Ein Kiez macht sich flott

WANDEL Im Neuköllner Schillerkiez ist viel geschehen, seit vor fünf Jahren der Tempelhofer Flughafen zum Park wurde. Doch neben der Aufwertung gibt es auch Beharrlichkeit

VON NINA APIN
(TEXT) UND WOLFGANG BORRS (FOTOS)

Mit leidendem Gesichtsausdruck humpelt der Mann heran. Bitte mal ’n Euro für ein Taxi zum Krankenhaus? Sein schmerzender Fuß mache den Weg dorthin zur Qual, er verzieht das Gesicht. Und läuft wenig später, mit beachtlichem Tempo und ohne zu humpeln weiter Richtung Edeka. Das Morgenbier ist gesichert.

Gestalten wie der Bierschnorrer sind selten geworden auf dem Herrfurthplatz, dem Zentrum des Schillerkiezes.

Noch vor fünf Jahren bevölkerten Trinker mit Plastiktüten die Bänke im Mittelteil der Schillerpromenade, einige erleichterten sich im Lauf des Tages im Gebüsch oder an den Backsteinmauern der Kirche. Der Verwahrlosung des öffentlichen Raums sollte das 1999 eingesetzte Quartiersmanagement begegnen – und auch anderen Problemen, die sich im Kiez am Tempelhofer Flughafen ballten: Armut, Erwerbslosigkeit, enge Wohnbebauung.

Dann wurde der Flughafen stillgelegt. Aus dem Rollfeld wurde die „Tempelhofer Freiheit“. Und aus dem Arme-Leute-Viertel ein innerstädtisches Quartier in Top-Park-Lage.

Jetzt sitzen am Vormittag Kaffeetrinker mit Smartphones im Café Selig neben der Genezarethkirche. Eine junge Frau lehnt an der Retro-Telefonzelle, die als Tauschbörse für Bücher dient und liest einen Roman. Geschäftige Menschen eilen vorbei, auf dem Weg zum nächsten Termin, zum Meeting in einem der vielen neuen Cafés, die in den Nebenstraßen aufgemacht haben.

Zum Beispiel das Lux in der Herrfurthstraße. Zuvor ein Verkaufsraum für Druckerzubehör, seit neun Monaten gibt es hier vegane Smoothies, fair gerösteten Kaffee und Lachs-Kartoffel-Waffeln für 4,90 Euro. Elektromusik puckert durch den Raum, ausladende Holzkonstruktionen ragen an den weißen Wänden empor, gebaut von Adrian, Architekturstudent und einem der drei Betreiber des Lux. Die anderen beiden: Schauspielschülerin und Gastro-Fachfrau.

Das Konzept vom Lux: „ Handmade, fairtrade, homemade“. Der Kaffee kommt aus einer Kreuzberger Rösterei, die Kuchen, Waffeln und Mittagsgerichte werden selbst zubereitet. Die Kundschaft: international, man spricht spanisch, englisch, französisch. Anfangs habe es „viel Anmache“ aus der autonomen Szene gegeben, sagt Adrian, aber: „Wir kommen nicht von außen, wir sind Berliner. Und wir sind nicht das Großkapital. Inzwischen trinken auch Leute von der Lunte hier Kaffee.“

Wo sitzt der Feind?

Der linke Stadtteilladen Lunte in der Weisestraße ist, zusammen mit der benachbarten Kneipe Syndikat das Epizentrum der Gentrifizierungsgegner. „Gentrification is class war against the poor“, steht auf der Fassade. Die Fassade ist renoviert. Viel Eigeninitiative steckt drin – aber auch Fördermittel des Quartiersmanagements auf der Schillerpromenade, früher einmal Hauptfeind der Linken.

Wo der Feind heute sitzt, ist unmöglich auszumachen: In den Szenekneipen und Projekträumen der Hipster? In den hübsch sanierten Eigentumswohnungen am Feld? Oder im Gastro-Konglomerat, das sich in der Herrfurthstraße ausgebreitet hat: Schiller-Bar, Schiller-Backwaren, Schiller-Burger – Teil einer Berliner Kette?

Für Adrian vom Lux ist das so: „Die ernten hier, wir wohnen hier“, sagt er. Er träumt davon, dass das Lux zum Kieztreffpunkt wird, in dem sich Alt und Neu, Jung und Alt treffen.

