Hundert gegen den Strom

Heute mit Release-Party: Die Zeitschrift „von hundert“ bricht eine Lanze für die Kunstkritik. Das aktuelle Heft untersucht den neuen Reichtum im Berliner Kunstbetrieb und will erfolgreiche Künstler zu Sammlern machen

Die Zeitschrift macht mit einer Story über den neuen Reichtum im Kunstbetrieb von Berlin auf, mit Ansichten von frisch erbauten Ausstellungs- und Atelierhäusern, und sie endet mit einer „Ganzseitigen Anzeige“, die Sothebys gewidmet ist. Und trotzdem ist das Heft von hundert, dessen 5. Ausgabe heute mit einer Release-Party im Prassnik empfangen wird, alles andere als eine schicke Hochglanzzeitschrift mehr.

Hier fließen Kunst, Mode, Lifestyle und Architektur eben nicht in glamourösen Bildstrecken zusammen, von denen erst das Kleingedruckte verrät, ob sie Werbung oder redaktioneller Beitrag sind. Hier gibt es überhaupt keine Werbung, und wo „Ganzseitige Anzeige“ deutlich drübersteht steht, findet sich seit dem 1. Heft (Dezember 2006) stets eine Kolumne, die mit milder Ironie den Jahrmarkt der Eitelkeiten abtastet, ohne den der Kunstbetrieb sich seiner Bedeutung nicht mehr sicher scheint. Diesmal ist es ein Mitschnitt der ekstatischen Verzückungen, die Sothebys Mitarbeiter Jeff Koons Skulptur „Hanging Heart“ entgegenbrachten. Es liest sich ziemlich lustig, wie viel Sex sie in dem millionenschweren Ding erkennen konnten.

Zweifellos fließt hier mehr Geld als lange und erreicht eine neue Sichtbarkeit

Andreas Koch ist einer der fünf Erfinder der Zeitschrift und mit Melanie Franke Redakteur der aktuellen Ausgabe. Er ist außerdem Künstler, hat ein Grafikbüro, das unter anderem die motz und Kataloge für Olafur Eliasson gestaltet, und hat einige Jahre lang (1996 bis 2004) die recht schnell renommierte Galerie Koch & Kesslau betrieben. Und an jeder dieser Positionen reizt ihn, so sagt er, aus einer anderen Perspektive mit der Kunst umzugehen. An der Galeriearbeit war es schließlich der Aspekt des Verkaufs, der ihn auf Dauer am wenigsten interessierte. Eine Zeitschrift für Kunstkritik sieht er jetzt als das freiere Instrument einer Auseinandersetzung mit den rapiden Prozessen der Veränderung in der Berliner Kunstszene.

Tatsächlich blicken ja nicht wenige der Berliner Künstler und der langjährigen Akteure aus kleinen Galerien und Künstlerinitiativen, die mit Durchhaltevermögen noch immer vor Ort sind, zurzeit etwas betäubt auf den Zuzug großer internationaler Kunstgalerien wie Haunch of Venison und die Expansion von Berliner Galerien in großzügigen Immobilien. Zweifellos fließt hier mehr Geld als lange, erreicht auch eine neue Sichtbarkeit, und fließt an vielen, die lange schon dabei sind, gleichwohl vorbei. Das hat Andreas Koch dazu gebracht, einen Aufruf zu schreiben: „Deshalb, liebe wohlhabende Künstler, ob Millionäre oder nicht, sammelt selbst Kunst und davon viel. Gründet Stiftungen und fördert arme Künstler.“ Er spekuliert, dass von den ungefähr 5.000 Künstlern in Berlin, 50 inzwischen Millionäre sein könnten. Dazu hat er das Atelierhaus von Katharina Grosse an der Lehrter Straße in einer Abbildung dem Galerienhaus von Heiner Bastian am Kupfergraben gegenüberstellt. Wie sehr sich die beiden kubischen Architekturen gleichen und von ihrer Umgebung abheben, ist tatsächlich verblüffend: Beide wischen mit stolzen und großzügigen Flächen das Kleinklein eines Alltags beiseite, dem Quadratmeterpreise Bescheidenheit abverlangen.

Die Kunstkritik in Tageszeitungen und Magazinen scheint sich von dieser neuen Pracht allerdings etwas ins Bockshorn jagen zu lassen und meldet sich am liebsten da, wo sie Lobenswertes findet und Aufsteiger vermutet. Dass dies kein Zustand ist, sieht nicht nur Andreas Koch so, sondern mit ihm eine ganze Reihe von Kunstpublizisten, Autoren und Künstlern, die für das ungefähr alle drei Monate erscheinende Heft von hundert schreiben und die Kritik hochhalten, wie Raimar Stange, Thomas Wulffen, Kirsty Bell (von Frieze) oder Kito Nedo, der auch zu den Gründern gehört. Tatsächlich erlauben sich ihre Texte eine nicht mehr oft anzutreffende Genauigkeit im Blick auf einzelne Arbeiten, künstlerische Strategien, Kuratorenkonzepte, Trends wie das Spiel mit Avantgarden der Vergangenheit und das Kokettieren mit prominenten Referenzen. Und: Wenn das Heft erscheint, sind fast alle besprochenen Ausstellungen schon vorbei, nach journalistischem Verständnis eine Katastrophe. Für von hundert wird ihre Kritik aber dadurch weder weniger wahr noch die Inhalte überholt: Denn die Haltungen, um die es geht, existieren ja weiter.

Vielleicht sieht von hundert aber auch nur aus wie eine Zeitung und ist eigentlich ein kollektives Kunstprojekt. Der Titel ist schließlich Programm, man erscheint nur in Hunderter-Auflage wie eine Grafikedition, und jedes Cover trägt eine eigene Nummer. Die Kosten des Druck im Copyshop kommen durch den Verkauf wieder rein, alle Arbeit, der Autoren, Redakteure und des Verlegers, wird ohne Honorar geleistet. Der Leserkreis ist übrigens größer als hundert, denn die ganze Zeitschrift steht auch im Internet.

Auf der Rückseite ist stets eine kleine Abbildung von etwas rätselhaftem Witz. Man muss schon ganz schön Insider sein, um dahinter zu kommen. Auf der letzten Ausgabe, die im November 2007 erschien, war das neue Kaufhaus Alexa mit Vordach und dramatischer Beleuchtung abgebildet und betitelt: „Ein Kristall von hundert – Alexa Eliasson-Womacka-Feininger“. Koch erläutert, wie man verunglückte Nachahmungen dieser drei Künstler in der Gestaltung erkennen kann und das Alexa somit voll zur Mode des Recycling vergangener Utopien passt. Ganz schön trickreich, auf diese Weise den Distinktionsgewinnern die Luft abzulassen.