Nichts für Optimisten

Für Harald Welzer ist der Klimawandel kein naturwissenschaftliches, sondern ein kulturelles Problem – das viele Todesopfer fordern wird

Dieses Buch hat zwei Schlusskapitel. Und Harald Welzer empfiehlt dem optimistischen Leser fürsorglich, die Lektüre besser mit dem ersten zu beenden. Das zweite raube ihm den Optimismus. Dabei hat Welzer schon auf den vorangegangenen Seiten auch dem Zuversichtlichsten den Boden unter den Füßen weggezogen. „Klimakriege“ der nahen Zukunft schildert er, und der Untertitel präzisiert in aller Deutlichkeit: „Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.“

Drei argumentative Grundlinien verflicht dieses Buch miteinander: dass der globale Klimawandel zu großen Spannungen führen wird, dass der Überlebenskampf mit Gewalt ausgetragen wird und dass der Mensch als moralisches Wesen solchen Veränderungen gegenüber hilflos ist. „Klimakriege“ ist ein tiefschwarzes und darin überzeugendes Buch.

Für Welzer ist der Klimawandel kein naturwissenschaftliches, sondern ein kulturelles Problem: Er bedroht das Zusammenleben von Menschen. Steigende Temperaturen verschieben fruchtbare und bewohnbare Zonen, Wüsten rücken vor, Wasser wird knapper oder überflutet das Land. Für die Verursacher, die früh industrialisierten Länder Westeuropas und Nordamerikas, fallen die Veränderungen noch am geringsten aus. Am meisten leiden die armen Länder. Unter ihnen trifft es besonders jene, die zugleich die schwächsten Institutionen und die geringsten Kapazitäten haben, um den Katastrophen zu begegnen. Ihre Bürger werden im Überlebenskampf zur Gewalt greifen, weil arme Staaten ihre Rechte nur unzureichend schützen können.

Umweltveränderungen und Gewalt lassen die Flüchtlingsströme anschwellen: Bis 2050 wird mit ihrer Verzehnfachung gerechnet. Spätestens dann sowie aufgrund des Zusammenbrechens der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen erreichen die Folgen des Klimawandels auch die von ihm vergleichsweise gering betroffenen Länder – von Welzer zutreffend „Verursacherstaaten“ genannt. Die EU und die USA haben bereits damit begonnen, ihre Grenzen aufwendig abzuschotten, die Verantwortung für Flüchtlinge an die Transitstaaten etwa in Nordafrika zu delegieren und Bürgerrechte zugunsten der Terrorismusbekämpfung einzuschränken. Das hierzu von Welzer zusammengetragene Material ist in seiner Fülle erschreckend.

Der in Essen lehrende Sozialpsychologe listet keine zukünftigen Konflikte auf, er präsentiert die bisher eingetretenen Veränderungen des Sozialen so wie Naturwissenschaftler ihre Messergebnisse. Die zweite Ebene seines Buches handelt von der Gewalt. Da Welzer wie der polnische Philosoph Zygmunt Baumann den Holocaust nicht für einen Betriebsunfall der Moderne, sondern für deren rationale Konsequenz hält, zeigt er den bisher erreichten Standard der Gewaltanwendung an den Konflikten des 20. Jahrhunderts auf: an der nationalsozialistischen Judenvernichtung, am Völkermord an den Tutsi, den Kriegen und ethnischen Säuberungen in Jugoslawien, Darfur und Sudan. Mittlerweile sind zwischenstaatliche Kriege die Ausnahme. Es gibt Gewaltmärkte und Warlords, die mit Gewalt Geld verdienen und an der Beendigung von Kriegen kein Interesse haben.

Fatalerweise erkennen Menschen weder die Veränderungen des Klimas noch des Sozialen. Ihre Sicht der Wirklichkeit verändert sich nämlich mit der Wirklichkeit. „Shifting baselines“ nennen Umweltpsychologen das Phänomen, dass Menschen jenen Zustand für „natürlich“ halten, der mit ihrer Lebens- und Erfahrungszeit zusammenfällt. Jüngere Fischer halten es für normal, dass sie nur auf hoher See fischen können. Während sich Ältere noch an Fänge in anderen Gebieten erinnern, gab es für sie dort niemals Fische.

Mit sich verschiebenden Referenzrahmen im Sozialen versuchte Welzer schon in seiner Studie über nationalsozialistische „Täter“ von 2005 zu erklären, „Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“. Noch 1933 wäre die Judenvernichtung undenkbar gewesen, atemberaubend wenige Jahre später war sie es nicht mehr. Die „gefühlten Probleme“ des Klimawandels, prophezeit Welzer, werden Menschen zu radikalen Lösungen greifen lassen, an die sie zuvor nie gedacht hätten.

„Klimakriege“ ist ein Beitrag zur Katastrophensoziologie, der es an Düsterkeit mit seinem Gegenstand aufnehmen kann. Lösungen bietet Welzer nicht. Seine einzige Hoffnung ist ein kultureller Wandel: erweiterte, außerparlamentarische „Kommunikations- und Teilhabechancen“ sollen es den Bürgern erlauben, sich mit ihrer Gesellschaft zu identifizieren und die dringenden Zukunftsprobleme zu lösen. Verglichen mit dem Zukunftsszenario der Klimakriege, klingt diese Hoffnung wolkig. Doch nach der niederschmetternden Lektüre dürften nicht nur Optimisten sie dankbar aufnehmen.