Pulverfass Ostsee

Phosphorbomben, Senfgas, Minen: In der Ostsee rosten riesige Mengen verklappter Weltkriegsmunition vor sich hin. Wissenschaftler fordern deren sofortige Entsorgung, die Behörden wiegeln ab: Sie fürchten die immens hohen Kosten

Bei einem Urlaub an der Ostsee Verbrennungen durch eine Phosphorbombe zu erleiden – wohl niemand rechnet mit so etwas. Und doch ist es keine fünf Monate her, dass sich ein Urlauber bei einem Spaziergang am Strand der Insel Fehmarn schwere Verbrennungen zuzog, als er angeschwemmte Phosphor-Reste aufhob. Das aus verklappten, durchgerosteten Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Phosphor sieht dem als Souvenir begehrten Bernstein ähnlich. Doch anders als Bernstein verbindet sich Phosphor, sobald es trocken wird, mit Sauerstoff und entzündet sich dabei leicht von selbst.

Laut einer nun von der „Aktionskonferenz Nordsee“ (AKN) vorgelegten Studie sind durch solche und ähnliche Unfälle an und auf der Ostsee seit Kriegsende mindestens 168 Menschen getötet und 238 schwer verletzt worden. Stefan Nehring, Umweltgutachter aus Koblenz, hat für die AKN erstmals alle bekannten Daten über die Militäraltlasten zusammen getragen. „Die Ostsee ist ein Pulverfass“, sagt Nehring.

Hunderttausende Tonnen Kampfstoffe seien zwischen Kiel und Rügen versenkt worden. Belegt seien allein 60.000 Tonnen der Kampfgifte Senfgas, Adamsit und Clark. Doch laut Nehring dürfte die tatsächliche Giftfracht der See noch deutlich höher sein. Große Teile der Chemiewaffen liegen in internationalen Gewässern nahe der dänischen Insel Bornholm. Hinzu komme eine sechsstellige Anzahl nach dem Krieg auf Anweisung der USA und Großbritannien verklappter Seeminen, Granaten und Fliegerbomben. Diese befinden sich meist nahe der schleswig-holsteinischen und mecklenburg-vorpommerschen Küsten. Zu diesen Altlasten hinzu zu rechnen seien die von der Sowjetunion in der Ostsee entsorgten Kampfmittel. „Hierüber können wir kaum etwas genaues sagen,“ sagt Nehring.

Nur ein Bruchteil der verklappten Munition wurde laut Nehring bisher an die Wasseroberfläche oder die Strände getrieben. Die meisten der noch immer explosiven und teils hochgiftigen Projektile liegen auf dem Meeresgrund – und rosten vor sich hin. Die Giftgase bedrohten den Fischbestand und die maritimen Ökosysteme. Aber auch die konventionellen Kampfstoffe würden hochtoxische Stoffe ins Wasser abgeben. Für den Verbraucher bestehe eine konstante Gefahr: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass versenkte Munition für die in jüngster Zeit beobachtbaren erhöhten Arsen-Werte von Ostsee-Schollen verantwortlich ist,“ sagt Nehring.

Bei Greenpeace in Hamburg teilt man Nehrings Auffassung. „Wir brauchen dringend ein Munitions-Kataster,“ sagt Thilo Maack, Meeresbiologe der Umweltorganisation. „Der Meeresboden muss großflächig mit Sonaren nach Munition abgesucht werden.“ Dies sei Voraussetzung für eine Sanierung. Doch diese wird schwierig: Bringt man die Geschosse zur Explosion gelangen Gifte in die Ostsee. Die Munition zu bergen ist ebenfalls sehr gefährlich, viele der Granaten und Minen sind noch intakt. Immer wieder kamen Schiffsbesatzungen bei dem Versuch, Kampfstoffe zu bergen, zu Tode oder wurden verletzt.

Laut Maack haben von Greenpeace beauftragte Experten unterschiedliche Ratschläge zum Umgang mit den Altlasten gegeben: Entweder werden ganz neue Verfahren zur Bergung der Geschosse entwickelt – oder man deckt die Munition mit Beton-Sarkophagen ab. „Die Kosten hierfür werden immens sein,“ sagt Maack. Deshalb würden die Behörden das Problem klein reden – und die Munition am liebsten auf dem Meeresgrund liegen lassen. „Die Länder müssen das Problem dringend anerkennen und tätig werden,“ fordert Maack.

Beim mecklenburg-vorpommerschen Umweltministerium will man hiervon nichts wissen. Genaue Zahlen wollte die Behörde nicht nennen, doch das Problem sei bekannt. Allerdings: „Die Munition liegt entweder außerhalb der 12-Seemeilen-Zone oder nahe an den Bundeswasserstraßen. Zuständig ist deshalb in jedem Fall die Schifffahrtsdirektion des Bundes,“ sagt ein Ministeriumssprecher.

Dort spielt man den Ball zurück. „Kommt es zu Munitionsfunden in Bundeswasserstraßen, dann beurteilen die den Länderinnenministerien unterstellten Ämter für Katastrophenschutz die Gefahren und beseitigen diese. Die Kosten hierfür werden dem Bund als Eigentümer der Bundeswasserstraßen in Rechnung gestellt,“ sagt Jochen Hinz, Jurist bei der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord in Kiel. Ob Munition gesprengt oder geborgen werde liege im Ermessen des Katastrophenschutzes, der sich hierbei jedoch mit den Umweltbehörden abstimme. Pläne für ein Kataster seien ihm nicht bekannt, sagt Hinz.

Wenig Anlass zum Handel sieht auch das Bundesumweltministerium. „Im Rahmen der Internationalen Helsinki-Kommission zum Schutz der Ostsee hat sich die Bundesregierung mit dem Thema befasst,“ sagt der Sprecher Tobias Dünow. „Wir gehen nicht von einer großräumigen Gefährdung der Meeresumwelt aus.“