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Repression in KasachstanKrank in der Freiheit

Die internationale Öffentlichkeit ist empört über die Verhaftung des kasachischen Regisseurs Bulat Atabajew. Der Vorwurf: „Aufwiegelung zum sozialen Unfrieden“.

Bulat Atabajew wird quer durch die kasachische Steppe in einem Gefangenentransporter ans Kaspische Meer kutschiert. Am 15. Juni wurde der kasachische Theatermacher in der östlichen Wirtschaftsmetropole am Fuße des Tienschangebirges verhaftet und auf dem Landweg tausende Kilometer westlich in die Hafenstadt Aktau zum Prozess wegen „Aufwiegelung zum sozialen Unfrieden“ verfrachtet. Das kann zehn Tage dauern.

„Atabajew hat nichts getan, was die Verhaftung rechtfertigen könnte“, sagt die Leiterin des Gotheinstituts in Almaty, Barbara Fraenkel-Thonet, dies sei ein Schlag gegen die Freiheit der Kunst. Der 60-jährige Theatermann hat mit kritischen Inszenierungen internationale Bekanntheit erworben und soll im August die Goethemedaille der Stadt Weimar erhalten.

Die deutsche Öffentlichkeit ist empört. Völker Schlöndorff, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Markus Löning sowie die grüne Bundestagsabgeordnete Viola von Cramon fordern die Freilassung des Künstlers. Berlin und Astana sind sonst sehr freundlich miteinander. Seit Januar gibt es zwischen Deutschland und Kasachstan eine Rohstoffpartnerschaft.

„Bulat hat mich gelehrt, dass Theater bewegen muss“, sagt Asan Kurkabakol in den Räumen des deutschen Kulturinstituts in Almaty. Der 27-jährige Schauspieler plant am Montag zusammen mit dem Ensemble die Aufführung von „Lawine“, ein Stück des türkischen Autors Tundjer Djudjenoglu über ein Gebirgsdorf, dessen Bewohner aus Lawinenangst neun Monate flüstern müssen. Dies ist eine von Atabajews jüngsten Inszenierungen.

Provokante Position

Der Regisseur bezieht in Kasachstan oft provokant Position und ärgert in der ehemaligen rohstoffreichen Sowjetrepublik die autoritäre Herrschaft des 72-jährigen Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Atabajew besuchte im Sommer 2011 zweimal streikende Ölarbeiter in Westkasachstan und organisierte in Almaty eine Benefizaufführung von „Lawine“ für die damals seit Monaten im Ausstand befindlichen Arbeiter. Dieses Engagement wurde ihm zum Verhängnis.

Im Dezember, zu den Feiern des 20. Unabhängigkeitstages, eskalierte der Streik in der Ölförderstadt Schanaozen, die Polizei schoss in die Menge, ein Dutzend Menschen starben und an die hundert wurden verletzt.

Danach begann die Repression. Es kam zu Verhaftungen und Verurteilungen. Im Januar wurde Atabajew angeklagt, blieb aber, anders als viele andere, auf freiem Fuß, musste den Behörden jedoch zur Verfügung stehen.

Nach vier absurden Vernehmungen wollte er sich nicht mehr an den kafkaesken Ermittlungen beteiligen. Atabajew widersetze sich den Vorladungen nach Almaty und Aktau. Er kannte die Konsequenzen, sagt dessen Anwältin Gulnara Dschandosowa. „Lieber tot im Gefängnis, als krank in der Freiheit“, schrieb der zuckerkranke Theatermann kurz vor der Verhaftung, die einen internationalen Aufschrei über ein Ereignis provoziert, das im Westen schon längst vergessen war. Dem Regisseur im Transporter dürfte diese Reaktion gefallen.

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