Frei über den Computer zu empfangen

Alle Städte haben eins, die Metropolen sowieso, und die kleineren, die was auf sich halten, auch, nur Berlin hat keins – ein freies Radio: Das soll sich nun aber dank Mikro.FM ändern. Jetzt beginnt dessen Aktionswoche im Tacheles

Buenos Aires hat eins, New York hat mindestens zwei, Paris hat eins. Man könnte die Reihe endlos fortsetzen. All die großen Städte dieser Welt und die etwas kleineren, die etwas auf sich halten noch dazu, alle haben ein freies Radio. Bloß Berlin nicht. So lautet die Ausgangslage für die immer wieder neu sich formierenden Kampagnen für ein freies Radio in Berlin. „Frei“ heißt dabei: unabhängig und nicht werbefinanziert. Eigene Inhalte setzen zu können, davon träumen auch die Macher von Mikro.FM, die vom 1. bis zum 9. Januar eine Aktionswoche für ein freies Radio in Berlin geplant haben.

Einen Projektraum des Tacheles haben sie in ihr Studio verwandelt, um den Berlinern ihre Idee näherzubringen. Hier, in der Mitte der Stadt, im ehemaligen Zentrum der Berliner Subkultur, soll demonstriert werden, dass Alternativen selbst auf dem durchformatiert erscheinenden Sektor Radio noch möglich sind. Immer wieder gab es Versuchsballons für ein freies Radio in Berlin. Sie hießen Reboot.FM, Twen.FM, Juni-Radio, Pi-Radio oder Radio Riff. Manche dieser Sender gab es nur kurz, einige sehr kurz und ein paar waren, bevor sie wirklich auf Sendung gingen, auch schon wieder eingestellt. Das Hauptargument gegen ein freies Radio in dieser Stadt lautete stets: keine freien Frequenzen und falls es sie mal gab, dann nur für eine kurze Zeit. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder wild herumfunken könnte!

Dieses Problem scheint inzwischen jedoch keines mehr zu sein. Mikro.FM, der aktuellste Versuch, ein freies Radio in Berlin zu etablieren, kann auf gleich drei Frequenzen empfangen werden. Dies jedoch freilich nicht über UKW wie das Frühstücksradio und der übliche Dudelfunk zum Nebenbeihören, sondern über den Computer. Dazu wiederum braucht man die nötigen technischen Voraussetzungen, nämlich einen Mikrotransmitter oder zumindest einen in unmittelbarer Nähe. So ein Ding, das es in jedem Fachhandel gibt oder auch selbst zusammengebastelt werden kann, empfängt die gesendeten Signale und verwandelt den Rechner in ein Radio. Mikro.FM ist somit ein echtes Mitmachprojekt. Die Idealvorstellung lautet: In der ganzen Stadt breitet sich langsam ein Netz von Mikrotransmittern aus, eine Vielzahl kleiner mobiler Funktürme, bis Marzahn und Friedrichshain empfangsbereit wären für Mikro.FM.

Dabei versteht sich das Radioprojekt dezidiert nicht als Internetradio, das vor ein paar Jahren noch als Problemlösung gegen die deutsche Radiolandschaft gepriesen wurde, die ja bekanntlich fader ist als früher das Testbild im ZDF. Internetradio bietet zwar für jeden Musikgeschmack etwas und wer auf Bossa Nova rund um die Uhr steht, findet bestimmt irgendwo auf der Welt einen Bossa-Nova-Rund-um-die-Uhr-Kanal, doch der Gemeinschaftsgedanke, das Wir-Gefühl, den ein lokaler Sender erzeugen kann, der fällt in der Grenzenlosigkeit des Internets einfach weg. Deswegen und deswegen immer wieder aufs Neue die Forderung: Her mit einem eigenen freuen Radio. Deswegen auch die Aktionswoche von Mikro.FM, in der sprichwörtlich die ganze Welt der freien Radios den Berlinern nähergebracht werden soll.

Freie Sender aus Südamerika bis Hamburg werden über die Mikro.FM-Frequenzen zu empfangen sein, damit die Berliner kapieren, was sie verpassen und vielleicht irgendwann nicht mehr nur für den Erhalt von Flughäfen und den Bau von Stadtschlössern agitieren, sondern für ein freies Radio, das inhaltlich auch mal quer denkt, ohne dass gleich der Werbepartner protestiert.

Wie genau die Inhalte von Mikro.FM aussehen sollen, davon war freilich noch gar nicht die Rede. Irgendwie in der Art von: Subkulturen präsentieren sich selbst, schwules Radio, Stadtpolitik, alles links gedreht, Rassismus und ähnlich Ekliges bleibt draußen. Darüber sind sich alle versammelten Macher von Mikro.FM hier im Tacheles einig. Doch erst mal gilt es noch die Technikfragen befriedigend zu lösen. Beispielsweise: Es müssen mehr Mikrotransmitter verteilt werden. Deswegen heute ab 12 Uhr: Kommt bitte alle zum Transmitter-selber-Löten ins Tacheles, und wer mal was mit Radio machen will, der ist ausdrücklich ebenfalls willkommen.