Refugium der Utopien

Der Monte Verità im Tessin ist die Schweizer Teststrecke der großen Erzählung von Freiheit und Flucht. Ein Berg als Geburtsstätte der Alternativbewegung, Exil für Weltverzagte. So soll das für immer bleiben. Kann das gut gehen?

Offenbar soll niemand auf die Idee kommen, sich den Weg ins Himmlische leicht vorzustellen, unbeschwerlich. „Benvenuti in Paradiso“, heißt es auf der ersten Seite des Leporellos, mit dem dieses Stück Überirdisches wirbt, „Willkommen im Paradies“. Vom Postbusbahnhof ist es nicht zu sehen, auch von der Seeseite aus liegt es verdeckt. Der Hügel, der nun erklommen werden muss, sieht, alles in allem, auch nicht höher aus als gewöhnliche Erhebungen jenseits der Alpen. Wir sind im Tessin, das Städtchen heißt Ascona, dort campiert in diesen Tagen die deutsche Fußballnationalmannschaft, und der See heißt Lago Maggiore. Aber weder ist das Trainingslager als Paradies zu begreifen, noch geht es hier um Fußball, auch wenn es der Zufall will, dass dieser überirdische Flecken quasi oberhalb des Camps von Joachim Löw thront. Der meteorologisch fassbare Himmel ist jedenfalls fett verhangen, es könnte bald schütten, es hat gar keinen Anschein von Dolce Vita, und wie sich im Laufe von zwei Tagen erweisen wird, ist dies nicht falsch prophezeit. Im Gegenteil, im lauschigen Tessin kann und wird es regnen, wie man es sonst nur in Norddeutschland vermutet. Aber was soll’s. Paradies ist Paradies, da sollen durchnässte Klamotten und spontan abgekühltes Gemüt doch bitte nicht stören.

Hoch über dieser Siedlung wird nun das Paradies liegen, und es kann doch nicht so schwer sein, es zu erreichen. Doch der Marsch hinauf, ungefähre viertausend Stufen hinter sich lassend, keinen Meter ohne ebenen Gang, dieser Aufstieg ist das Allerletzte. Paradies – es nimmt sich aus, als müsse ein Aufenthalt dort mit Mühen erkauft werden. Möglicherweise trägt zu dieser stark empfundenen Last des Aufstiegs bei, dass die Fußgängerzone vom Omnibusbahnhof, den man passiert, kommt man mit der Eisenbahn bis zur Endstation Locarno, mit Geschäften gepflastert ist, die auf einen gewissen Wohlstand ihrer Kundschaft setzen, Juwelen, Uhren, Porzellan, Kunst und Kunstgewerbe, Bäderzubehör und eine Buchhandlung. Fehlte nur noch ein Treppenliftgeschäft, das würde passen, denn die Menschen, die vor den Schaufenstern stehen bleiben, haben ihre erste Lebenshalbzeit doch sehr hinter sich. Insofern musste der Aufstieg enttäuschen. Steil führt er nach oben, empörend steil. Zwischendurch ein Stück Straße von vielleicht zweihundert Meter Länge, aber sie auch nicht plan, zur zweiten Treppe führend.

Michael von Graffenried, 1957 in Bern geboren, lebt und arbeitet als Fotoautor in Paris. 1989 erhält er einen der World-Press-Photo-Preise. Ab 1992 entdeckt er die Panoramafotografie für seine Arbeit. Seit 1998 präsentiert Graffenried seine Bilder immer öfter im Großformat. Der Betrachter wird so in die Szenerie auf dem Bild hineingezogen und fühlt sich, als ob er am abgebildeten Ereignis teilnehmen würde. Zusammen mit Mohammed Soudani dreht Graffenried den Dokumentarfilm „Guerre sans images – Algerien, ich weiss, dass du weisst“, der 2002 beim Internationalen Filmfestival von Locarno uraufgeführt wird. 2006 wird ihm vom französischen Kulturminister der Titel „le Chevalier des arts et lettres“ verliehen. Die Fotografien dieses taz.mags entstanden im Rahmen eines Projekts, für das Michael von Graffenried sein Heimatland fotografierte.