Aber er träumt auch davon, künftig alle Zutaten aus dem Bioladen zu beziehen. Gegenüber, bei Edeka, gibt es verpackte Waffeln für ein Drittel seines Preises.

Schon vor fünf Jahren, als die ersten türkischen Bäckereien schlossen und die ersten Künstler-Kneipen eröffneten, beäugte man sich gegenseitig. Wer beförderte die Verdrängung, wer war Nutznießer wider Willen. Und wer fiel durch? Wer weggezogen ist, erschließt sich bei einem Blick auf Straßenbild und Spielplätze. Frauen mit Kopftüchern, afrikanischstämmige Familien, auch Menschen, denen man die Armut ansieht, sind weniger geworden. Sichtbarer sind junge Eltern, die deutsch oder englisch mit ihrem Nachwuchs sprechen.

Aber ist aus dem einstigen Arbeiterbezirk wirklich „schöner Wohnen am Central Park“ geworden, wie in den Hochglanzbroschüren der Makler, die vom „Prenzlkölln“ träumten?

Nicht wirklich. Neben den renovierten Häusern gibt es noch immer viel Heruntergekommenes, neben aufgehübschten Ecken wilde Müllkippen und haufenweise Hundekacke.

Der Wandel ist nicht vollständig, nicht radikal. Er ist eher punktuell.

Auf der Herrfurthstraße ist er deutlich an der gewandelten Gewerbestruktur abzusehen. Auf der Schillerpromenade, der breit angelegten Querachse des Viertels mit ihrem begrünten Mittelstreifen, sind die Veränderungen subtiler. Die Neu-Gewerbe, ein italienisches Restaurant, ein Modelabel, sind Farbtupfer im Straßenbild.

Im Café Klebearsch, zwischen Quartiersmanagement und Promenaden-Eck, ist dagegen alles beim Alten. Klaus Niemke empfängt wie eh und je eingeweihte Besucher in seinem Wohnzimmercafé. Der ehemalige Biker sitzt im Rollstuhl, neben sich zwei Kumpels. Der Fernseher läuft, Zigarettenrauch liegt in der Luft, die Kaffeemaschine blubbert. „Wir spielen Lotto wie die Blöden, aber alles bleibt, wie’sist“, resümiert Niemke die Lage. Immer noch gibt er den Griller, wenn beim Biker-Treff Bierbaum3 gefeiert wird. Dort ist das Frühstück jetzt teurer, „aber 2,50 sind auch noch ok“. An Niemkes Wohnzimmer ziehen die neuen Zeiten vorbei.

■ Am 8. Mai 2010 wurde aus dem Tempelhofer Feld ein 360 Hektar großer öffentlicher Park. Zeitgleich startete die taz.berlin ihre Serie zum Schillerkiez, jenem Neuköllner Viertel, das direkt an das Feld grenzt. Damals wurde befürchtet, dass die Wohnungsbaupläne des Senats auf dem ehemaligen Flugfeld die Aufwertung der einstigen Arme-Leute-Gegend rund um die Schillerpromenade enorm beschleunigen würde. Würde der Schillerkiez ein zweites Prenzlauer Berg werden?

■ Die Pläne des Senats wurden 2014 in einem Volksentscheid gekippt. Doch verändert hat sich der Kiez allemal, wie die vielen Berichte, Reportagen, Essays und Interviews in der taz in den vergangenen fünf Jahren eindrucksvoll belegen. Sie sind weiterhin online zu finden unter taz.de/schillerkiez Mit dieser Ausgabe beenden wir die Serie.

Im Becher-Eck an der Ecke Herrfurth-/Okerstraße ist Marina Kremlevskaja entschlossen, die alten Zeiten hinter sich zu lassen. „Meine neue Kundschaft sind jetzt die Studenten“, erklärt die russische Designerin, die 1995 die Eckkneipe übernommen hatte. Rund um die Uhr, wie früher, hat sie schon lange nicht mehr offen.

