BERLINER PLATTEN

Allerweltsmusik zwischen Song, Track und Hitparade: Bodi Bill entdecken besiedeltes Niemandsland aufregend neu und Virginia Nascimento will gut handwerklich in die Charts

Eigentlich ist er aufgehoben, der Abstand zwischen Song und Track, und das schwarze Loch zwischen Electronic und Rock schon lange erforscht. Sollte man meinen. Doch Bodi Bill schaffen es tatsächlich, auf ihrem zweiten Album „Next Time“ so zu tun, als könnte man sich noch einmal in diesem ehemaligen Niemandsland verlaufen.

Tatsächlich aufregend klingt es, wenn sie in „Needles“ experimentieren mit programmierten Beats, die oberflächlich klingen wie vom Dancefloor, aber dann doch immer einen Hauch zu sperrig sind zum Tanzen. Darüber setzt das Trio einen demonstrativ coolen Gesang, der sich ständig wehren muss gegen aufdringliche Geräusche aus Videospielen oder Horrorfilmen. Sofort anschließend, in „Tip Toe“, klopft dann eine menschenfreundliche Besinnlichkeit ans klapprige Grufthaus, wird die heimelige Atmosphäre verkratzter Jazz-Platten imitiert und kommt der moderne Mensch gemütlich im Ohrensessel an. Im weiteren Verlauf verschränken Bodi Bill manchmal in nur einem einzigen Stück die tradierten Erwartungen an elektronische Musik beständig mit den Erfordernissen von Mainstream-Pop und avantgardistischen Zumutungen, ohne dabei – und das ist wirklich eine gewaltige Leistung – allzu oft anstrengend zu klingen. Daraus entsteht eine Spannung, die erst zum Abschluss aufgelöst wird, wenn in „Three Is A Crowd“ ein Bar-Piano den ganzen Ansatz fast bis zum klassischen Kunstlied hochklimpert.

Ähnliches haben auch schon beispielsweise Tarwater versucht, aber kaum jemand hat bislang gewagt, die entstehenden Konflikte so deutlich auszustellen, die Schönheit des Widerspruchs herauszuarbeiten, ohne dabei plump zu werden. So sollten die Elogen, die momentan The Notwist gewidmet werden, vielleicht eher auf Bodi Bill gesungen werden. Denn wo Notwist auf ihrem neuen Album ihren bereits bekannten Entwurf bestenfalls fortschreiben, gehen Bodi Bill ein Wagnis ein mit so einer disparaten Platte, die von allem zu viel will, dabei nicht alles erreicht, aber immerhin doch einiges zuwege bringt.

Um sich klar zu machen, wie intellektuell anspruchsvoll „Next Time“ bei aller Leichtigkeit klingt, kann es helfen, gleich anschließend eine Platte wie „Twisted Mind“ zu hören. Virginia Nascimento, in München aufgewachsene Berlinerin mit brasilianischen Wurzeln, die bislang als Background-Sängerin für Mocky oder Jam & Spoon reüssierte, erforscht auf ihrem Debütalbum die Zumutungen der aktuell gültigen Chartsverstopfungsware und kommt dabei zu durchaus ansprechenden Ergebnissen. Das ist wunderbar schwereloser Soulpop, der immer wieder mit dem Lateinamerikanischen kokettiert. Das ist souverän und handwerklich sauberst eingespielt, anschließend am Computer nach neuesten Erkenntnissen abgezirkelt zusammengesetzt und durchaus fit für einen internationalen Markt. Allerdings strahlt „Twisted Mind“ im Ergebnis halt – wahrscheinlich notgedrungen – vor allem den Charme eines im Labor geplanten Designer-Produkts aus. Gute, saubere Unterhaltung sicherlich, aber eben kein Risiko. THOMAS WINKLER

Bodi Bill: „Next Time“ (Sinnbus/ Alive), live beim Headquarter-Abend Mo. in der Volksbühne

Virginia Nascimento: „Twisted Mind“ (Aplus/RTD), live Fr. im Grünen Salon