Im Bunker schwingen

Im Kunst-Penthouse des Sammlers Christian Boros in der Reinhardtstraße ist nun die erste Ausstellung zu sehen. Anselm Reyle, Olafur Eliasson und die Entdeckung Kitty Kraus stechen heraus

Als Luftschutzbunker taugt er wohl jetzt nicht mehr. In der meterdicken Decke aus Stahlbeton klafft ein riesiges Loch. Hinauf führen eine Treppe und ein Fahrstuhl. Darüber sitzt ein Penthouse, das ungeniert Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie zitiert. Doch der Zugang zu dem Bungalow mit dem wohl massivsten Fundament aller Berliner Einfamilienhäuser bleibt verschlossen. Auch die Sammlung, die der Wuppertaler Werber Christian Boros im Bunker an der Reinhardtstraße präsentiert, ist nicht öffentlich. Darauf legt der 44-Jährige Wert. „Viele respektieren schon, dass Sammeln etwas sehr Privates ist. Es gibt keinen Grund, seine Unterhose zu zeigen. Und die Sammlung ist eine Unterhose.“

Zeigen will er sie trotzdem, denn sie ist sein Stolz und seine Verpflichtung. Diese Freude an der Kunst, die Boros ganz ehrlich und unkompliziert ausstrahlt; diese Leidenschaft für Künstler, deren Werke er, wie er auf seiner Website schreibt, nicht versteht, und eben den Stolz auf den ungewöhnlichen Ort will er mit Gästen teilen.

Doch es geht Boros wohl auch weniger darum, Kunst zu verstehen, als eine Beziehung zu Werken und Künstlern aufzubauen und den Raum für Diskussionen zu öffnen. Etwa über eine Arbeit von Kitty Kraus, von der auf den ersten Blick wenig übrig geblieben ist. Nur eine verschmierte Neonröhre, Spuren an der Wand und Flecken auf dem Boden erinnern an das poetische Happening in Fluxustradition. Kraus hatte literweise schwarze Tinte mit einer Leuchtstoffröhre zu einem Block gefroren. Der Rest ist Vorstellungskraft.

Auch in einem zweiten Raum beweist Kraus, dass sie eine Entdeckung ist. Auf dem Boden stehen Kuben aus von Tesafilm zusammengehaltenen Spiegeln, die das Licht einfacher Glühbirnen nach innen reflektieren und ein filigran leuchtendes Netz auf die rohen Betonwände werfen. Auf einem schicken Palisander-Sideboard wären sie nur dekorative Designlampen – im lichtlosen Bunkerverschlag werden sie zur ortsspezifischen Installation. Gekonnt balanciert Kraus auf der Schwelle zwischen Konzeptkunst und Kitsch.

So einige Wandler auf heiklen Pfaden führt Boros hier zusammen. Schon seit fast 20 Jahren sammelt er Kunst von Olafur Eliasson, der diese Grenze bisweilen auch überschreitet. Hier im Bunker versöhnt er mit grandiosen, einfachen Arbeiten. In einem der höchsten Räume, der vier ehemalige Geschosse umfasst und auch von einer Galerie aus eingesehen werden kann, schwingt der Ventilator, mit dem Eliasson das Publikum der ersten Berlin Biennale 1998 in Bann zog. Vom eigenen Luftstrom angetrieben, zieht er seine Bahnen. Von unten betrachtet als kinetische Skulptur, in der Aufsicht präsentiert sich das Ufo jedoch als Zeichner des Zufalls.

Nun versteht man auch die Skizzen an der Wand. Den Stift hat zwar Eliassons Vater gehalten, doch zur künstlerischen Leistung trieb ihn der Wellengang des Meeres: Die Zeichnungen sind auf hoher See entstanden. Zu welchen erstaunlich puren und doch komplexen Installationen zwischen Ästhetik und konkreter Physik der Bastler und Experimentator Eliasson kommt, verdeutlicht seine Arbeit „Cornerlight“. Vier simple, aber äußerst präzise justierte Glasscheiben stehen so vor einer Projektionslampe, dass sich das Licht in die Grundfarben bricht und die prismatische Brechung passgenau in die Ecken des Raumes fällt.

Auch Anselm Reyle ist mit vielen Arbeiten vertreten. Ein zentraler Raum offenbart alle Residuen der Vergangenheit, die dem Bunker eingeschrieben sind: Graffiti der Gabbahöhle, die schwarze Bemalung aus Darkroomzeiten, die Enge des Schutzraums und die Weite, die entstand, nachdem die Decke herausgefräst wurde. Reyle reagiert mit einem abstrakten Streifenbild und der vielschichtigen Skulptur „Live Enigma“. Ursprünglich entstammt die Form einer sogenannten Negerplastik, die sich die Nachkriegsgeneration auf den Nierentisch stellte, um dem behaglichen Heim einen Hauch des Exotischen zu verpassen. Reyle hat diese Form genommen und zunächst überlebensgroß aufgeblasen, in Bronze gegossen und dann, um den Kunstcharakter vollends ins Lächerliche zu wenden, von einer Spezialwerkstatt, die eigentlich Harley Davidsons veredelt, mit einem von Glitzerpigmenten durchzogenen schwarzen Glanzlack überziehen lassen – Ankunft in einer inzwischen auch schon wieder historischen Technoästhetik.

Für die erste Ausstellung hat Boros sich auf Skulpturen, Installationen und Environments konzentriert; raumbezogene Kunst, die von sich aus spricht. Beschriftungen gibt es keine. „Wenn Sie zu Hause ein Bild haben, würden Sie nie auf die Idee kommen, etwas darunterzukleben. Und Sie sind hier bei mir zu Hause.“ Für Fremderklärung sorgt ein Führungsteam von Studenten. Die können erzählen, wie es Santiago Serras riesige Konstruktion von teerbeschichteten Formen überhaupt in den Raum geschafft hat. Welches irreversible Geschenk John Bock dem Sammler gemacht hat. Weshalb Katja Strunz’ Installation durch das ganze Haus splittert.

Boros wird aber auch selbst durch den Bunker führen, um zu erklären, warum er den unstillbaren Drang hat, zu sammeln und Kunst physisch zu besitzen, denn die Sache mit dem Nichtverstehen ist natürlich nur kokett geflunkert.