Ein hässliches Spiegelbild

VON JAN FEDDERSEN

Die Chose schien aber auch gar nicht in Schwung zu kommen. 2008 – vierzigster Geburtstag einer Ära, die einem gewissen Jahr zugerechnet wird, Achtundsechzig als Chiffre, als Zeichen von etwas, was Bedeutung hat und intellektuell immer noch beansprucht. Nur was genau? Die in Buchform vorgelegten Deutungsangebote des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann („Der große Selbstbetrug“) und die wehen Klagen der früheren Nachrichtensprecherin Eva Herman („Das Prinzip Arche Noah“) versandeten, obwohl pünktlich vor dem runden Jahrestag publiziert, im Albernen. Der eine erkennt im Rumoren jener Jahre Zivilisationszerbröselung, die Geburt schlechter Manieren und allgemeinen Wertezerfall; für die andere hat Achtundsechzig an Kinderlosigkeit und Einsamkeit Schuld. Durch wirre Kommentare zur nationalsozialistischen Mutterseligkeit brachte sie sich schließlich ein für alle Male um jede Chance, noch für voll genommen zu werden.

Und das soll’s von konservativer Seite gewesen sein? Gibt es bei jenen, die sich ausdrücklich nicht als links oder linksliberal verstehen, niemanden, der ernsthaft mit jener Zeit ins Gericht geht, und sei es, dass er oder sie sagte: Nun ja, hatten wir als Konservative so nicht gewollt, aber es war doch nötig, mal gründlich von einem Zeitgeist und ihren Trägern ausgelüftet zu werden – denn auch wir genießen die mähliche Entsteifung der Republik. Umreißt diese Beobachtung die übliche Klage, dass sich die Konservativen auch intellektuell nie vom Verlust ihrer Macht vor 39 Jahren, mit der sozialliberalen Regierung Willy Brandts und Walter Scheels, erholt haben? Dass sie sich immer nur aufs Mosern und Nörgeln und Meckern verstehen, als gäb’s kein gutes Leben im Schlechten? Nur ein Siechen und Sehnen? Wie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bisweilen Autoren wie Alexander Schuller, Gerhard Amendt oder Günter Franzen? Wie eben, am populärsten, von Diekmann oder Herman.

Jene, für die Achtundsechzig fix ist als Nukleus eines besser werdenden Deutschland, mögen sagen: Die können uns mal, die Konservativen; wir haben gewonnen, das Schlachtfeld liegt längst hinter uns, wer noch greint, hat selbst Schuld. So cool sind die wichtigsten Interpreten jener Ära allerdings nicht, sonst würden sie über den einzigen Essayisten, der das feierliche, wenngleich etwas langweilende Geburtstagsfestchen mit seiner Analyse absichtsvoll stört, nicht so herfallen, als hätte er Ruhmschändendes gesagt. Dieser Mann ist der Historiker Götz Aly, sein Buch trägt den Titel „Unser Kampf“, ist dieser Tage erschienen und fand in allen Feuilletons Resonanz. Ablehnende, en gros wie en détail – in der taz durch Stefan Reinecke, in der Süddeutschen Zeitung durch Franziska Augstein, in der Frankfurter Rundschau wütende Resonanz durch Peter Grottian, Wolf-Dieter Narr und Roland Roth.

Zunächst aber muss mal erläutert werden, Jüngere sind womöglich dankbar für diese kleine Hilfe: Worum geht’s bei diesem Achtundsechzig, worum dreht sich der Streit? Da sind die einen, die die kanonisierte Haltung vertreten, dass diese Zeit in der Bundesrepublik für den entscheidenden Bruch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit steht; dass während ihrer Jahre in den Familien das begann, was Vergangenheitsbewältigung genannt wird; dass 1968 der „Muff unter den Talaren“ endlich ausgelüftet wurde und die Tradition deutscher Barbarei ihr protestierendes Echo fand. Damals sei alles freier geworden, selbst, so hoffte man, eine sozialistische Transformation habe als Möglichkeit existiert, jedenfalls sei es die Bewegung der Achtundsechziger gewesen, die das Land vom fiesen Dunst der Adenauerrepublik erlöst habe.

Zum Beweis führen die Helden jener Jahre, unter vielen anderen auch der Politiker Daniel Cohn-Bendit wie der Schriftsteller Peter Schneider („Rebellion und Wahn. Mein ’68“), all jene Errungenschaften an, die sie damals im Blick gehabt hätten: die Befreiung der Ordinarienuniversität, die Lockerung der Sitten und Traditionen, die Demokratisierung der Geschlechterfrage oder auch das, was der spätere Kanzler Brandt als „Mehr Demokratie wagen“ in seiner ersten Regierungserklärung 1969 zum Ziel erklärte.