Oben, endlich, verborgen hinter Gebüsch und Bäumen mit ziemlich hohen Kronen, das, was uns gepriesen ist. Der Monte Verità, der Berg der Wahrheit – Anfang des vorigen Jahrhunderts das Mekka der allerersten Alternativbewegung, das „Paradies“, das andere Leben, das Experimentierfeld, die Teststrecke einer großen Erzählung vom Ausstieg aus allen Zwängen, aus bürgerlichen Korsetts und spießigen Traditionen. Es war, falls die Überlieferung nicht irgendwann noch etwas anderes behauptet, das erste Aussteigerprojekt der europäischen Moderne. Und dass es hier am südlichen Rand der italienischen Schweiz angesiedelt wurde, hat eben damit zu tun, so mutmaßt Andreas Schwab, der wichtigste Chronist dieses Hauses, dass damals das Tessin einerseits zwar eidgenössisch noch war, aber eben noch nicht Italien. Es fand sich in der sicheren Schweiz – und dieses Tessin hatte noch fast nichts vom Mondänen, das in den Fünfzigerjahren mit palmengeschmückten Orten wie Lugano, Bellinzona, Locarno oder eben Ascona fantasiert wurde. Dieser Teil, selbst aus Zürcher Sicht weit hinter den Alpen, war noch nicht befleckt von den Segnungen der Moderne. Dass Ascona keinen Bahnanschluss hatte, sprach in den Augen der Pioniere des Monte Verità für ihre Wahl, es war jedenfalls kein Hindernis. Es musste nur weit weg sein – ganz weit weg, kein weltstädtischer Bazillus sollte es verseuchen, kein bürgerlicher Schmutz es heimsuchen.

Das alles wäre als Wissen im Übrigen längst versunken, hätte es nicht in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts einen neuerlichen Anlauf gegeben, eine Welt zu kreieren, die sich als aus der Welt aussteigend verstand. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, hieß es in jenen Jahren, aber das Credo war nicht neu, das erkannte niemand besser als der Kunstkurator und Documenta-Chef des Jahres 1972, Harald Szeemann. Ihm, dem 1933 in Bern geborenen Schweizer, verdankt der Monte Verità eine gewisse Unsterblichkeit. Szeemann war es, der diesen Berg als Geburtsstätte der Alternativbewegung überhaupt erfand, er gab diesem Topos den nötigen erzählerischen Schwung, er konstruierte aus einem Haufen von Details ein, nun ja, Kunstwerk. Das präzise Datum einer Gründung dieser Siedlung auf dem Wahrheitsberg ließ sich nämlich gar nicht recht nennen, aber Szeemann nahm alle möglichen Zufälligkeiten zusammen und buk daraus einen Strang von Folgerichtigkeit. 1978 nannte er eine Ausstellung „Monte Verità“. Es war ein perfekter Zeitpunkt. Das Jahr nach dem Deutschen Herbst, die Zeit, als Verena Stefans Frauenselbsterfahrungs- und -behauptungsbuch „Häutungen“ erschienen war, als die kommunistischen Subkulturen abgewirtschaftet hatten und überall in der westlichen Welt Worte wie Selbsterfahrung, Ganzheitlichkeit und Utopie zu magischen Vokabeln wurden.

Szeemann aber guckte sich die Sache genau an, ließ seine Assoziationen schweifen – und befand, eine Geschichte der alternativen Geschichte ließe sich nicht erzählen, hielte man sich unnötig mit Details auf, wer genau welche Baupläne zu realisieren in Auftrag gab. Der Kunsthistoriker nahm einfach zusammen, was offenkundig nicht getrennt wahrzunehmen ist. So schuf er die Legende vom Monte Verità. Die davon berichtet, dass sich der russische Anarchist Michail Bakunin 1869 in Locarno niederließ und von der herrschaftslosen Gesellschaft träumte; dass Lebensreformer um das Jahr 1900 um Ascona herum eine Sonnenkuranstalt planten, vom dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus träumten, dass von Kooperativen die Rede war, von Individualität, der Liebe zum Tier und zum Menschen, weshalb in der Tessiner Urbevölkerung rasch von den Gemüsemenschen die Rede war, von den Irren, die murmelnd an Wegen anzutreffen waren, betend, der Sonne entgegen.

