Laden für alte Apfelsorten

"Wir haben eine Marktlücke entdeckt"

Caty Schernus, 35, hat Kulturwissenschaften studiert und verkauft in Schöneberg seit fünf Jahren seltene Apfelsorten aus dem Oderbruch.

Regional läuft: Im Laden in Schöneberg gibt es nur Sorten aus der Region - dafür aber ganz verschiedene.  Bild: dapd

taz: Frau Schernus, Ihre Idee, oft vergessene Brandenburger Apfelsorten mitten in Berlin in der Schöneberger Goltzstraße zu verkaufen, ist fünf Jahre alt. Wie kamen Sie darauf?

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Caty Schernus: Meine Eltern haben einen Obsthof in Frankfurt an der Oder. Ich habe zwar Kulturwissenschaften studiert, kannte aber den Betrieb und die Ware. Nach dem Studium habe ich erst mal in der PR-Branche in Berlin gearbeitet. Nach zwei Jahren wollte ich mich selbstständig machen; der Laden schien mir realistisch und erfolgversprechend. Die Lage zwischen dem Winterfeldtplatz und der Akazienstraße ist günstig. Wir haben viel Laufkundschaft, man kann mit dem Auto kommen und mit dem Fahrrad. Das war ein Glücksfall.

Die Mieten hier sind aber ganz schön hoch, oder?

Ja, dafür geht viel Geld drauf. Das meiste mussten wir für die Provision für den Laden berappen. Die Theke stand bei meinen Eltern auf dem Speicher, das Lampensystem haben wir selbst gebaut. Viel Geld brauchten wir anfangs nicht, das hatten wir auch gar nicht. Ich wusste ungefähr, wie viele Kisten Äpfel ich pro Tag verkaufen muss, damit zumindest die Miete reinkommt.

Wie viele denn?

Mehr als zehn.

Gab es von Anfang an das Konzept, Apfelsorten zu verkaufen, die es in Supermärkten nicht oder nicht mehr gab?

Wir haben relativ schnell gemerkt, dass das eine Marktlücke ist. In Frankfurt hat meine Familie den "Sortengarten", in dem 150 alte Apfelsorten angebaut werden. Wenn da verkauft wurde, kamen die Leute aus Berlin angefahren. Einige Sorten wie Gravensteiner, Glockenapfel und Goldparmäne sind es auch, die unsere Kunden anzieht. Das ist etwas Besonderes, Exklusives, das zieht.

Was kostet 1 Kilo bei Ihnen?

Angefangen haben wir bei 1,60 Euro, jetzt sind wir bei 1,90 Euro. Ich hatte ungefähr die Preisstruktur von Frankfurt als Vorlage, ich musste die Logistik berechnen, den Laden, unsere drei Angestellten, den Lebensunterhalt für meinen Partner und mich. Gleichzeitig gibt es keinen Zwischenhändler, anders als im konventionellen oder im Biogroßhandel. Das spart Kosten.

Selbst in vielen konventionellen Supermärkten sind Äpfel oft teuer. Ist Ihr Obst eigentlich behandelt?

Alles kommt aus kontrolliert-integriertem Anbau, das heißt, es ist rückstandsfrei - auf dem Apfel ist nichts drauf. Es ist übrigens ein Irrglaube, dass den Kunden ungespritzte Äpfel im Verkauf angeboten werden. Auch Bioware ist behandelt.

Wie hat sich Ihre Geschäftsidee denn entwickelt?

Die Bude haben sie uns anfangs nicht eingerannt. Ich habe so viel Werbung gemacht, wie es mein Budget zuließ - ich hatte eine Anzeige im Stadtteilmagazin und habe Flugblätter verteilt. Und dann hat sich herumgesprochen, dass wir günstig sind und gut. Ich hatte Glück, dass Journalisten von Anfang an auf mich aufmerksam geworden waren. Der Kundenstamm ist langsam, aber stetig gewachsen.

Gab es schon mal finanzielle Einbrüche?

Eher Schwankungen, so wie jetzt nach der schlechten Apfelernte. Dadurch, dass wir nur Regionales verkaufen - inzwischen auch Möhren, Erdbeeren, Spargel und Kirschen -, bieten wir ohnehin nicht immer das Gleiche an. Es gibt Phasen, in denen wir insgesamt weniger im Angebot haben. Manche Kunden kommen rund ums Jahr und nehmen alles, was wir so anbieten. Andere sehen wir nur im Herbst, wenn es die seltenen Äpfel gibt.

Wenn Ihnen die Bestände ausgehen, würden Sie dann auch von Südtiroler Apfelplantagen zukaufen?

Die Region ist Brandenburg. Darüber hinaus gibt es nichts. Mit den Schwankungen müssen wir leben, wie die Bauern auch. Und wir kommen inzwischen ganz gut mit dem Umsatz aus.

Auch wenn es ein schlechtes Äpfeljahr war?

Wir haben eigentlich den Anspruch, alles von einem Hof zu nehmen, dem meiner Eltern. Aber jetzt kaufen wir auch von einem Landwirt aus Werder zu. Das Problem ist in der Landwirtschaft nun einmal das Wetter. Wenn man nichts erntet, kann man auch nichts verkaufen. Und wenn man sich auf die Region beschränkt, hat so ein Laden auch mal Probleme.

Haben Sie je überlegt, auf Bio umzustellen?

Nein. Es gibt in Brandenburg kaum Obstbiobauern. Wir könnten Waren nicht in der Menge und der Qualität beziehen, wie wir sie brauchen. Beim Gemüse haben wir einen Biobauern aus Teltow, der uns gute Produkte liefert. Aber wir kaufen von ihm, weil er aus der Region kommt, und nicht deswegen, weil er Bio anbaut.

Wie reagieren Ihre Kunden denn darauf, wenn es im Januar keine Erdbeeren bei Ihnen zu kaufen gibt und im April keine Tomaten?

Oh, die Berliner sind ganz schön aus dem Rhythmus. Inzwischen werden diese Fragen weniger, aber anfangs wurden immer wieder Birnen im Mai nachgefragt - dabei ist nun einmal spätestens im März Schluss damit. Auch Wünsche nach Tomaten im Winter werden seltener, es ist schon ein Lerneffekt zu spüren.

Könnte Ihr Laden überall stehen?

Nein. Ich brauche diese Laufschneise zwischen Winterfeldtplatz und Akazienstraße. In Schöneberg lebt auch das richtige Publikum, die Menschen legen Wert auf Genuss und Qualität. In anderen Ecken Berlins wäre das sicher schwieriger. Oder in Frankfurt zum Beispiel, wo wir ebenfalls direkt vermarkten, merken wir: Da gehen die Leute zu Kaufland, der Supermarkt bietet inzwischen fast ein Dutzend Apfelsorten an.

Haben Sie in Berlin mittlerweile Konkurrenz?

Es wäre gar nicht so leicht, uns Konkurrenz zu machen. Unser Vorteil ist, dass wir die meisten Apfelsorten von einem Bauern bekommen. Das schafft Vertrauen und erleichtert die Logistik. Mich motiviert das auch, mir geht es darum, diesen Bauern - in dem Fall meine Familie - zu unterstützen. Diese gegenseitige Abhängigkeit tut beiden gut.

 

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