Dvdesk: Stephen Dwoskin: dyn amo (GB 1972)

Wer sieht wann wen und wie?

Der durch die Kamera wie durch das von ihr gesehene Objekt enteignete Blick des Betrachters: Stephen Dwoskins „Dyn Amo“

Eine Bühne mit Glitzersternen wie aus der Weihnachtsdekoration: ein Strip-Club. Eine Frau (Jenny Runacre) tritt auf, sie hat eine Eisenkette in den Händen, mit der sie sich zwischen den Beinen reibt. Dazu läuft ein Rolling-Stones-Song, beides, die in billiger Laszivität sich bewegende Frau und die aggressive Musik, wird immer wieder unterbrochen durch die gelben Texttafeln des Vorspanns mit den Daten des Films: „Dyn Amo“ von Stephen Dwoskin. Großbritannien 1972.

Die Szene dieses Beginns setzt sich in den Film hinein als der Film fort, der den billigen Bühnenraum während der nächsten zwei Stunden nicht verlassen wird. Die Frau beginnt zu strippen, die Kamera blickt unverwandt aus der Halbdistanz. Es ist ein voyeuristischer, kühler Blick aus der Position eines unsichtbar bleibenden Klubbesuchers. Der Film zwingt diesen Blick der Kamera seinen Zuschauern als ihren eigenen auf. Er macht den Betrachter und auch die Betrachterin, ob er oder sie will oder nicht, zum Voyeur.

Und dann kommt ein Moment, da blickt die Stripperin zurück. In die Kamera. Gelangweilt, aber auch selbstbewusst. Eine Dynamik entsteht. Die Kamera nähert sich der Frau, ihrem Gesicht. Auch die Musik ist jetzt eine andere. Elektronik, hypnotisch geloopt, sich wiederholend, minimale Variationen nur. Eine weitere Frau tritt auf, auch sie eine Stripperin, und dann noch eine und noch eine. Immer näher kommt die Kamera, immer enger schließt sich der Raum. Männer kommen ins Bild, als Zuschauer zunächst, später quälen sie eine der Frauen. Sie sind der Bühne nahe, die genauen Raumverhältnisse bleiben, da man nun fast alles in Großaufnahme sieht, aber unklar. Aus der erzwungenen voyeuristischen Distanz des Beginns ist eine erzwungene Intimität geworden. Minutenlang sieht man zu den Loops der Musik nichts als Großaufnahmen von Körperteilen, zwischen Schärfe und Unschärfe verschwimmend. Man könnte meinen: Der Blick, der aus nächster Nähe draufhält, zerstückelt den weiblichen Körper. So einfach ist es aber nicht. Es ist in diesem Fall wichtig zu wissen: Die Kamera hat der Regisseur Stephen Dwoskin selbst geführt. Aufgrund einer Kinderlähmung ist er schwer gehbehindert. Auf Krücken gestützt, die Kamera an den eigenen Körper gepresst, hat er sich in die nächste Nähe der Frauen auf der Bühne bewegt. Und deshalb gelingt es der Kamera und dem Kameramann selbst wie auch dem Betrachter nicht mehr, was geschieht, auf Distanz zu halten.

Nicht nur halten die Frauen den Blick der Kamera aus. Die Bewegung, die der Körper des „Dyn Amo“ von Stephen Dwoskin.meramanns auf seinen Krücken sich abringt, die Großaufnahmen von, die nächste Nähe zu Gesichtern, Augen, Körpern machen den Betrachter und auch die Betrachterin, ob er oder sie will oder nicht, zum hilflosen Komplizen der Frauen auf dieser Bühne. Das gipfelt in einer einzigen Einstellung, der Großaufnahme des Gesichts der vierten Stripperin Linda Marlowe, die achtzehn Minuten lang gequält, dem Zusammenbruch nahe, den Blick der Kamera aushält und uns einen Blick aufzwingt, den wir unsererseits aushalten müssen. Der Filmwissendvdskschaftler Paul Willemen schrieb – so Linda Holt im DVD-Booklet – in seinem Aufsatz „Voyeurism, the Look and Dwoskin“, sich von Laura Mulveys feministischer Verdammung voyeuristisch-männlicher Blickdispositive des Kinos absetzend: „Es gibt nicht, wie von Mulvey beschrieben, drei Blicke, sondern vier: Der Blick auf den Betrachter darf nicht unterschlagen werden.“

EKKEHARD KNÖRER

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