Szemann war ein kluger Mann, er wusste darum, dass ein Ort erst zum Fluchtpunkt von Träumen wird, wenn man ihm die Aura des Magnetischen verleiht: wohin alle Späne treiben. Der Monte Verità hatte ja auch allen anderen Bohemetreffpunkten gegenüber einen unschätzbaren Vorteil. Worpswede? Bei aller Liebe zu Modersohn, Modersohn-Becker, Rilke und Vogeler – aber das Teufelsmoor bei Bremen war doch die meiste Zeit des Jahres ein entsetzlich öder, triefend kalter Platz. Viel Nebel, jede Menge Nieselregen, keine Verbindungen zur weiten Welt. Oder Skagen? Die dänische Künstlerkolonie an der Spitze Jütlands litt während ihrer großen Zeit Anfang des vorigen Jahrhunderts immer unter den gleichen Nachteilen wie alle alternativen Kommunen nördlich der Alpen – zu weit weg von allem, was dann doch das bohemistische Leben ein wenig komfortabel macht, von Kopenhagen zum Beispiel mehr als eine Tagesreise auf meist sandigen Wege entfernt.

Ascona, Locarno und Minusio, über ihnen eben der Monte Verità, lagen da viel, sehr viel näher. Zugverbindungen gab es dank des Gotthardtunnels von Zürich und München allenthalben; es war für die europäischen Bohemes andererseits ins Tessin keine Reise in die Nachbarschaft, doch es war nicht ganz aus der Welt. Die Riviera nicht fern, das Italienische quasi vor der Tür, das Klima hatte für alle, die aus kühleren Gegenden kamen, etwas Verführerisches.

Und so sammelte Szeemann geistes- und kulturwissenschaftlich alles an Indizien, was seinem Herzen nahelag: ein Personen- und Sachverzeichnis der alternativen Prominenz jener Zeit. Alles, was damals Rang und Namen hatte, so legte der Kurator nahe, musste sich auf den Monte Verità und seine Magie beziehen; er fertigte für seine beim alternativen Publikum in Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg sehr beliebten Ausstellungen eine Ahnenschaft. Denn wollte nicht auch die alternative Bewegung der jüngsten Zeit einen dritten Weg, eine Welt der Kooperationen, Sonnenduschen und den ganzheitlicheren Körper? War nicht auch sie ein Aufschrei gegen die Zumutungen der Moderne, gegen Lohnarbeit, überhaupt gegen Arbeit und das Elend des Lebens an sich? Auf dem Monte Verità ist dies alles fein erprobt worden, wenngleich Andreas Schwab, der Chronist dieses Milieus, zu bedenken gibt, dass Szeemann intellektuell alles zusammenrührte, was vielleicht nicht zusammenpasste. In Ascona, noch auf Seehöhe, zeigt er ein Lokal, in dem die Sünder des wahrhaftigen Lebens Platz nahmen. „Erich Mühsam“, sagt er, „aß dort zu Abend, auch Fleisch.“ Tierisches als Nahrung aber war in den Hütten und Speisesälen des Monte Verità etwa so erlaubt wie eine Teufelsverehrung mitten im Vatikan.

Es war ein Who’s who der tonangebenden Geisteslandschaft in Wartestellung, was ins Tessin reiste. Nicht alle mochten sie auf dem Monte Verità Herberge nehmen, aber wer auf sich hielt, fuhr dorthin, nach Ascona, Locarno, oder wurde gleich, wie Hermann Hesse nur etwas weiter weg bei Lugano, in Montagnola sesshaft. Liest man all die Werke, Traktate, Hervorbringungen künstlerischer Art jener Jahre von Männern und Frauen, die zur Community des Monte Verità gezählt werden können, kommt ziemlich viel Weltschmerz, Weltenkummer und Weltuntergangslyrik zusammen. Eine Atmosphäre der Vergeblichkeit und zugleich des ästhetischen Protests gegen alle Moderne.

