Künstler als Kunst der Künstler

Allerorten wird die Kommerzialisierung der einst widerständigen Ressource Kreativität beklagt. Gegen das Gejammer schreibt Diedrich Diederichsen sperrig, luzide und souverän an

Es gibt Buchtitel, die sind so gut, dass man dem Autor am liebsten einen Euro zuwerfen würde für den Einfall. „Eigenblutdoping“ ist so ein Titel. Der Sportler dopt sich mit sich selbst, führt sich sein „Selbst“ zu, um seine Leistung zu steigern. Was im Sport kriminell ist, ist in allen anderen Sphären des Lebens erwünscht. Mehr noch: gefordert. Ob Angestellter, Künstler oder avancierte „Ich-AG“ – jeder soll seine Kreativität, sein besonderes Ich, seine überschüssige Subjektivität investieren, zum Nutzen der Firma, der Märkte, des Systems.

Diedrich Diederichsen spürt in „Eigenblutdoping“ diesem Ich-Paradigma in der Celebritykultur und der boomenden Kunstmessenkunst ebenso nach wie in der Praxis, den Künstler selbst als Kunstwerk auszustellen. Man kann annehmen, dass der Autor und Kunsttheoretiker Diederichsen, als „Pop-Papst“ selbst seit Jugendtagen ein „Star“, also eine Celebrity des vermessenen Feldes, dafür ein Gespür hat.

Man kann zum zeitgenössischen Kreativitätsparadigma, wenn man das plumpe „dafür/dagegen“ schätzt, ja zwei Haltungen einnehmen. Entweder: Das ist alles wunderbar, weil die entfremdete Arbeit des Fordismus für immer weitere Kreise durch kreative, eigenständige Arbeit ersetzt wurde. Oder: Das ist alles schrecklich, weil die „Kreativität“, die einst noch als widerständige Ressource angesehen wurde, zur wichtigsten Ressource der Kapitalverwertung und des Konkurrenzkampfs verkam.

Diederichsen will sich und uns die Sache nicht so einfach machen. In den einzelnen Abschnitten zeigt er, wie in Kunst, Kunstbewegungen und Jugendbewegungen das „Ich“ als Performer, das „Ich“ als Ziel jener Bearbeitung, die man einst „Selbstverwirklichung“ nannte, ins Zentrum rückte. War der Filmstar noch der Star im Film, der im wirklichen Leben ganz anders sein mochte, so war mit der Popmusik die Personenbezogenheit vollständig. Beim Pop-Performer war zwischen Selbst und Rolle nicht mehr zu unterscheiden. Der Popstar war Künstler, aber auch Kunstwerk.

Alle Versuche, dem Selbst hinter dem Performativen zu seinem Recht zu verhelfen, führten wieder zum Ausnahmestar. Was in den „Sixties“ gegenkulturell begann, wurde in den Siebzigerjahren Glamour. Die Starkultur arrangierte sich zunehmend mit ihrer Käuflichkeit – nicht ohne mit ihr zu spielen. Der Glamouröse stellte sich selbst zudem aus, wurde zum subjektförmigen Kunstwerk. Punk wollte dies durch „Intensität“ unterlaufen, lieferte aber nur neue Energien. Nicht selten war, wie Diederichsen so schön formuliert, der erste Schritt zur Eröffnung herrschaftsfreier Räume „die Gründung einer Firma“.

Heute wird der eigene Körper zu Kunst. Oder, in Diederichsens Worten: „In der Gegenwartskunst kann man jenseits von Themen und Thesen eine gesteigerte Anwesenheit von Menschen in künstlerischen Arbeiten beobachten.“ Der Kunstboom mit seinen astronomischen Preisen, die auf den Märkten heute erzielt werden können, ist ohne diese Zuführung von „Ich“ nicht erklärbar. Der Künstler muss wiedererkennbar bleiben, seine Biograpfie wird zum Kontext, in dem sich die Werke einfügen. Der Künstler als „Serien- oder Soap-Figur“.

Diederichsen streunt von seinem Generalthema zu einer Reihe damit verbundener Aspekte los: So hält er ein Plädoyer für das Kunstwerk, referiert über die ewigen Streitigkeiten „Was ist Kunst?“, „Was ist Nichtkunst?“, die heute vom Markt entschieden werden, aber deshalb nicht erledigt sind. Vor allem aber: Diederichsen erinnert daran, dass die Kunst nie vollends im ökonomisch-kreativen Komplex aufgeht. Schließlich kann die Kunst ja gar nicht anders als immer wieder Praktiken hervorzubringen, die die Bedingungen ihres Tuns reflektieren. Die Kunst geht nicht in reiner Affirmation auf, sondern arbeitet sich am Affirmativen auch ab. Man kann nicht von ihr verlangen, diese Zusammenhänge zu durchbrechen, schreibt Diederichsen, um in einem schönen Paradoxon zu enden, „aber doch wäre alles andere zu bescheuert“. Das Kreativitätsparadigma ist selbst nicht Verfallsform, sondern eher umgeschlagene Fortschrittsgeschichte.

Aber wenn künstlerische Obsessionsbearbeitung („der Künstler als die gesellschaftlich akzeptierte Form der Verrücktheit“) nur mehr merkantilisiert wäre, dann würde es sich auch überhaupt nicht lohnen, noch darüber zu diskutieren, was gute Kunst ist. Und Diederichsen macht das gewohnt sperrig, aber auch gewohnt souverän und luzide, nah an seinem Thema. Mal ziehen die Young British Artists oder Jonathan Meese vorbei, mal diskutiert er das Partizipative im Werk von Vanessa Beecroft, das Politische in dem von Santiago Sierra.

Kurzum: Diederichsen schreibt gegen das Gejammer von der „Totalkommerzialisierung“ an, aber auch gegen die subtilen antimodernistischen Ressentiments von der Entleerung des Kunstbegriffs und dem Verfall verbindlicher Standards. Das Widerborstige hat in der Kunst einen sicheren Hafen – aber das ist ist heute auch wohl der einzige Ort, den es zur Verfügung hat. Zur Attraktivität des großen Anderen in der Kunst trägt schließlich bei, so Diederichsen, „dass die vorgefundene Welt wenig Neigung zeigt, prinzipiell anders zu werden“.