Filmset mit Blumenwiese

Spielt mal „Auf der Mauer abhängen“: Die „Werkstatt für Veränderung“ im Neuköllner Carl-Weder-Park macht einen Film mit den Anwohnern – und erkundet dabei die Poesie des Nebensächlichen

Der Carl-Weder-Park im untersten Neukölln wirkt wie eine ruppige, nicht ganz ernst gemeinte Entschuldigung. Als 1995 mitten durch Neubritz, ein ehemaliges Kleinbürger-Viertel mit niedrigen Wohnhäusern und Hinterhofwerkstätten, die Verlängerung der A100 gebaut wurde, sind fast alle Häuser entlang der Wederstraße abgerissen worden. Der Ort wurde zum Sanierungsgebiet erklärt und den Anwohnern ein Park hingepflanzt als Kompensation: Tut uns leid, dass wir euren Kiez zerstört haben, aber dafür gibt es jetzt ein paar Bäume auf dem Autobahntunnel.

Neulich ging ein leerstehendes Haus in der Wederstraße in Flammen auf, und die Anwohner stürmten herbei. „Die dachten, das sei ein Special Effect und gehört zum Programm“, erzählt Seraphina Lenz. Sie ist die künstlerische Leiterin der „Werkstatt für Veränderung“ – einem vom Bezirk finanzierten Kulturprojekt. Mit dem brennendem Haus hatte die 45-Jährige zwar nichts zu tun, doch der Verdacht der Anwohner zeigt: Wenn etwas passiert im Park, dann steckt fast immer Seraphina Lenz dahinter.

Es hat viel Kritik gegeben an Kunst im öffentlichen Raum, lieblosen Installationen und vor sich hin rostenden Skulpturen. Doch Seraphina Lenz’ Projekt ist anders: Statt bloß ein Kunstwerk abzustellen, entwickelt Lenz temporäre Projekte im Dialog mit den Anwohnern. Das aktuelle Werkstatt-Thema lautet „Filmpark“: Die Grünfläche wird zum Filmstudio und alle, Kinder und Erwachsene, sind aufgerufen, am Dreh mitzuwirken. Sie können mit Hilfe des Werkstatt-Teams eigene Minifilme drehen und selbst vor der Kamera stehen. „Es gibt kein festes Skript“, erzählt die Künstlerin. Den Brand neulich hat sie auch gleich gefilmt: „Vielleicht können wir das noch in den Film einbauen.“ Der Alltag ist das Material in der „Werkstatt für Veränderung“.

Ein Gespür für die Poesie des Nebensächlichen entwickelte die Künstlerin schon 1997, als sie von Münster nach Berlin kam. Für den kurzen Weg von ihrer Wohnung zum Atelier brauchte sie oft vier Stunden, und während dieses planlosen Umherwanderns lernte sie: „Mach draußen etwas Komisches und du bekommst ein Gespräch.“ Seither beschäftigt sich die studierte Bildhauerin mit Kunstprojekten, die erst im Austausch mit anderen entstehen. Als das Kulturamt Neukölln 2002 den Wettbewerb „zur partizipatorischen Gestaltung des Carl-Weder-Parks“ ausschrieb, bewarb sich Lenz mit ihrer „Werkstatt“ – und gewann. Seither kommt sie jeden Sommer für drei Wochen mit ihrem Team nach Neubritz.

Zum Auftakt im Jahr 2003 hat Seraphina Lenz 100 hellblaue Liegestühle mitgebracht, wie man sie aus jeder schicken Strandbar in Mitte kennt. „Platz nehmen“ nannte die Künstlerin das Projekt. Ihr selbstbewusster Ton sprach die Neubritzer an. Sie nahmen sich die Liegestühle und stellten sie dort auf, wo es ihnen passte. Eine Werkstatt-Aktion zum Thema Licht im Jahr 2004 trug das Motto „Über uns die Sterne und unter uns die Autobahn“: Dutzende selbstgebastelte Glühwürmchen und Lampions verwandelten den Park in eine Lichtskulptur und ließen das Dauerrauschen des Verkehrs fast vergessen.

Aus der Not eine Tugend macht auch die von Seraphina Lenz in diesem Jahr eingeladene Choreografin Jo Parkers. Sie studiert mit Kindern und Jugendlichen einen Tanz ein: „Skateboards ohne Boards“ heißt die kurze Choreografie. Etwas weniger energisch agieren die älteren Jugendlichen im Park. Auch wenn keine Werkstatt läuft, kommen sie jeden Tag hierher – um zu chillen. Aber auch das wird in den Film einfließen: Lenz hat einen der Jugendlichen beauftragt, mit seinen Freunden die Szene „sich auf der Mauer langweilen“ vorzubereiten. Gar nicht so leicht, wenn man darüber nachdenken muss, was echtes Abhängen eigentlich ausmacht.

Das ist das Besondere an diesem Projekt: Nichts ist zu abseitig, um nicht zum Kunstwerk zu werden, nichts läuft ohne die Ideen und die Beteiligung der Anwohner. Joseph Beuys’ Idee von einer „sozialen Skulptur“, sein „7.000-Eichen-Projekt“ auf der Documenta 7, erwähnt Lenz zwar nur kurz – aber während der Sommerferien kann jeder Neuköllner hier Künstler sein. So auch Herr Hartwig. Der Rentner hat in diesem Jahr eine Oase bekommen – ein rundes Stück Wiese voller Blumen, um das er sich kümmert.

In zwei Wochen wird der Carl-Weder-Park in ein Open-Air-Kino verwandelt: Alle Bewohner werden dann in den hellblauen Liegestühlen sitzen, Popcorn essen, zusammen ihren Werkstatt-Film schauen – und vielleicht diskutieren, was man im nächsten Sommer auf die Beine stellen könnte.