Aber man schätzte die Schweiz eben nicht nur als Land, um der inneren Emigration so etwas wie geistiges Unterfutter einzunähen, sondern auch praktisch als Heimstatt des echten, des politischen Exils. Während des Ersten Weltkriegs wird Ascona einer der beliebtesten Zufluchtsorte. Bloß weg von der Kriegsmaschinerie, wer in die Schweiz floh, wollte mit soldatischen Körpern sich nicht gemein machen und keineswegs Kanonenfutter werden. Das machte die neutrale Schweiz ja überhaupt so attraktiv: Freisinn als Credo, gemäßigt neugierig, fern von weltanschaulicher Mission im Verständnis seiner Bürger. Wer seinen Aufenthalt bezahlen kann, wird bleiben können – und die Jüngerschar, die es ins Tessin zog, verfügte ja über die Mittel, sich das Extraweltliche trotzdem behaglich zu machen. Das Museumhaus, in dem die Ausstellung von Harald Szeemann konserviert ist und das dringend der Renovierung bedarf, wirkt auf den ersten Blick so schlicht und natürlich, wie es sich für ein Gebäude der alternativen Architektur gehört. Aus Holz die Fassade – aber in den Räumen bereits Zentralheizungen. Nein, die Boheme hing glühend dritten Wegen und natürlichen Lebensweisen an – aber bitte ohne Frieren und Zittern!

Es war ein Wellnessniveau, das sich in den Niederungen des Tessin, bei der Urbevölkerung, nicht eben spiegelte. Dort heizte man mit Holz, wenn überhaupt. Und es war ja zugleich eine Differenz in den Lebensumständen, die durchaus zu erzielen beabsichtigt war. Man wollte in Ruhe gelassen werden, man suchte das Abgetrennte, doch eben, so Monte-Verità-Interpret Andreas Schwab, „um dabei beobachtet zu werden“, auf dass es anderen zum Vorbild gereiche. Auch dies, kann angefügt werden, ist heftig verwandt mit unseren Alternativen der Siebziger- und Achtzigerjahre. Deren Ausruf lautete ja, falls man die Jahre des ökoalternativen Neuaufbruchs so fassen darf: „Wir sind anders, wir wollen nicht sein wie ihr – nehmt euch uns als Vorbild.“

Personen, die zu den spirituellen Ahnen des Monte Verità gezählt werden: Baronin Antonietta von Saint-Léger; Michael Bakunin, Anarchist; Ida Hofmann, Pianistin; Henri Oedenkoven, Industriellensohn; Karl & Arthur Gräser, Gurus; Karl Kautsky, August Bebel und Otto Braun, Sozialdemokraten; Erich Mühsam, Anarchist und Schriftsteller, Otto Gross, Psychiater und Sexualforscher; Franziska Gräfin von Reventlow, Schriftstellerin; Hugo Ball, Hans Arp, Hans Richter, Künstler; Martin Gropius, Oskar Schlemmer, Bauhaus-Architekten; Heinrich Vogeler, Maler; Stefan George, Lyriker; Mary Wigman, Tänzerin.

Bis 1933 wurde der Monte Verità zum exklusiven Ort des alternativen Jetsets. Man traf sich zu den Ferien dortselbst – viele aber logierten lieber in Ascona, am Fuße der Tessiner Hügel um den Lago Maggiore. Auch nationalsozialistische Funktionäre wie Reichsbankchef Hjalmar von Schacht hielten sich später gern im Tessin auf, auch weil sie ihre Ideen einer reinen, pflanzlich wie menschlich sauberen Welt dort im Wachsen sahen: ein Labor der, so gesehen, Postmoderne.

Im Übrigen war Ascona Anfang des 20. Jahrhunderts noch jener Teil des Tessin, der nicht überaus teuer war. Man konnte sich dort Grundstücke leisten. Während die Bauten auf dem Monte Verità zunächst wirklich abgeschieden waren, sind bis an den Rand der Ökosiedlung konventionelle Häuser gebaut worden.

Hermann Hesse, 1946 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, der wichtigste und wunderbare Jungenpubertätsgefühlsschriftsteller des 20. Jahrhunderts, suchte, fern der für ihn miefigen schwäbischen Heimat, im Tessin Exil. Er fand es in Montagnola – er hatte es abgelehnt, sich rund um den Trubel von Ascona niederzulassen. Er bevorzugte einen nicht minder idyllischen Ort, der aber nah der internationalen Bahnstation Lugano mit Anschlüssen nach Zürich wie Mailand gelegen war.