Ihr ehemaliges Stammpublikum, das sich früher schon vormittags stundenlang an einem Pils festhielt, duldet sie nur noch tagsüber. Abends wird jetzt Party und Umsatz gemacht. „Da will ich meine Studenten, mein Publikum, für das ich mit Herzblut gekämpft habe.“ Die Neuen, schwärmt sie, wissen ihre künstlerische Ausgestaltung der Räume zu schätzen, den neuen Salon mit viel Gold und einer Klimt-Kopie an der Wand, die Lesungen, das kollektive Tatort-Gucken bei „Moscow Mule“ und selbst gemachtem Ingwerschnaps.

Man hört ja viel!

Als das Becher-Eck kürzlich Geburtstag feierte, schenkte Kremlevskaja 120 Liter Freibier aus, die Party ging bis morgens um sechs. „Vor fünf Jahren“, sie schnaubt verächtlich, „hab ich zwei Fässer hingestellt, die waren nach einer Stunde leer und alle sind nach Hause.“

Kremlevskajas Pachtvertrag hält – obwohl das Haus bereits fünfmal den Besitzer wechselte. Die Wirtin hofft, dass die guten Zeiten noch ein paar Jahre dauern. Man höre ja viel, sagt sie und streicht über ihre neue, perfekt gewellte Frisur. Kremlevskaja ist überzeugt, dass Investoren die Grundstücke auf dem Feld schon unter sich aufgeteilt haben. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Politik auf das Ergebnis des Volksentscheids von 2014 pfeife: „Die werden bauen. Und dann überschwemmt eine Masse von neuen Lokalen und Läden den Kiez.“

Bis dahin aber will sie noch mit ihren Studenten feiern. Und auf dem Feld spazieren gehen. Ach, das Feld. „Ich liebe es einfach!“, ruft sie.

Dort, wo die Herrfurthstraße auf das Feld zuläuft, war früher Sense: Drahtzaun, Fluglärm. Heute ist der Eingang zum „Central Park“, den natürlich niemand hier so nennt, die Sahneseite des Kiezes. Angebote an die Laufkundschaft stehen hier Spalier. Monsterkunst aus der „Skallywag“-Galerie, persisches Essen, Kuchen und Mittagstisch im Engels – Laptops bitte nur im hinteren Raum.

Der Späti Zum Freund – Einkaufmöglichkeit allerlei war schon hier, an der Ecke Lichtenrader, als die Flieger noch übers Feld donnerten. Jetzt haben die Inhaber das Sortiment den Bedürfnissen des Parkpublikums angepasst: 16 Sorten Bier, Bionade, belegte Brötchen. Zum Glück, sagt der Sohn der Inhaberfamilie, habe man sich rechtzeitig eine Eigentumswohnung im Kiez gesichert. „So schnell, wie sich hier alles dreht.“

Auf dem Tempelhofer Feld drehen die Skater ihre Bahnen – alles, was rollt, kann man sich bei Tempel-On in der Selchower Straße leihen, die Geschäftsidee einer jungen Italienerin. Windräder drehen sich auf den Parzellen des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor. Manche Hochbeete ähneln Kunstinstallationen, mit aufgespießten Schuhen und bunt bemalten Bänken.

Unter einem Sonnensegel sitzen fünf Freundinnen, Teenager aus dem Kiez, die das Oberstufenzentrum in der Leinestraße besuchen. „Ist ganz ok hier zum Chillen“, meint eine, die in ihrer Lederjacke fröstelt. Aber schöner gestalten könnte man die Ecke. „Voll hässlich, diese Bretterbuden“, ruft sie und zeigt mit pinken Fingernägeln auf das bunte Durcheinander. Man bräuchte ordentliche Tische, Liegen. „Am besten eine Shisha-Bar!“, kichert ihre Freundin.

Ein Hippie mit Fusselbart und Wollkäppi bietet „Volx-Dichtung“ auf Zetteln an. Das Kurz-Mantra „Aber“ gibt es für fünfzig Cent: „Ich liege, neben den Versuchen, überlebenslang – hinaus, zwischen den Händen und Beinen!, meines Tages, ohne Sein.“

Fester auf dem Boden der Realität steht Adele Dormann. Die 63-Jährige ist Sozialarbeiterin bei der Beratungsstelle Frauentreffpunkt in der Selchower Straße – und seit sechs Jahren Schillerkiezbewohnerin. Sie wohnt direkt am Feld, liebt den Gesang der Lärchen und die Sonnenuntergänge. Aber sie ärgert sich auch über die Trecks von Vergnügungswilligen, rücksichtslosen Kite-Surfern – und der Hipster, die sich im Kiez austobten, ohne sich mit ihm zu identifizieren: „Ich habe das Gefühl, auf einem Spielplatz zu wohnen.“

Auch Andreas Heymann, Inhaber des Farbengroßhandels in der Okerstraße, stört sich am Gebaren der Neuankömmlinge. „Hier zieht jetzt der Prenz’lberg ein“, sagt der Geschäftsmann, der in dem Haus, das sein Großvater baute, auch ein paar Wohnungen vermietet.

