auf die kommenden Katastrophen und die fortschreitende Verdummung verpflichten sich die Prüfgesellschafter einem gegenseitigen Schutz vor Panikmache, Verharmlosung, Selbstaufgabe und schlechter Laune.“

ROBERT SCHIMKE