Die anderen, Konservativen, halten dem nur entgegen, die Sitten seien liederlich geworden, die Kinder aufsässig, die Frauen zur Mutterschaft unfähig gemacht worden und die Gesellschaft überhaupt mehr und mehr aus den Fugen geraten. Sie glauben, sich über penetrantes Duzen aufregen zu müssen, über die Entmachtung der Professoren als Lichtgestalten ihrer Wissenschaftsterritorien, über den schlechten Stil und den Mangel an Ästhetik des Alltags im Allgemeinen. Solche Kritik erschöpft, macht nicht gerade Laune, über die Selbstbesoffenheit der Mitstreiter jener Jahre nachzudenken. Denn die Frage könnte ja wirklich lauten: Was hat denn ’68 wirklich geändert, außer dass seine linksradikalen Prominenten sich mit einer parlamentarischen Demokratie nie anfreunden wollten, nie auch mit Gewaltenteilung. Und keine Freunde von Individualität und aufgeklärter Bürgerlichkeit waren – obwohl sie alle, im Wortsinn: allesamt Kinder der bürgerlichen Klassen und auf dem Zenit ihrer politischen Erregungsfähigkeit waren.

Götz Aly hingegen, Historiker und Journalist, hat bewusst ein krawalliges Buch geschrieben, es steht mit seinem Resultat genau zwischen beiden sogenannten Lagern. Die Konservativen der gedankenfaulen, zeternden Sorte interessieren ihn nicht, er kapriziert sich auf die geistige und politische Verfassung der Achtundsechziger selbst. Was fand er heraus nach eingehendem Studium bislang verschlossener Regierungsakten aus dem Bundesarchiv? Dass es, kurz gesagt, den militanten Akteuren und wichtigsten Stichwortgebern jener Jahre (von Rudi Dutschke über Bernd Rabehl bis hin zu Peter Schneider und Johannes Agnoli) weder um die Reform der Bundesrepublik ging noch um das, was sie heutzutage selbst am liebsten von sich glauben, nämlich um die jüngere deutsche Vergangenheit: um den Nationalsozialismus.

Vielmehr seien jene Kader an vielem, aber gerade nicht am nationalsozialistischen Wahn interessiert gewesen; ihr Denken war, darauf hat der Psychoanalytiker und Soziologe Christian Schneider (taz.mag vom 29. Dezember 2007) hingewiesen, auf Antikapitalistisches gerichtet, auf Bewegung, auf Revolution, auf Ablehnung parlamentarischer Formen, weil sie ohnehin nur Schwatzbudenhaftes verkörperten. Sie vermieden damit, bewusst oder unbewusst, jede Berührung mit dem tatsächlichen Terror des Nationalsozialismus, der auch ihren Vorfahren eigen war. Und sie erkannten im Nationalsozialismus nur eine besondere Form bürgerlicher Klassengesellschaft – Antisemitismus als Kategorie des Ausschlusses spielte unter ihnen keine wichtige Rolle. Aly attestiert dieser Bewegung, sie ähnele jener der Jahre vor 1933 in mancherlei Hinsicht. Sie habe, so seine Pointe, die Demokratisierung der Bundesrepublik, genauer wäre zu sagen: die Zivilisierung der Bundesrepublik im Verhältnis zum barbarischen Deutschland bis 1945, keineswegs befördert, sondern, im Gegenteil, um viele Jahre zurückgeworfen. Während die militanten Achtundsechziger dem Kapitalismus den Tod schworen, waren es doch schon Liberale, Sozialdemokratischen und auch Konservative, die, with a little help from our new friends USA, Großbritannien und Frankreich dem Nachkriegsdeutschland ein demokratisches Regelwerk verpassten.

Viele Argumente hat Aly auf seiner Seite; die Bewegung von ’68 war es wirklich nicht, die das Nationalsozialistische zum Kern ihrer Anliegen machten. Zutreffend ist, dass die Eltern vieler Achtundsechziger selbst – ob als Nationalsozialisten, als Mitläufer, jedenfalls als Angehörige der braunen Zeit – an ihre Kinder diesen Glauben weitergegeben haben: dass im Furor auch die Mentalität der Konsequenz, der Entschlossenheit und der Überwältigung steckt – dass in jeder Bewegung gegen das Establishment, die Herrschenden, gegen wahre oder fantasierte Übermächtige mehr Verwandtschaft steckt, als den Verwandten selbst lieb sein mag.

