Die mutmaßlich zivilen Opfer der FDLR im Kongo waren keine Zivilisten. Daher war es kein Kriegsverbrechen, sie umzubringen, sagen die Anwälte.von Dominic Johnson

Auch der Junge links ist legitimes Kriegsziel, weil er den Soldaten hilft, sagen die FDLR-Anwälte in Stuttgart. Bild: Foto: Reuters
STUTTGART taz | Die Rechtsanwälte der beiden wegen Kriegsverbrechen ihrer Miliz im Kongo angeklagten Führer der ruandischen Hutu-Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas), Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni, haben in einem neuen Beweisantrag eine neue Verteidigungslinie ins Verfahren eingebracht - pünktlich zum ersten Jahrestag des Beginns der Hauptverhandlung am 4. Mai 2011.
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
Die neue Linie: Die mutmaßlichen zivilen Opfer der FDLR, von denen in der Anklageschrift die Rede ist, waren juristisch gesehen keine Zivilisten - und somit wird die Anklage gegenstandslos. Die getöteten Personen trugen Waffen und nahmen Spähaufgaben sowie Transport- und Logistikaufgaben für Kongos Armee, Ruandas Armee und die kongolesische Tutsi-Rebellion CNDP im Kampf gegen die FDLR wahr, so der von Musonis Anwalt Bockemühl am Spätnachmittag des 2. Mai 2012 verlesen und von der gesamten Verteidigung mitgetragene Antrag.
Es seien keine Zivilisten, sondern „Personen, die Hilfsdienste für die kongolesische Armee ausgeführt haben“.Die Anklageschrift wirft Murwanashyaka und Musoni vor, „es jeweils als militärische Befehlshaber unterlassen zu haben, ihre Untergebenen daran zu hindern, im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung jeweils tatmehrheitlich zueinander in zehn Einzelfällen insgesamt 214 Menschen zu töten“ sowie „im Zusammenhang mit einem nichtinternationalen bewaffneten Konflikt jeweils tatmehrheitlich zueinander in zehn Einzelfällen insgesamt 214 nach dem humanitären Völkerrecht zu schützende Personen zu töten“. Weitere seien unter anderem grausam behandelt oder vergewaltigt worden.
Die „angeblichen Zivilpersonen“, so Rechtsanwalt Bockemühl jetzt, „waren keine Zivilpersonen im Sinne des Völkerstrafgesetzbuches und der Haager Landkriegsordnung“, denn „bei der Frage, ob es sich um Zivilisten handelt, ist darauf abzustellen, ob die zu schützende Person an Kampfhandlungen teilnimmt oder nicht“. Wesentlich sei nicht der „Status“ des Opfers, sondern seine „tatsächliche Rolle zum Zeitpunkt“. Völkerrechtlich seien Nichtangehörige des Militärs nicht automatisch Zivilisten. In den vorliegenden Fällen würden „sämtliche getöteten Zivilisten“ nicht unter den Schutz von Zivilisten fallen, so die Verteidigung weiter.
