Leben in den Korridoren der Erinnerung

Je genauer man weiß, desto mehr bleibt offen. Der französische Regisseur Amos Gitai fragt mit „Plus Tard Tu Comprendras“ (Berlinale Spezial) nach den Bedingungen, unter denen die Überlebenden der Schoah ihre Erfahrungen teilen. Jeanne Moreau spielt eine Frau, die vor den Fragen ihres Sohns flieht

1987 läuft in Lyon der Prozess gegen Klaus Barbie. Zur gleichen Zeit verfolgen ein Mann in den besten Jahren (Hyppolite Girardot) und seine alte Mutter (Jeanne Moreau) die Live-Übertragung der gleichen Aussage im Radio beziehungsweise im Fernsehen. Diese Erzählung vom Weg einer Jüdin aus Lyon in die Deportation ist wie ein zeitliches Maß, das die zwischen den zwei Wohnungen wechselnde Filmerzählung in ein Kontinuum zwingt. Jetzt ist da ein Objektivum in der Welt, auf das sich beide beziehen können oder müssen. Vorher war die Mutter vom Sohn durch ihre Erinnerungen getrennt. Auch sie ist Jüdin, ihre Eltern wurden aus der Vichy-Zone deportiert und in Auschwitz ermordet. Der Sohn kriegt nichts aus ihr heraus, nichts über die Rolle seines nichtjüdischen Vaters. Warum hat die Mutter überlebt und warum war sie nicht bei den Eltern?

Immer wieder flieht beim gemeinsamen Essen Jeanne Moreau unter Vorwänden vor den ersten Andeutungen dieser Fragen. Und die immer durch Flure und Korridore und graues, filmisches Nichts ihr in ein anderes Zimmer folgende Kamera vermittelt ein genaues Bild von der Größe der Wohnung und der Länge der Wege, die die alte Dame auf sich nimmt, um nicht zu antworten. Stattdessen wird sie ihre Enkel mit in die Synagoge nehmen, ihnen ihren gelben Stern überreichen und sie gegen Intoleranz und Diskriminierung schwören lassen.

Amos Gitai hat diesen Film in fünf dichten Akten erzählt. Die zeitlich voneinander getrennten Einheiten beschäftigen sich in scharf wechselnder Temperatur und Stimmung mit der Frage, ob und wie Zeitgenossen und Nachfahren eine Erfahrung teilen können. Die Vermittlung der Erfahrung, um die es hier geht, die Schoah, können, auch davon ist in diesem Film die Rede, die Zeitgenossen nicht mehr lange beeinflussen.

Aber hat es eine solche Kontrolle je gegeben? Und wem gegenüber? Gegenüber den Enkeln gibt es eine didaktische Angemessenheit, die erst in der Distanz entstehen kann. Die Kinder wollte man schonen. Dieses Schweigen war impulsiv, das zeigt Jeanne Moreau ganz großartig einer Welt, die sich als Ergebnis von Impulsen immer nur Redeschwälle vorstellen kann.

Nach dem Tod der Mutter tritt ein Kunstsachverständiger auf, der ihre Kunstgegenstände bewertet. Die Kunst ist zuständig für individuelle Spuren. Dass die Marktpreise immer gerade nicht den Wert-Erwartungen des Sohnes entsprechen, wäre wohl bei jeder anderen Verstorbenen ähnlich. Doch ihr Fehlen auf dieser Welt ist nicht nur das Fehlen eines Einzelnen.

Einige Jahre später wird der Sohn bei einer staatlichen Stelle vorstellig, die nun, nachdem Jacques Chirac Präsident geworden und eine Mitschuld Frankreichs an den Deportationen in der Vichy-Zone zugegeben hat, kleine Entschädigungszahlungen leistet. Der Staat weiß genau, wie er Vermögenswerte bestimmt, Akten auswertet und Informationen einholt. Je genauer sie sind, je weniger sie mit den Unangemessenheiten und Unhöflichkeiten des Kunstmarkturteils zu tun haben, desto erschreckender. Je genauer man weiß, desto mehr bleibt offen.