nachruf: helmut kentler ist tot

Für eine erlaubende Sexualmoral

In den Siebzigerjahren, als Sexualität nicht nur ein Wort, sondern eine magische Formel für allerlei gesellschaftspolitische Befreiungswünsche war, hatte er seine große Zeit. Helmut Kentler, 1928 geboren, war als Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover einer der wichtigsten Interpreten des sexualaufklärerischen Zeitgeistes – und zugleich dessen Fürsprecher.

Er plädierte für die Entkriminalisierung des Sexuellen überhaupt, war ein couragierter Gutachter vor Gerichten, wenn es um Delikte nach dem Sexualstrafrecht ging, und engagierte sich in sexualwissenschaftlichen Organisationen. Kentler zählte zu den wütenden Kämpfern wider ein gesellschaftliches Klima, in dem Sexualität nur als Steckprinzip patriarchaler Prägung denkbar sein sollte. Sexualität, so Kentler, musste vom „Igittigitt“ entkleidet werden.

Er verfasste eine Fülle von Ratgebern und schrieb auch das Vorwort zu dem von Will McBride publizierten Bildband „Zeig mal“, eine Art Coffeetablebook für Erwachsene, denen im Zeichen der antiautoritären Aufgewühltheit jener Jahre nahe gebracht werden sollte, keine Angst vor ihren Doktor spielenden Kindern zu haben. Kentlers Credo: Sexualität verdient es, ernst genommen und von der Last religiöser Verbotsmoral befreit zu werden. In den späten Achtzigern geriet seine Perspektive allerdings schwer in Misskredit. Einen akademischen Wegbereiter des Pädosexuellen hieß man ihn; Feministinnen hielten ihm ein naives Verhältnis zum sexuellen Missbrauch von Kindern durch Erwachsene vor.

Kentler beharrte trotz aller Kritik darauf, dass Sexualität nicht schmutzig sein müsse, auch nicht jene zwischen den Generationen. In den Neunzigern verwandte er sich dafür, das Erbe des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld zu bewahren – wie bei der Einweihung einer Stele 1994 zu dessen Ehren in Berlin (siehe Foto). Eben 80 Jahre alt geworden, ist der verdienstvolle Streiter für eine erlaubende Sexualmoral am 9. Juli in Hannover gestorben. JAF