Schön poliertes Glatteis

Frauen am Rande des Serverzusammenbruchs: In der Ausstellung „Hack.Fem.East“ im Kunstraum Kreuzberg rechnen Künstlerinnen mit Cyberwahnsinn, Chatfrust und auch mit Sex per Mailorder ab

In den unendlichen Weiten des Cyberspace kommen genau vier Blondstufen vor: polnischblond, hübsch blond, platinblond und „einfach nur blond“. Zugegeben, das ist keine lebenswichtige Information. Relevant wird sie nur, wenn man sich im Netz eine polnische Frau bestellen will. Dann kommt man um die Wahl der richtigen Blondstufe einfach nicht herum.

„Polish Wife“ heißt das Kunstwerk von Anna Krenz, das im Rahmen der Ausstellung „Hack.Fem.East“ im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zu sehen ist. Auf Brautschau im tüllverhangenen Séparée verleiht der Besucher seinen Fantasien über eine Computertastatur Ausdruck. Mailorder nach Baukastenprinzip: Neben den Blondstufen gilt es aus vier Outfits zwischen Nonne und Nutte und vier Charakterzügen zwischen Beten, Bett und Bodenfegen auszuwählen. Nun noch den Körper designen und abschicken. Klick, fertig. Rechnung kommt später.

Es ist ganz klar die Interaktivität und weniger das Hacking, das in „Hack.Fem.East“ im Vordergrund steht. Sie stellt Künstlerinnen aus zwölf osteuropäischen Ländern vor, die in digitalen Netzwerken unterwegs sind. Zwar gibt es auch Beispiele von klassischem Internetvandalismus zu sehen, etwa wenn die Homepage des amerikanischen Nachrichtensenders CNN durch digitale Kritzeleien manipuliert wird. Im Allgemeinen stehen jedoch der Austausch mit den Besuchern und die Verknüpfung der Künstlerinnen untereinander im Vordergrund. Die Schau soll als „Netzwerk der Netzwerke“ Positionen sichtbar machen, die vom westeuropäisch-männlich dominierten Kunstbetrieb an den Rand verbannt werden.

Es stimmt natürlich, wenn Jasmina Tešanović im Ausstellungsflyer schreibt, dass im 20. Jahrhundert die Empfängnisverhütung und der Computer die Rolle der Frau revolutioniert haben. Wie begrenzt jedoch die Karrierewege sozial aufsteigender Osteuropäerinnen sind, scheint Petra Vargova anzudeuten, die sich in eine Playstation2-Konsole gehakt und ihren eigenen Körper in ein Kung-Fu-Game eingespeist hat. Jetzt kämpft sich Vargova im endlosen Loop immer wieder durch die unteren Level, nur um danach beständig am testosterongeladenen Endmonster zu scheitern. „Das kann nicht sein“, ruft die digitalisierte Künstlerin frustriert aus. Oh doch, es kann.

Wie die Ausstellung suggeriert, scheint es nämlich vor allem zwei Erfolg versprechende Überlebensstrategien für Osteuropäerinnen zu geben. Die eine ist der Humor und die Fähigkeit, der eigenen prekären Existenz ins Gesicht zu lachen: Anetta Mona Chisa und Lucia Tkáčová bieten wunderbar sarkastische Kits an, mit denen Frauen zur Fußnote ihres eigenen Lebens werden können. Und da ist es egal, ob der Lebensentwurf nun Windel und Babypuder oder Handtasche und die Visitenkarte eines Galeristen parat hält. Zur Erheiterung im Falle künstlerischer Missachtung kann man sich auch das lustige Musikvideo anschauen, in dem die zwei Musikerinnen von son:Da mit Cyberwahnsinn und Chatfrust abrechnen. Der trashige Elektrosound und der Refrain künden vom Sommerhit bei der nächsten LAN-Party: „What’s your IP, what’s your IP? Are you gay, hetero or bi?“

Womit son:Da mit ihrer Verschränkung von Erotik und Technik auch die zweite vermeintlich Erfolg versprechende Strategie erkannt hätten: der Verkauf des Körpers. Die Künstlerin Alla Georgievas zeigt etwa einen computeranimierten Film, in dem zwei Frauen in bulgarischer Tracht so lange auf und nieder hopsen, bis die Kleidung von der Hüfte rutscht. In der Installation „Protected“ von Mare Tralla kann man dagegen einer Wollita-Wollpuppen-Wiedergängerin zwischen die gestrickten Schenkel schauen, während man sich von einer Überwachungskamera beobachtet weiß. Ein verbreiteter männlicher Blick stuft Frauen, zumal aus ärmeren Ländern, als Objekte ein. Nicht nur Georgieva und Tralla spielen ironisch mit dieser Diskriminierung, indem sie sie ins Groteske übertreiben und auf diese Weise gegen den Betrachter wenden. Sex sells. Warum nicht so einen aufmerksamkeitsökonomischen Vorteil erlangen, nur um den Adressaten am Ende umso schöner auf Glatteis zu führen?