Ein Besuch auf dem Wahrheitsberg lohnt unbedingt: Es ist schön, es ist nicht weit von Locarnos Bahnstation, die Menschen sind freundlich, die Harald-Szeemann-Ausstellung ist, überholungsbedürftig womöglich, ein exzellentes Dokument alternativen Weltverbesserungswahns oder -glaubens, je nach Perspektive.

Viele wollten es damals nicht. Was aus Zeitungsschnipseln sich erschließt, ist vor allem dies: Die Tessiner nahmen die Pilgerer auf den Spuren ihrer neuen Welten keineswegs klaglos hin, sprachen von „Irren“ und „Wirren“, aber, nun ja, die Schweiz ist eben die Schweiz, man übergeht sich im Ungefähren. Eiferer, die die Bauten auf dem Monte Verità hätten planieren wollen, gab es keine. Warum auch? Historische Fotos in der Erinnerungsstätte zeigen ein Ascona, das eher weltverloren wirkte, die sträucher- und gestrüppgarnierten Hügel bar jeden menschlichen Eingriffs.

Die Boheme, sie brachte eben auch diesen Flecken Schweiz auf die Wahrnehmungswandermappe der frühen alternativen Kreise – und mit der Zeit eben auch Geld. Und trotzdem verhielt man sich kopfschüttelnd, desinteressiert oder pragmatisch. Irgendwann gehörte der Monte Verità zu Ascona wie eine Mütze zum Kopf. Es wärmte das Selbstbewusstsein der kommunalen Räte sehr, nicht mehr im letzten Winkel zu leben, sondern, wenigstens irgendwie, am Puls der Zeit.

Auf der anderen Seite hatte man mit den Phantasmen der Gäste nichts zu schaffen. Mit den spökenkiekerischen Obsessionen der Künstler, die dort Quartier nahmen. Die sich mit Genuss unter Sonnenduschen stellten, die immer noch zu sehen sind, freilich verrostet. Ein mächtiges Ölbild hängt im Museum, das den ganzen Grusel, der auf dem Wahrheitshügel kultiviert wurde, vielleicht am stärksten einfängt. Zu sehen sind ein Mann und eine Frau unter einem Baum; an ihrer rechten Seite sieht man eine giftige, schmutzige Stadt; links von ihnen, gemalt in einem Lichtkegel, äsen drei Rehe, ein Urbild der natürlichen Familie. Der Horror sei die Stadt, aus der ein jeder, der rechtschaffen ist, sich nur kontaminiert retten kann. Hinter dem Adam-und-Eva-Paar steht ein Sensenmann, eine Todeswarnung, die wahr würde, fänden sie durch allerlei Sündenangebote hindurch nicht zum Pfad der Tugend zurück. Davon abgesehen, dass sich gerade dieses Gemälde wie eine Karikatur grünalternativen Naturglaubens ausnimmt, ist ihm auch der Kinderglaube an die Unschuld, ja Körperlosigkeit der eigenen Eltern eingeschrieben – ein heterosexueller Propagandaschinken, dessen Nähe zu Blut-und-Boden-Gemütshaltungen verblüfft. Geht man aber den Monte Verità noch ein paar Treppen höher, kommt man an ein Haus, das nur selten geöffnet ist. Es nennt sich Elisarium und muss ein Schrein genannt werden, ein Haus, in dem alle Exponate mählich zu verstauben oder gar zu verschimmeln drohen. Kein Geld ist vorhanden, um es zu bewahren. Man sieht eine Art übermannshohes Panoramabild, gemalt von Elisar von Kupffer – mit immer gleichem Motiv, eben vorgeschlechtsreifen Knaben in einer Welt, frei von Verhüllung und Soldatentum, unschuldig ihr Gestus, bar allen sexuellen Interesses. Auch dies war der Monte Verità, ein „Sanatorium der Sehnsucht“, wie Andreas Schwab ihn nennt, für alle Ideen und Fantasien, die mit den damals geltenden bürgerlichen Standards von Sitte und Anstand nicht im Einklang waren.

