Klinikchef Tissen gesteht alles

Nach einem kurzen Prozess wurde gestern der frühere Klinikkonzern-Chef Wolfgang Tissen verurteilt: Er gestand, dass er bestechlich war und für 87.500 Euro den Klinikchef Lindner gedeckt hat

Zwei kurze Jahre lang konnte Wolfgang Tissen den starken Mann bei den kommunalen Kliniken Bremens spielen – er war Vorsitzender der Geschäftsführung der Klinik-Holding „Gesundheit Nord“ und bekam mehr als 300.000 Euro pro Monat für seinen verantwortungsvollen Posten. Am Ende gestand er, nicht mehr als „Frühstücksdirektor“ gewesen zu sein, weil er keinerlei Kompetenzen hatte, irgend etwas zu entscheiden, was die defizitäre kommunale Klinikstruktur verändert hätte.

Gestern wurde er vom Bremer Landgericht zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt – wegen Bestechlichkeit in einem besonders schweren Fall. Er hatte sich von Andreas Lindner, dem derzeit im Knast in Oslebshausen einsitzenden früheren Chef des Klinikums Bremen-Ost, zusätzlich zu seinem üppigen Gehalt 87.000 Euro überweisen lassen. Als Gegenleistung deckte Tissen die kriminellen Geschäfte Lindners. Als Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums Bremen-Ost hätte Tissen eine Aufsichtspflicht über das Klinikum Ost und dessen Geschäftsführer gehabt.

Das Verfahren war kurz, weil Tissen von seinem Anwalt ein Geständnis vorlesen ließ. In einem Vorgespräch hatte das Gericht Tissen Strafmilderung für diesen Fall zugesagt. Zusätzlich zu der Bewährungsstrafe muss Tissen 10.000 Euro Strafe bezahlen – diese Summe kann er in Raten zu jeweils 500 Euro abstottern, weil er seine derzeitigen finanziellen Verhältnisse als vergleichsweise bescheiden beschrieb. Zivilrechtliche Schadensersatzforderungen seien gegen ihn bisher nicht geltend gemacht worden, erklärte Tissen.

Lindners Zahlungen, die Tissen in monatlichen Raten von 7.000 Euro zwischen April 2005 und März 2006 erhielt, wurden vom Gericht als eine Art „Schweigegeld“ interpretiert. Tissen hatte zusammen mit dem KBO-Chef Lindner die Verhandlungen zur Anmietung einer Reha-Klinik in Rastede geführt und gegenüber dem Vermieter die Zustimmung des Aufsichtsrats zu dem Vertrag, der eine Laufzeit bis zum Jahre 2015 hat, dokumentiert.

Nachdem Lindner aufgeflogen und gefeuert worden war, behauptete Tissen zunächst, er habe nicht gewusst, dass Lindner gleichzeitig auch Geschäftsführer der Betriebs-GmbH der Rasteder Reha-Klinik war – also für das Klinikum Bremen-Ost ein Geschäft mit einer eigenen Firma zu Lasten des Bremer Klinikums abschloss. Gestern vor Gericht räumte Tissen nun ein, dass er sehr wohl von der Doppelrolle Lindners wusste.

Ohne Tissens aktive Mitarbeit wäre der Pachtvertrag mit Rastede nie zustande gekommen, erklärte das Gericht. Dieser Vertrag bedeutet für das Klinikum Bremen-Ost möglicherweise einen Schaden von rund vier Millionen Euro. Ob das Klinikum Bremen-Ost wirklich die Miete für Rastede bis 2015 zahlen muss, ist derzeit noch Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens mit dem Vermieter über die Rechtsgültigkeit des Mietvertrages. Erst nach Abschluss des Verfahrens kann die Klinik entscheiden, ob sie ihrerseits Ansprüche gegen Tissen und ihren früheren direkten Chef Lindner geltend macht. Von beiden dürfte allerdings nicht viel zu holen zu sein.

Der wesentliche Schaden, der durch die Ära Tissen/Lindner entstanden ist, liegt in der jahrelangen Verzögerung der Neustrukturierung und Sanierung der kommunalen Bremer Kliniken. Noch im Februar 2006 hatte sich Bremens damalige Gesundheitssenatorin Karin Röpke voll hinter Tissen gestellt und sogar dessen Idee zugestimmt, Lindner zum Chef der größten Bremer Klinik – der in Mitte – zu machen. Wenige Monate später musste der Staatsrat Arnold Knigge zurücktreten, der Tissen und Lindner gedeckt hatte.