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Armes Berlin

Am 11. Juni 1993 wurde es eingeweiht, das Denkmal „Orte des Erinnerns“ im Bayerischen Viertel, das vom Schicksal jener 6.000 Schöneberger Bürger handelt, die nach 1933 als Juden erst diffamiert, dann entrechtet und schließlich mörderisch verfolgt wurden. Mit ihrem Kunstprojekt konzipierten Renata Stih und Frieder Schnock das erste Denkmal in Deutschland, das auf Monumentalplastik verzichtete und stattdessen an die von fast allen Deutschen hingenommene Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben über den Verordnungsweg erinnerte.

Das Künstlerpaar brachte an den Straßenlampen des gesamten Viertels 80 Metalltafeln im Format 50 mal 70 Zentimeter an. Auf der einen Seite sind sie mit signethaften Illustrationen bedruckt, während die andere Seite Gesetzestexte zitiert. So informiert das Bild eines Radios oder eines Hundes darüber, ab welchem Zeitpunkt es Juden verboten war, ein Radio zu besitzen oder ein Haustier zu halten. Nein, es fing nicht harmlos an, sondern gleich unmenschlich.

Die internationale wie nationale Presse würdigte das dezentrale Denkmal zu Recht als bahnbrechend für die Mahnmalkultur. Im New Yorker kam die für ihre Berlin-Reportagen berühmte Starjournalistin Jane Kramer etwa gleich in mehreren Essays auf die vorbildhaft intelligente Arbeit zu sprechen.

Trotzdem gibt es heute, an ihrem 15. Geburtstag, wenig zu feiern. Denn um das Denkmal ist es traurig bestellt. Die Bilder sind verblasst, vereinzelte Tafeln fielen dem Wind zum Opfer, die längst vergriffene Begleitpublikation ist nicht wiederaufgelegt. Dabei ist die Nachfrage groß, die israelische Botschaft etwa führt ihre Gäste regelmäßig durch das Bayerische Viertel und nimmt dabei ganze Konvolute der Publikation ab. Der Bezirk Schöneberg-Tempelhof hat zwar Geld genug, den Wartburgpark mit einer völlig idiotischen Palisaden-Wartburg-Konstruktion zu ruinieren. Aber Geld, die „Saal 103“-Tafel vor dem nahen Amtsgericht instand zu setzen, hat er nicht.

Auch das Kunstamt Schöneberg, das den Wettbewerb ausgelobt hatte, steht in der Pflicht. Denn es ist keine Frage des Geldes, sondern des Interesses, für eine angemessene Öffentlichkeit der „Orte des Erinnerns“ zu sorgen. Das Bayerische Viertel wird aber in den Stadtführern kaum erwähnt, und selbst die Berliner Mahnmal-Liste im Dokumentationszentrum des Holocaust-Mahnmals nennt es nicht.