Ob diese Schätze, in welchem Teil des Monte Verità auch immer sie noch geborgen sind, im Museum vor allem, je wieder glänzen können, steht freilich dahin. Der Mann, der für die Zukunft des Konferenzortes angeheuert wurde, heißt Claudio Rossetti und wirkt wie der freundlichste Mann, aber nicht wie ein Manager. Aber als solcher hat er schon eine Menge geleistet für diesen Laufsteg der antibürgerlichen Boheme des frühen vorigen Jahrhunderts. Das Hotel ist renoviert, das Haupthaus mit einem Konferenzsaal ausgestattet, ohne dass es die späte Bauhausform verloren hätte. Er hat Wege anlegen lassen und sucht immer noch nach drei Millionen Franken, um das Museum und noch andere Teile des Ensembles aufpolieren zu lassen. Er sagt: „Ohne ganz normalen Konferenzbetrieb wird aus dieser Anlage nichts mehr, wir müssen einfach akquirieren als gewöhnlicher Tagungsbetrieb.“ Um die Magie des Monte Verità – wäre es dann um sie nicht geschehen? Rossetti lächelt und kommt mit einem schlagenden Argument, dem wichtigsten: „Die Magie muss sich auch in rentablen Zahlen ausdrücken.“

Womit er ja recht hat. Die alternativen Zirkel wissen ja längst nicht mehr automatisch vom Monte Verità, sie gehen ins Engadin Ski fahren, nach Salecina, eine linksradikal inspirierte Herbergsgründung, prominent geworden in den Siebzigerjahren. Oder gleich nach Davos, zu den alternativen Veranstaltungen des Weltwirtschaftsforums – die Schweiz hat ja immer neue Orte, um Sehnsucht nach dem Besinnlichen zu kanalisieren. Die alternativen Menschen von heute wollen es wie ihre Ahnen ja nicht unbequem haben. Insofern ist der Monte Verità nicht die allerbeste Adresse. Man muss eben in Locarno aussteigen, mit dem Omnibus nach Ascona und dann zu Fuß sehr hoch nach oben.

Schließlich fehlt diesem historischen Platz so etwas wie eine Eigenheit: Ascona ist längst kein Fischer- und Bauernörtchen mehr, mit edlen Wilden als Einwohnern, sondern eine touristisch kalkulierende Gemeinde, die schon in den Fünfzigerjahren still dafür Sorge trug, dass sich in diesem Teil des Tessins nur das gediegene Publikum ansiedelt, keine Menschen mit Spleens oder Ticks, Irre oder Wirre. Kein Wunder, dass Opel Ascona, erstes Baujahr: 1970, eine Automarke war, die niemand fuhr, der für cool gehalten werden wollte. Für den musikalisch entscheidenden Fortschritt hält man in Ascona bereits, dass sommers ein Jazzfestival gegeben wird – natürlich nicht so bedeutend wie das in Montreux. Nun, das auch auf keinen Fall: Man lässt Dixieland spielen, eine Stilart, die direkt aus den wirtschaftswunderlichen Fünfzigern importiert wurde. Ein Festival als Statement gegen alle Versuchungen. Nein, Ascona will solide und bieder bleiben – und das ist für den Monte Verità in gewisser Hinsicht der vorweggenommene endgültige Tod.

So kann nämlich aus einer Renaissance des wichtigsten Treffpunkts der ersten Ökos und Weltverbesserer überhaupt nie mehr was werden. Da müssen sich selbst die Versuche des Claudio Rossetti, auf seinem Berg eine Kultstätte des Grünen Tees zu etablieren, wie längst verlorene Liebesmüh ausnehmen.

Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung lebt in der deutschsprachigen Schweiz. In 18 von 26 Kantonen spricht man vorwiegend schweizerdeutsche Dialekte. Hier besteht ein deutlicher Gegensatz zwischen Dialekt – dem Schweizerdeutsch, Schwyzerdütsch oder Schwiizertüütsch – und Standardsprache – dem Hochdeutschen. Dialekt spricht man klassenübergreifend im mündlichen Umgang miteinander, wohingegen man Hochdeutsch, auch „Schriftdeutsch“ genannt, fast ausschließlich für schriftliche Äußerungen benutzt. Allerdings ist auch im Schulunterricht die offizielle Sprache Hochdeutsch. Momentan gibt es in der Schweiz eine Debatte darüber, ob Schweizerdeutsch im Kindergarten und in der Grundstufe Erstsprache bleiben soll.