Prenz’lberg in der Okerstraße? Noch vor fünf Jahren war die kaum 600 Meter lange Straße ein Synonym für alles, was im Kiez schief lief: Müll, Leerstand, Suff, einige verwahrloste Häuser übervermietet an Roma-Wanderarbeiter. 1999 wurde eine soziale Eingreiftruppe aus Quartiersmanagement, Schulen, Behörden und der Moschee im Kiez gegründet – die sogenannte „Task Force Okerstraße“. Heftig umstritten im Kiez. Man betreibe „soziale Säuberungen“, um den Kiez hinterher aufwerten zu können, hieß es in der linken Szene, die auch mobil machte gegen den Zaun und die nächtliche Schließung des neuen Parks.

Der Zaun ist noch da, die ehemalige Roma-Beratungsstelle in der Okerstraße ist weg. Auch das Türkisch-Deutsche Zentrum bietet keine Beratung mehr an. Heymann sagt, er müsse jede Woche die Immobilienmakler verscheuchen – fast alle Eigentümer in der Straße hätten verkauft, viele Nachbarn seien weggezogen. Neu kämen Erstsemester, die mit Mutti und dem BGB unterm Arm zur Wohnungsbesichtigung erschienen – er greift sich an die Stirn. Gentrifizierung sei gar kein Ausdruck. „Schreiben Sie ruhig: Goldgräberstimmung.“

Laut Statistik lebt aber immer noch ein Drittel der Wohnbevölkerung von Transferleistungen. Und mehr als im Berliner Durchschnitt sind arbeitslos.

Wo ist die Armut?

Wo sind sie hin, die Spuren der Armut? Einfach weiter den Berg hinunter gezogen, ins Flughafenquartier?

Arnold Mengelkoch, Migrationsbeauftragter Neuköllns und ehemaliger Leiter der Task Force, die bis 2013 bestand, hält es für einen Fehler, dass die Sozialberatung Ende 2014 aufgegeben wurde. Der Bedarf sei weiter da – auch wenn man eine „Befriedung“ der Okerstraße erreicht habe. Mengelkoch warnt vor einer Spaltung des Kiezes. Es gebe eine wachsende Gruppe mit hoher Arbeits-und Perspektivlosigkeit. Und immer weniger Begegnung der Bürger über soziale, kulturelle und religiöse Schranken hinweg.

In den Räumen der Genezarethkirche trifft sich gerade eine Krabbel-Gruppe. Kursleiterin Evi Lingott verlässt für einen Moment den nach Babycreme duftenden Raum, um sich vor der Tür frische Luft zu verschaffen. „Wir sind ein Durchlauferhitzer für junge Familien geworden“, stöhnt sie. Der Zulauf sei enorm, auch die Kitaplätze seien schon Mangelware. Freut sie sich nicht über den Zulauf?

Lingott denkt nach – und verneint. Sie vermisst die türkischen, arabischen, afrikanischen Mütter, die früher zu ihr kamen. Auch Geschwisterkinder kämen kaum mehr. Familien, die das zweite Kind bekämen, verließen den Kiez, weil sie sich keine größere Wohnung leisten könnten.

„Früher habe ich in Fragen der Kinderpflege und des Bleiberechts beraten, das war auch ein politischer Job. Heute habe ich das Gefühl, Leute zu bespaßen, die gleichzeitig extrem anspruchsvoll und völlig verunsichert sind. Das einzig Politische an denen ist die Biowaffel in der Hand des Kindes.“ Es sind vor allem Mittelschichtseltern, die nun in ihre Kurse drängen.

Sie lassen Evi Lingott manchmal an ihrer Arbeit zweifeln.