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Dunkler Zauber

Dies ist das Buch, das den Außenminister der Bundesrepublik dazu brachte, ein öffentliches Bekenntnis zu „Wichtelhausen“ abzulegen. Dabei legte er ernst die Stirn in Falten, so wie man es von ihm erwarten darf – denn das erste Buch, das ins Herz trifft, bleibt dort für immer! Das lehrte ihn und Elke Heidenreich der spanische Roman „Der Schatten des Windes“, zu dessen Lob er eigens in ihrer Sendung erschienen war. Auch Suhrkamp-Geschäftsführer Günter Berg, für dessen Verlag dieser Roman der einzige Bestseller des Jahres ist, konnte kaum an sich halten. Denn dieser saftige Schauerroman, zunächst durch Mundpropaganda, dann mit freudiger Hilfe von Heidenreich und Fischer zum Bestseller geworden, ist ein Buch über Bücher, eine Geschichte über das eine Buch – jedem das Seine, nur gefunden will es werden. Wo? Auf dem labyrinthischen Friedhof der vergessenen Bücher.

Die Wahl von „Wichtelhausen“ mag im Falle eines ehemaligen Straßenkämpfers befremden, doch nicht wir sind es, die das Buch wählen – das Buch erwählt uns, und dafür gibt es immer einen geheimnisvollen Grund. Mehr noch als für Außenpolitiker gilt das für Romanfiguren, erst recht wenn sie zum kleinen Orden der antiquarischen Buchhändler Barcelonas gehören, unter denen es Brauch ist, dass der Knabe, wenn er das Mannesalter erreicht, sich in ebendiesem Friedhof von einem Buch erwählen lasse und dieses fortan vor dem Verschwinden bewahre.

Daniel Sempere, Sohn des Antiquars aus der Calle Santa Anna – in der übrigens, wie der Barcelona-Reisende weiß, wirklich ein merkwürdiges kleines Antiquariat in eine alte Mauer eingelassen ist –, beweist dabei ein gutes Händchen und wird zum Hüter eines äußerst seltsamen Romans des verschollenen Dichters Julián Carax. Bald schon wähnt Daniel selbst sich in jenem Roman, denn es treten merkwürdige Gestalten in sein Leben: ein ledergesichtiger Fremder, der dieses letzte Exemplar verbrennen will, ein sadistischer Inspektor, der ihm mit dem Tode droht; eine traurige Schönheit, die ihn belügt, und ein redegewandter Lebenskünstler mit Geheimdiensterfahrung, der sich fortan darum müht, Daniel bei der Entwirrung unheilvoller Verwicklungen zur Seite zu stehen. Beunruhigenderweise stellen sich beim Fortgang der Ermittlungen Parallelen ein zwischen Daniels Leben und dem traurigen Schicksal von Julián Carax, in dem eine mehr als unglückliche Liebe eine große Rolle spielt.

Verwunschene Häuser und brennende Bücher, verregnete Gassen und knarrende Türen, der Füllfederhalter von Victor Hugo und eine zugemaurte Krypta – Carlos Ruiz Zafón lässt kaum etwas aus, was zu einer ausgewachsenen Gothic Novel gehört, doch sein Buch hat mehr mit Barcelona und mit Franco-Spanien zu tun, als es zunächst den Anschein haben mag. Denn Schuld und Verhängnis im Leben Julián Carax’, seiner Freunde und seiner Familie verschwanden unter dem kalten Nebel des Schweigens, wie es für die Kriegsverbrechen im Nachkriegsspanien, in dem Daniels Geschichte angesiedelt ist, charakteristisch war.

Das Barcelona, vom dem Carlos Ruiz Zafon hier erzählt, ist nicht die pulsierende Jugendstil-Stadt der Weltausstellungen von 1888 und 1929, die so oft in Romanen zu finden ist, sondern die trübe, gotische Stadt der großen Barcelona-Romane von Mercè Rodoreda (die übrigens auch im Suhrkamp Verlag erschienen sind). Zafóns filmische Verbindung dieser Szenerie mit der visuellen Sprache des Schauerromans verleiht der Geschichte einen dunklen Zauber, dem man sich allerdings hinzugeben bereit sein muss.

Aller Spott, den man für seine Zutaten aufbringen könnte, verfliegt, wenn man erst mal über die ersten Seiten hinausgekommen ist. Nicht, weil es damit dann aufhören würde, sondern weil man jedes Wort zu glauben bereit ist, wenn man nur endlich hinter das Geheimnis des unglücklichen Carax blicken darf. Dazu kommt der zündende Dialogwitz, der den Drehbuch- hinter dem Romanautor Zafón verrät: Hier darf oft schallend gelacht werden, bevor der nächste Schauer kommt. Dieses Buch macht besoffen; einmal angefangen, legt man es nicht mehr beiseite. Hinterher stellt sich wohl ein kleiner Kater ein. Aber der Rausch war es wert.

SEBASTIAN HANDKE

Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“. Insel Verlag, Frankfurt/Main, 544 Seiten, 24,90 Euro