Um dies zu beweisen, sollen sämtliche bereits vor dem Oberlandesgericht Stuttgart aufgetretenen ehemaligen FDLR-Kämpfer aus Ruanda neu geladen werden. Viele von diesen hatten in ihren Antworten zur Befragung über einzelne Angriffe der FDLR auf kongolesische Ortschaften ausgeschlossen, dass die FDLR Zivilisten angreift, aber auch klargemacht, Gewehre würden nicht zwischen Zivilisten und Nichtzivilisten unterscheiden. Zum Teil war die Darstellung auch so, dass jemand, der sich im Kampfgebiet befindet, kein Zivilist sei. Dies soll nun in erneuten Befragungen erneut hervorgehoben werden.
Die FDLR hatte es zur fraglichen Zeit 2009 immer wieder beklagt, sie sei von der kongolesischen Zivilbevölkerung, mit der sie bis dahin gelebt hatte, „verraten“ worden. In einem am 30. April verlesenen Telefongespräch von Straton Musoni mit einem anderen Exilruander war in diesem Zusammenhang der Begriff „kongolesische Schweine-Hutu“ gefallen.
Laut Anklage gab die FDLR-Führung im Jahr 2009 den Befehl an ihre Truppe, als Rache für kongolesische Armeeangriffe eine „humanitäre Katastrophe“ unter der kongolesischen Zivilbevölkerung anzurichten. Dies bestreitet die Verteidigung.
Ein ebenfalls am 2. Mai im Gerichtssaal vorgespieltes und übersetztes Telefongespräch zwischen Murwanashyaka und Musoni vom 30. Juli 2009, also mitten in der fraglichen Zeit, nach mehreren Monaten schwerer Kämpfe zwischen FDLR und Kongos Armee, dürfte diesen Streit weiter nähren. Murwanashyaka berichtet Musoni darin von Versuchen über den italienischen Pater Matteo, Verhandlungen zwischen der FDLR und Kongos Regierung einzufädeln.
„Er sagt, man sollte nicht über Entwaffnung oder eine andere Lösung sprechen, solange die FDLR sich noch im Krieg befindet“, gibt der FDLR-Präsident seinen letzten Kontakt zu dem katholischen Vermittler wieder. „Er sagt, dass wir immer weiter die humanitäre Frage in den Vordergrund stellen, damit auf jeden Fall die internationale Gemeinschaft sich um die Zivilisten kümmert... Auf jeden Fall, derjenige der diese humanitäre Katastrophe macht, wird sich am Ende dafür verantworten, weil wir gemacht haben, was wir machen müssen“.
Was genau dieser letzte, etwas kryptische Satz bedeutet, bleibt offen, und hartnäckig versucht die Verteidigung auf Wunsch der Angeklagten, die Übersetzung durch den ruandischen Dolmetscher in allen Einzelheiten anuzweifeln. „Falls es eine humanitäre Katastrophe gibt“ sei korrekt, beharren die Anwälte. Der Dolmetscher verneint: Der Satz sei nicht im Konjunktiv gewesen.
MONUSCO Kongo berichtet im Jahr 2010 das bis zu 15.000 Menschen vergewaltigt wurden.Dabei die Dunkelziffer weit höher ist, ...
Was ist denn das hier? Kurzerhand werden alle Opfer zu militärischem Hilfspersonal erklärt? Gilt das auch für vergewaltigte ...
Heute ist Deutscher Entwicklungstag. FDP-Minister Dirk Niebel hat den ins Leben gerufen. Und sich so selbst eine Wahlkampfbühne bereitet. von Hanna Gersmann

