Klasse Gesellschaft

VON GERT G. WAGNER

Der Begriff „Elite“ ist wieder einmal in aller Munde, seit mit Hilfe der Exzellenzinitiative nun „Eliteuniversitäten“ geschaffen werden sollen. Dabei ist es nach wie vor ziemlich unklar, was mit „Elite“ eigentlich gemeint ist. Der aus Funk und Fernsehen bekannte Eliteforscher Michael Hartmann, einer der nach eigener Einschätzung letzten linken Soziologieprofessoren in Deutschland, hat ein mit reichlich Zahlenmaterial solide fundiertes Buch über „Eliten und Macht in Europa“ geschrieben, das sich über weite Strecken gut liest und teils wenig bekannte Tatsachen darstellt.

Hartmann definiert den Begriff Elite „institutionell“. Für ihn gehören nur diejenigen Personen zur Elite einer Gesellschaft, die durch ein Amt oder wirtschaftliche Macht, die von ihrer Person unabhängig ist, Einfluss ausüben. Also Wirtschaftsführer, hohe Verwaltungsbeamte, Richter und Politiker. Insgesamt in Deutschland ein paar tausend Personen. Sein Elitebegriff ist gut begründet, vor allem aber statistisch fassbar und damit international vergleichend beschreibbar.

Zu den interessantesten Teilen des Buchs gehören die über Großbritannien und Frankreich. Denn dort existieren nach wie vor Klassengesellschaften, wie wir sie uns in Deutschland gar nicht vorstellen können. Diese Länder sind durch Schulen und Hochschulen gekennzeichnet, in denen ganz systematisch der Nachwuchs für Spitzenpositionen – also die Elite im Hartmann’-schen Sinne – ausgebildet wird. Und das seit Jahrhunderten.

In Großbritannien werden Spitzenjobs in Wirtschaft, Verwaltung und Politik zu einem Großteil mit Schülern von Privatschulen besetzt. Diese Schulen nehmen nur 5 Promille eines Jahrgangs auf, also 5 von 1.000 Schülerinnen und Schülern. Den Namen der Topschule hat jeder schon einmal gehört: Eton. Zahlreiche Premierminister – ob konservativ oder links – waren „Etonians“.

Nicht ganz so exklusiv sind die Universitäten Cambridge und Oxford. Hier hat auch superbegabter Nachwuchs aus der Arbeiterschaft eine minimale Chance, weil man ein Stipendien erhalten kann. Das liegt daran, dass „Oxbridge“ nicht nur Juristen ausbildet, sondern die beiden Einrichtungen echte Forschungsuniversitäten sind, die wissenschaftliche Spitzenleistungen wollen und vollbringen. Deswegen müssen die besten Studierenden und Promovierenden dorthin geholt werden. Und die sind, wie Hartmann auch zahlenmäßig belegt, nicht nur beim Nachwuchs der Elite zu finden.

Ganz anders in Frankreich. In unserem Nachbarland muss man eine der fünf Elitehochschulen absolvieren, um mit Sicherheit an die Topjobs zu kommen. Diese „Grandes Écoles“ sind allerdings – anders als „Oxbridge“ – keine Forschungsuniversitäten, sondern reine Ausbildungsbetriebe. Im angelsächsischen Sprachgebrauch würde man sagen: Professional Schools. Etwa wie die Law Schools an den großen Eliteuniversitäten der USA, nur dass bei den Grandes Écoles das sonstige universitäre Umfeld fehlt und entsprechend „elitärer“ Nachwuchs herangezüchtet wird.

Dieser Nachwuchs ist auch innerhalb der Spitze sehr mobil. Wechsel zwischen den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung und Politik sind normal. Entsprechend verfilzt ist die Elite der französischen Gesellschaft. Das sollten sich diejenigen klarmachen, die für mehr Mobilität zwischen den Bereichen in Deutschland sind. Wenn auch die Politik vom großbürgerlichen Nachwuchs dominiert wird, dann ist die Elite eines Landes völlig abgehoben – und es muss gelegentlich zu Revolutionen kommen.

Äußerst aufschlussreich ist Hartmanns Darstellung der skandinavischen Eliten. Diese haben sich weit weniger aus dem Nachwuchs der alten Elite selbst rekrutiert. Und das liegt nicht nur daran, dass es keine exklusiven Privatschulen und elitären Professional Schools gibt, sondern auch daran, dass die Chefetagen von Staatsbetrieben und staatlich kontrollierten Unternehmen weit offener sind als die Führungszirkel von Privatunternehmen, die ja überraschend oft noch in der Hand superreicher Familien sind.

Ein einziger knapper Abschnitt von Hartmanns Buch überzeugt nicht. Dort schimpft er auf die Exzellenzinitiative der deutschen Universitäten, verkennt jedoch, dass dadurch eher gute Forschungsuniversitäten wie Cambridge und Oxford geschaffen werden sollen, nicht aber geschlossene Anstalten wie die Grandes Écoles in Frankreich. Und: Ob aus den vielen privaten „Business Schools“, die in den letzten Jahren in Deutschland gegründet wurden, jemals eine Elite herauskommen wird, muss man abwarten. Angesichts der Schmalspurausbildung zum Master of Business Administration, die dort betrieben wird, muss man dies nicht unbedingt fürchten. Auf jeden Fall ist eher unwahrscheinlich, dass dieser Nachwuchs wie in Frankreich immer mal wieder den Anlass zu einer Revolution bieten wird.

Michael Hartmann: „Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich“. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2007, 268 Seiten, 19,90 Euro