Übermorgen berühmt, vielleicht

Seit zwei Jahren gibt Johannes Frank „Belletristik“, eine Zeitschrift für junge Autoren und Illustratoren, heraus. Und eröffnet im Gewusel der Lesebühnen damit eine Möglichkeit mehr, das flüchtig Gehörte als schönes Buch nach Hause zu tragen

„Experten beziffern die durchschnittliche Lebensdauer einer deutschsprachigen Literaturzeitschrift auf zwei Jahre“, schrieb Tanja Dückers vor kurzem, als sie dem Magazin Am Erker zum dreißigjährigen Bestehen gratulierte. Statistisch gesehen dürfte es also die Belletristik nicht mehr geben: Das Berliner Literaturmagazin geht gerade in sein drittes Jahr, die sechste Ausgabe ist im April erschienen. Statistisch gesehen sollte es also eher an der Zeit sein, zu einem Nachruf anzusetzen. Aber Statistiken sind manchmal ziemlich wertlos. Vor allem dann, wenn es um eine Literaturzeitschrift geht, die beste Chancen hat, den etablierten Entdeckermagazinen wie EDIT oder Bella Triste den Rang abzulaufen.

Begonnen hat das Ganze freilich bescheiden: Als Johannes Frank im Winter 2005 an den Berliner Universitäten Flyer aufhing, suchte er noch Autoren für eine „Literaturzeitschrift Berliner Studenten“. Das war der Untertitel der ersten Ausgabe, die im Januar 2006 erschien. Inzwischen ist eine Zeitschrift für Literatur und Illustration daraus geworden; mit Ron Winkler hat der Herausgeber Frank den Spiritus Rector der jungen Lyrikszene ins Boot geholt. Von Studentengeschreibe also keine Spur mehr. Mit Ausdauer und einigen Kurskorrekturen hat Frank, der das Studentenleben selbst noch nicht lange hinter sich hat, seiner Zeitschrift und seinem Verlag auf einen geraden Weg geholfen. Der einstige Lesungswildwuchs – allein dreißigmal waren Autoren der Zeitschrift im ersten Jahr auf Berliner Lesebühnen zu hören – wurde zugunsten regelmäßiger Veranstaltungen zurechtgestutzt.

Was Belletristik ausmacht, ist eine Art rigoroser Minimalismus: Keine Werbung, keine Rezensionen oder redaktionellen Beiträge. Es scheint nur um den Text und sonst nichts zu gehen. Die besten Manuskripte werden mithilfe eines Kuratoriums aus den zahlreichen Einsendungen gefischt. Dabei schaut Frank nicht auf große Namen: Die veröffentlichten Autorinnen und Autoren machen entweder erste literarische Gehversuche oder sind gerade auf Sprung zum Debütband: Es geht der Belletristik augenscheinlich um die Autoren von übermorgen. Und deren Texte werden auch zu Bildern. Denn jeder Beitrag in der Zeitschrift wird von jungen Künstlern illustriert. So sollen sich, das ist die Idee, Bild und Wort gegenseitig befruchten.

Bislang geht dieses Konzept ausgesprochen gut auf. Der Verlag J. Frank ist naturgemäß winzig. In den Verlagsräumen arbeiten außer dem Chef noch drei weitere Personen. Er ist ein ebenso selbstausbeuterisches Unternehmen wie die anderen Independent-Verlage, denen in den letzen Jahren zu Recht von Kritik und Publikum viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ebenso wie kookbooks, Tropen oder Blumenbar will Johannes Frank seiner Leserschaft die Texte junger Autoren zuführen und damit Literatur jenseits des Establishments von Walser und Suhrkamp-Kultur fördern. Aber diese Förderung ist begrenzt auf die ersten Schritte. Dass seine Autoren für immer bei ihm bleiben, bezweifelt Frank nämlich, und er klingt, als sei er daran auch gar nicht interessiert: „Mich würde es freuen, wenn jemand mit und durch unsere Begleitung einen Schritt weiter in Richtung Größe macht. Die Idealvorstellung wäre, dass in zehn Jahren all unsere Autoren bei großen Verlagen sind und die deutsche Literatur mitprägen.“

Den Weg zum ersten Buch will Frank dann aber doch noch gemeinsam mit seinen Autoren beschreiten. Mit der Reihe „Bibliothek Belletristik“ hat er bisher acht Autoren zur eigenen Veröffentlichung verholfen. Und weil sich der Verlag nicht auf einen Stil oder eine „Schule“ festlegen lassen will, sind die entstandenen Bücher auch – im besten Sinne – ausgesprochen heterogen: Da ist der Gedichtband „Makellos“, dessen Autor Tom Bresemann in abgeklärter, schnoddriger Sprache Medienwahnsinn und Großstadtalltag in freie Verse bringt. Da ist Dominic Angelochs düsterer und enigmatischer Fragmente-Roman „Blinder Passagier“, in dem die verworrenen Identitäten der Figuren dem Leser bis zum Schluss Rätsel aufgeben. Da ist der fragile Band des Lyrikers und Lesebühnenveteranen Sebastian Himstedt, „Die aufgeblähten Schatten des Birnbaums“.

Die bibliophil gestalteten und ansprechend illustrierten Quarthefte haben aber auch Gesellschaft von bekannteren Autoren bekommen: Der griechische Schriftsteller Dimitris Lyacos legt mit „Der erste Tod“ die Übersetzung des Auftaktbandes seiner „Poeta Damni“-Trilogie vor, deren beiden Folgebände bereits anderswo auf Deutsch erschienen sind. Und in „Hermetisch offen“, einer Sonderausgabe des von Ron Winkler herausgegeben Lyrikjournals intendenzen, beleuchten junge Dichter wie Ulrike Almut Sandig, Steffen Popp oder Ann Cotten ihre eigene Lyrik und formulieren poetologische Standortbestimmungen.

Trotzdem will Frank sich nicht auf diesen Zirkel junger Literaten beschränkt sehen: „Wir haben ein sehr junges Publikum, aber ich will auch, dass die 60-jährige Hausfrau unsere Zeitschrift liest und dass ältere Menschen merken: Da sind junge Leute, die berichten auch von meiner Welt.“

Statistisch fühlt sich jemand wohl, der mit dem Kopf im Kamin und mit den Füßen im Gefrierschrank steckt. Die Belletristik verbrennt sich zurzeit weder die Seiten noch kriegt ihr Herausgeber kalte Füße: Das Magazin kann sich wohlfühlen. Nicht nur statistisch. Auch in echt.