Die taz zieht eine Zwischenbilanz des laufenden Stuttgarter Kriegsverbrecherprozesses gegen die beiden FDLR-Milizenführer in Stuttgart und ordnet das Prozessgeschehen ein. Eine Prozessreportage aus Stuttgart; eine Analyse der Arbeit der Bundesanwaltschaft weltweit; ein Hintergrund zu Kriegsverbrecherermittlungen im Kongo und ein Interview mit Amnesty International-Expertin Leonie von Braun.
Die ruandische Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) ist eine der brutalsten Kriegsparteien im Afrika der Großen Seen. Hervorgegangen aus der ehemaligen ruandischen Armee und den Hutu-Milizen, die 1994 in Ruanda den Völkermord an 800.000 Tutsi verübten, hat sie sich in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo niedergelassen, mit einer eigenen Armee und Regierung, die im Osten des Landes weite Landstriche unsicher macht und von der Rückkehr an die Macht in Ruanda träumt.
FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und sein Stellvertreter Straton Musoni leben in Deutschland und führen die Organisation von hier aus. Damit sind sie auch für die Verbrechen verantwortlich zu machen, die die FDLR im Kongo begeht - unter anderem unvorstellbar brutale Vergewaltigungen an Kongolesinnen.
Am 4. Mai 2011 beginnt vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Kriegsverbrecherprozess gegen Murwanashyaka und Musoni. Die beiden wurden im November 2009 in Baden-Württemberg festgenommen. Der Prozess ist ein Pilotverfahren: er ist der erste in Deutschland überhaupt, der unter dem Völkerstrafgesetzbuch geführt wird - das Gesetzeswerk, das das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag in deutsches Recht überführt. Es geht um die Vorgesetztenverantwortlichkeit der beiden FDLR-Führer für das, was ihre Truppe im Kongo tut.
Die taz wies als erste Zeitung in Deutschland bereits im April 2008 prominent auf den Skandal hin, dass Kriegsverbrechen im Kongo von Deutschland aus gesteuert werden und die deutschen Behörden dies duldeten. Seitdem haben weitere taz-Recherchen die Vernetzungen der FDLR nach Deutschland und anderswo ausgeleuchtet und die Zusammenhänge in der Region der Großen Seen Afrikas analysiert.
Der Stuttgarter Prozess bietet den Anlass, diese Thematik mit Reportagen und Analysen weiter zu beleuchten.
******
Alle Videos über die FDLR im Kongo gibt hier in der Übersicht.
******
Parallel zur taz beobachtet auch Amnesty International den Prozess. Die Prozessberichte von Amnesty International finden Sie hier.
******
Derzeit läuft auch in Frankfurt/Main vor dem Oberlandesgericht ein Prozess gegen den ruandischen Exbürgermeister Onesphore Rwabukombe, der 1994 die Ermordung von mehr als 3.700 Tutsi in Ruanda befohlen haben soll. Alle Artikel finden Sie dazu im taz-Schwerpunkt "Ruanda-Völkermordprozess"
******
Ältere Texte zum Thema:
29.12.09 - Rebellen im Kongo: Die Kampfmoral ist zerstört
25.11.09 - UN-Bericht über ruandische Geschäfte:Terrormiliz wäscht Geld in Deutschland
25.11.09 - Die Hutu-Miliz und ihre Helfer: Netzwerk des Todes
25.11.09 - Von Deutschland aus koordiniert: Waffen- und Munitionstransfer
19.11.09 - Nach Verhaftungen in Deutschland: Hutu-Milizen kopflos, nicht kraftlos
17.11.09 - Terror von Deutschland aus: BKA nimmt Hutu-Milizführer fest
09.10.09 - Terror im Ostkongo: Die Befehle kommen aus Deutschland
03.09.09 - Internetpräsenz der Hutu-Miliz:Terrorseite zieht aus Deutschland weg
30.08.09 - Auf Anfrage der taz: Webseite der Hutu-Miliz abgeschaltet
15.05.09 - Terror gegen Zivilisten: Kongos schmutziger Krieg
02.03.09 - Ruandische Milizen im Kongo: Kongos müde Krieger
11.07.08 - Gesuchter Völkermordverdächtiger in U-Haft: Deutsche Hilfe für Kongos Frieden
10.05.08 - Verfahren in Deutschland: Ermittlungen gegen Hutu-Milizenchef
23.04.08 - Bundesregierung duldet Terrorchef:Ruandas Miliz-Führer in Deutschland
23.11.07 - Grausame Kriegsverbrechen im Kongo:Sexueller Terrorismus
Der heißeste Ort der Welt, ein Tiger macht Kopfstand und Bäume in Käfigen. Unsere Bilder der Woche.

Bond-Schurkin, Stil-Ikone, Musikerin: Das Gesamtkunstwerk Grace Jones hat Geburtstag.

David Beckham beendet seine Fußballer-Karriere. Wird er jetzt etwa Vollzeitpapa, Model oder Frührentner? Ach, uns fallen da noch ein paar andere Sachen ein...

Ein echt fieser Augapfel, ein Harley-Davidson-Skelett, Buddha hat Geburtstag und jede Menge Quallen. Unsere Bilder der Woche.


Für alle, die mitreden wollen
Der lange Abschied vom Wachstum, Kriminalität ohne Grenzen, der Kampf um die richtige Landwirtschaft, Sozialpolitik gegen den sozialen Fortschritt, die überfällige Reform der UN: Der neue Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique veranschaulicht auf 176 Seiten und in über 150 neuen Karten und Infografiken in welchem Tempo die Globalisierung voranschreitet und die Welt verändert.