Insofern ist sein Argument auch schwach, besser: unnötig falsch, wenn er sagt, der Unterschied zwischen 1933 und 1968 liege darin begründet, dass die einen leider die Macht übernahmen und die anderen gottlob daran gehindert werden konnten. Denn jene Protagonisten, denen seine Aufmerksamkeit gilt – und zu denen er sich gerechterweise bewusst hinzuzählt –, waren niemals die Majorität jenes Aufbruchs, der mit der Chiffre „Achtundsechzig“ eher schlecht beschrieben ist. All die Dutschkes, Rabehls, Meinhofs und Peter Schneiders mag er gemeint haben, jene, die in Träumen vom sozialistischen Morgenrot ihre Sehnsucht verorten konnten. Was sie, von ihrer linken Identität abgesehen, von der nationalsozialistischen Bewegung unterschied, unterschlägt Aly: Dass ihre Utopien an einem freiheitlichen Zeitgeist scheiterten. Totalitäre Anwandlungen waren die Sache der Deutschen in den frühen Dreißigern, nicht in den Sechzigern.

Aly benennt die Aufständischen der Fünfziger nicht: All jene Jugendlichen, die gegen die soldatischen Traditionen ihrer Väter zu amerikanischen Lederjackenjungs wurden; Halbstarke, die ihr Leben dem guten eigenen Leben zu widmen begannen, nicht einer Ideologie; die lieber ihr Motorrad aus der Garage holten, als sich nach Panzern zu verzehren; die, oft in ruinierten Familien großgeworden, ihre Ruhe vor ideologischen Großprojekten haben wollten und, bombenfrei, endlich, den German Way of Life und irgendwie eine Idee von Freiheit für sich reklamierten.

Der Schlamassel aller Analysen zu ‘68 – dass alle Liberalisierung und Lockerung der Bundesrepublik lange vor 1968 begann – liest sich in den Büchern von Diekmann wie Herman als hässliches Zerrbild. Sie sehen überall nur Zerrüttung. In Wahrheit bilanzieren sie die gewöhnlichen Miseren, die bei Suchbewegungen der Generationen, die in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren heranwuchsen, auch herauskommen können, der Schriftsteller Gerhard Henschel hat ein solches Unglück in seinem Buch „Kindheitsroman“ aufgeschrieben.

Das allerdings ist der Preis der Freiheit, das ist der Kostenfaktor aller Möglichkeiten, die denkbar sind: dass die Wahl aus vielem auch eine Menge Irrtümer gebiert. Dass Frauen keine Kinder kriegen müssen, Männer nicht heiraten, dass Kinder gut zu behandeln sind und Menschen am besten nicht Opfer von Krieg sein sollten. Und dass, immerhin eine mühselig erstrittene bundesdeutsche Moral schlechthin, der nationalsozialistische Mord an den europäischen Juden eine deutsche Schuld ist. Der Holocaust als Objekt des Mitfühlens und Mitleidens wurde durch eine US-amerikanische TV-Serie, die im deutschen Fernsehen 1979 erstausgestrahlt wurde, eingeführt. Sie war ein Straßenfeger, mehr als die halbe Nation schaute zu. Erst mit diesem Datum begann – jenseits der NS-Prozesse der Sechzigerjahre – die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Morden an den europäischen Juden, keine Sekunde eher.

Alys unfreundliche Polemik gegen die weihevolle Geburtstagsfeier für die Achtundsechziger ärgert an vielen Stellen. Sie vergröbert, sie ist ungerecht, sie verkennt persönliche Motive, gute Absichten häufig wohl auch. Wer unterstellt einem Rudi Dutschke schon Böses? Darum geht’s aber nicht. Dass aus Deutschland ein zivilisiertes Land wurde, hat mit dem oft zynisch missachteten Engagement Liberaler in den Fünfzigern zu schaffen, mit Jugendlichen, die kulturell auf amerikanisierendem Trip seit Elvis waren. Und es hat mit all den anderen, mit Juristen und Publizisten, mit intellektuellen Aufbauhelfern von remigrierten Deutschen wie Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel oder Theodor W. Adorno zu tun.

Die Militanten der Achtundsechziger hatten möglicherweise anderes Großes vor. Es wurde nie realisiert, sie hatten ohnehin mit nichts so recht Erfolg. Sie wussten es vielleicht nicht besser. Sie hielten sich die echten Schrecken der Nachkriegsgesellschaft vom Leib, aber wie hätten sie es können – er lebte oft in den eigenen Familien. Remigrierte wie Löwenthal oder Fraenkel führt Aly für viele andere an, die den Horror der Zeit vor 1945 erfahren haben und von den Militanten abgetan wurde.

Die Kader von Achtundsechzig hatten bestimmt viel Spaß, man hofft, irgendwie auch Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll. Aly hält ihnen ein Spiegelbild vor. Manche Züge, die sie in ihm erkennen, sind nicht verzerrt.

JAN FEDDERSEN, 50, ist kein Achtundsechziger. Er hat aber nix gegen sie