Christival nicht bedroht

Gleich zwei politische Bündnisse formieren sich heute gegen den evangelikalen Jugendkongress „Christival“. Polizei widerspricht unterdessen Befürchtungen einer drohenden „Eskalation“

Der Widerstand gegen den evangelikalen Jugendkongress „Christival“ wird breiter. Neben dem antisexistischen Bündnis „No Christival“ hat auch das schwul-lesbische Rat- und Tat-Zentrum für heute ein Vernetzungstreffen initiiert – eingeladen sind neben der Gewerkschaft Ver.di, auch die Linkspartei, Teile von SPD und Grünen, der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) oder pro familia. Unterdessen hat die Polizei gestern Befürchtungen seitens der UnterstützerInnen des Christivals zurück gewiesen, dem am 30. April beginnenden Festival drohe eine „Eskalation“.

Das evangelikale Nachrichtenportal idea hatte berichtet, die Eröffnungsveranstaltung könne möglicherweise „nur unter Polizeischutz“ statt finden. Auch der Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Hermann Barth, hatte idea gegenüber „Repressionsversuche“ und „Störungen“ des Christivals nicht ausgeschlossen. Hintergrund ist eine für den 30. April geplante Demonstration unter dem Motto „Gegen den sexistischen Normalzustand – beim Christival und überall“.

Eine Polizeisprecher sagte dazu gestern: „Wir sind ganz entspannt.“ Eine Bedrohungslage sei derzeit „nicht bekannt“, ein Anlass „aufzurüsten“ bestehe also nicht. Die angekündigten Proteste bewegten sich im Rahmen des demokratisch Üblichen und rechtsstaatlich Zulässigen. Die OrganisatorInnen des Christivals wollen jedoch erreichen, dass die Festivaleröffnung auf der Bürgerweide und das parallel im benachbarten Kulturzentrum Schlachthof stattfindende 9. schwul-lesbische Spektakel „voneinander getrennt“ werden, wie Christival-Sprecher Stephan Volke der taz sagte – wegen „eventueller Eskalationen“.

Nicht weiter eskalieren wird jedenfalls der Streit der Kongressveranstalter mit dem Schlachthof, in dem ursprünglich ein Teil der Seminare und Konzerte stattfinden sollte. Dieser hatte dem Christival den Mietvertrag gekündigt – „auf unrechtmäßige Weise“, wie Volke sagt. Man strebe jedoch keine Klage an – aber auch keinen Dialog mit den Kritikern: Nachdem das viel kritisierte Seminar zur Therapiebedürftigkeit von Homosexualität gestrichen sei, so Volke, gebe es „keinen Grund“, inhaltlich mit jenen zu diskutieren, die dem Christival Homophobie vorwerfen. Der Festival-Vorsitzende Roland Werner hat Homosexualität in Vorträgen, Aufsätzen und Büchern wiederholt als Symptom einer Persönlichkeitsstörung definiert und angebliche Wege zur Heilung entwickelt. Zudem sitzt der promovierte Afrikanist Werner im wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Dieses bietet Homo-Heilungs-Seminare an.

Doch auch diverse andere von verschiedenen Christival-Seminaranbietern vertretene Sichtweisen seien „unterirdisch“, so der schwulen- und lesbenpolitische Sprecher der Grünen, Klaus Möhle – etwa jene, die Abtreibung verdammten. Verschiedentlich geäußerte Vorwürfe, er sei „intolerant“, wies er jedoch von sich. Zugleich betonte Möhle, seine Partei unterstütze die Initiative des Rat- und Tat-Zentrums – die sich selbst ausdrücklich nicht als Konkurrenz zum antisexistischen Bündnis versteht: „Je breiter das Bündnis, je besser“. Rat- und Tat-Vorstand Rainer Neumann will vor allem eine „Gegenöffentlichkeit“ schaffen – in welcher Form genau, ist jedoch noch unklar.

Unterdessen hat EKD-Mann Barth bedauert, Christival-Kritikern wie dem Grünen-Politiker Volker Beck einen Angriff auf die Meinungsfreiheit vorgehalten zu haben. Er sei im Unrecht gewesen, so Barth, davon habe er sich mittlerweile überzeugt. Beck hatte in einem Interview mit der taz gesagt: „Kritik ist kein Angriff auf die Meinungsfreiheit, sondern ihr Ausdruck.“