Bei der Volkszählung von 2000 betrug der Anteil der deutschsprachigen Schweizer 63,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von diesen gaben 93,3 Prozent an, im Alltag Dialekt zu sprechen. 66,4 Prozent davon gaben sogar an, nur Dialekt und kein Standarddeutsch zu sprechen. Die schweizerdeutschen Dialekte unterscheiden sich so stark voneinander, dass man Deutschschweizer zum Teil allein ihrem Dialekt nach sehr genau einer Heimatgegend zuordnen kann. So gibt es neben dem Berndeutschen, Baseldeutschen, Zürichdeutschen und Walliserdeutschen noch viele weitere kantonale und sogar regionale Dialekte.

Der Kanton Graubünden hat als einziger Kanton drei Amtssprachen. Dort spricht man neben Schweizerdeutsch Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch. Die Rätoromanen sind mit 0,5 Prozent der Bevölkerung die kleinste Schweizer Sprachgruppe.

Gleichwohl: Prominenz aus heutiger Zeit war ja schon da, das lässt sich nicht leugnen. Der Vizeaußenminister von Afghanistan, Rigoberta Menchú, Friedensnobelpreisträgerin von 1992, sogar Bill Clinton soll kurz überlegt haben, dort eine Friedenszeremonie zu begleiten: kein schlechtes alternatives VIP-Portfolio, um in der der „Da musst du gewesen sein“-Liga ganz oben gelistet zu werden. Doch möglicherweise können Rossettis Pläne zur Verwandlung in einen Konferenz- und Seminarplatz unter vielen anderen gelingen – der Monte Verità könnte damit werben, mal etwas sehr Besonderes gewesen zu sein.

Doch dieses Refugium hat immer davon gelebt, dass man nicht Krethi und Plethi Einlass gewährte. Man hielt doch auf Eingeweihtheit und Distanz zum gemeinen Volk. Insofern vertragen sich Projekte wie die Rossettis nicht gut mit allen Wünschen, dass der Monte Verità seine anekdotenreiche Historie um aktuelle Geschehnisse bereichern könnte. Doch was bleibt diesem Ort übrig? Es könnte doch auch sein, dass die Schweiz als Lieblingsexil von Flüchtlingen aus allen Lebenslagen, aus Krieg und Hunger, nicht mehr diesen Rang hat. Dass sich der ideologische Mehrwert, den das wilde Tessin und sein Monte Verità versprach, längst verflüssigt hat. Weil nämlich inzwischen alle Welt auf Ganzheitlichkeit, Utopie und Grenzenlosigkeit des Selbst hält, weil das Lebensreformprojekt oberhalb von Ascona nie etwas anderes war als Wellness mit geistigem Anspruch und der Attitüde von Weltbeglückung. Dieser ganze übernervöse Kram, der einst Monte Verità zum Paradies für Aussteiger bürgerlichsten Zuschnitts machte, ist doch lange schon Teil des modern bürgerlichen Lebensentwurfs schlechthin. Montessori, Antiautorität, Demeter, alle Arten von asiatisch anmutender Körperertüchtigung wie Tai-Chi bis zu Meditation, auch der Ausdruckstanz als Antwort auf großbürgerlichen Walzer und adliges Schreiten nach einem Menuett – eingeebnet ins große Ganze der modernen Lebensformen. Vegetarisch zu essen ist auch längst üblich geworden und allenfalls noch ein fahles Zeichen von Gesundheitsbewusstsein.

Geblieben ist – was für eine Leistung! – das Bewusstsein derer, die Harald Szeemann dem europäischen Gesamtprojekt namens Monte Verità zuschlug. Diese hysterische Sorge um die ganze Welt, diese Verachtung für alles, was die Moderne hervorgebracht hat und die Inanspruchnahme aller Nützlichkeiten, die die ansonsten geschmähte Welt so bereithält: Man fliegt als Globalisierungsgegner ja recht gern um den Globus, um sich um die Natur zu sorgen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts fuhr man gern ins Tessin, um dort die Welt zu geißeln. Der Monte Verità zeigt, dass eine solche Boheme vor allem dies hinterlässt: viel Staub, um den bei feuchten Wetterlagen jede Menge Mücken kreisen.