Die Kassler Documenta in Kabul

Die Kunst als Aufbauhelfer

Zusammenburch und Wiederaufbau: In Kabul findet die Documenta zu ihrer Ursprungsidee zurück. Bericht von einer außergewöhnlichen Intervention.

Von Kabul nach Kassel: Goshka Macugas Digitalcollage auf Teppich im Fridericianum.  Bild: dpa

Sandsäcke vor der Haustür, auf jedem Dach gerollter Stacheldraht, alles umstellt von schweren Betonreitern. Um in Kabul ins Hotel zu kommen, muss man durch fünf Sicherheitsschleusen. An jeder Straßenecke patrouillieren Soldaten mit Maschinengewehren.

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Wer verstehen wollte, was Carolyn Christov-Bakargiev gemeint hatte, als sie den „Belagerungszustand“ zu einem Kernthema ihrer Documenta in Kassel erhob, brauchte nur nach Kabul zu reisen. Denn in dem Trümmerfeld der afghanischen Hauptstadt wird sinnfällig, was in Deutschland gerade als Codewort des Kunstdiskurses taugt.

Elf Jahre nach Beginn der militärischen Operation „Enduring Freedom“ ist in Kabul der Belagerungs- immer noch der Normalzustand. In der diesigen Luft scannen Zeppeline der US-Army jede Bewegung in dem von drei Bergzügen eingeschlossenen Tal. Ein beißender Geruch aus Zementstaub, Abgasen, Exkrementen und Mangos hält dessen Bewohner in Bann.

Die Documenta gehört zu den weltweit wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre in Kassel statt und dauert 100 Tage. Die erste Documenta leitete 1955 Arnold Bode. Mit rund 750.000 BesucherInnen erreichte die 12. Documenta im Jahr 2007 die bisher höchste BesucherInnenzahl.

Die US-Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev ist die künstlerische Leiterin der diesjährigen 13. Documenta, die unter dem Motto „Collapse and Recovery“ (Zusammenbruch und Wiederaufbau) steht und vom 9. Juni bis 16. September 2012 stattfindet.

27 KünstlerInnen der Documenta sind vom 20. Juni bis zum 19. Juli 2012 in Kabul vertreten. Weitere Außenstellen sind Alexandria und Kairo, Ägypten und Banff, Kanada.

Auf die Idee, ausgerechnet in diesem irdischen Jammertal eine Kunstausstellung zu machen, muss man erst mal kommen. Doch die Analogien zwischen Kassel und Kabul, Deutschland und Afghanistan schienen der Documenta-Chefin zu frappierend, als sie vor zwei Jahren zu einer Recherchereise an den Hindukusch startete. Beide, dachte sich die Italoamerikanerin, durchliefen einen ähnlichen Prozess von „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ – noch ein Stichwort ihrer Schau.

Der Transfer funktioniert erstaunlich gut

Dafür, dass die Werke der 27 KünstlerInnen, die Bakargiev in Kabuls Queen-Palace eingeladen hat, hier in einem völlig anderen Kontext stehen, funktioniert der Transfer erstaunlich gut. Der ehemalige Harem steht in den Bagh-e-Babur-Gärten, der 1532 erbauten Grabanlage des legendären Begründers der nordindischen Mogul-Dynastie. Den Kreuzzug der Gepeinigten – Bergleute, Krüppel, Soldaten –, den der südafrikanische Künstler William Kentridge in seiner Scherenschnitt-Animation „Shadow Procession“ von Jahr 1999 auftreten lässt, verstehen die von Krieg und Gewalt verfolgten Afghanen trotzdem sofort.

Nur Giuseppe Penones Skulptur „Radici di Pietra“ – das Pendant zu seinem Baum mit dem Stein in der Krone in der Kasseler Karlsaue – wird in Kabul vielleicht nicht die Debatte über Natur und Kunst auslösen, den die Leiterin der Documenta in Deutschland damit anzettelte. Die Familien, die in den Rosengärten des terrassierten Parks picknicken, nutzen die gegen einen Baum gelehnte Marmorsäule einfach als Rückenstütze.

Erstaunliche Erfahrung: Wer durch die Kabuler Documenta streift, versteht die Kasseler plötzlich besser. Der mexikanische Künstler Mario Garcia Torres hatte Alighiero Boettis „Mappa“ dort aufgehängt. Die erste seiner „Weltkarten“ hatte der italienische Arte-Povera-Künstler in Kabul von afghanischen Frauen sticken lassen. „One Hotel“, Torres’ Projekt auf den Spuren Boettis, liest sich nicht nur wie eine romantische Recherche.

Sondern auch wie eine in Sachen „Rückzug“ – noch eine von Bakargievs Leitvokabeln. Denn mit dem kleinen Hotel im Hinterhof einer wuseligen Einkaufsstraße Kabuls hatte sich Boetti 1971 einen Fluchtpunkt aus der Kunstwelt West geschaffen. Torres spürte das 1977 aufgegebene Hotel auf und renovierte es. Beim Mittagessen im Garten des kleinen Backsteinhäuschens war sich der Documenta-Tross einig: Das restaurierte Refugium wäre der ideale Platz für ein Artists-in-Residence-Programm.

Zerstörte Paläste in Kabul und Kassel

Ihre eigentliche Stärke entfaltet die Schau aber beim Thema „Collapse and Recovery“. Es hätte Mariam Ghanis auch in Kabul gezeigte Zweikanalvideo-Installation „A brief history of collapses“ gar nicht gebraucht, um die historischen Analogien, um die es Bakargiev geht, zu illustrieren. Darin durchstreift die amerikanisch-afghanische Künstlerin das Fridericianum und den Dar-ul-Aman-Palast. Ersteres versank 1943 im Bombenhagel der Alliierten. Der riesige Palast, den Reformkönig Amanullah 1920 für das afghanische Parlament errichten ließ, steht heute noch als die monströse Ruine, zu der er im Bürgerkrieg der neunziger Jahre zerschossen wurde.

Als der amerikanische Künstler Michael Rakowitz seine Arbeit im Queen’s Palace aufbaut, zieht er ein Foto des zerstörten Fridericianums aus der Tasche. Ein einheimischer Helfer fragt ihn sofort: „Ist das Afghanistan?“ Was „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ bedeutet, versteht ein Bewohner des Landes, in dessen Hauptstadt kaum ein Gebäude den Bürgerkrieg überstand, ohne Worte.

Vollendet schließt sich der Kreis mit Goshka Macugas Digitalcollage auf Teppich. In Kassel zeigt ihr 360-Grad-Rundbild die Teilnehmer eines Banketts im Bagh-e Babur. Der Teppich im Queen’s Palace zeigt eine deutsche Künstlergesellschaft vor dem Fridericianum. Beziehungsreiche Inszenierungen, 15 der Künstler stammten aus Afghanistan selbst. Das alles belegt, dass Bakargiev in Kabul keine Geschenkpackung Westkunst abgestellt hat.

Wichtiger als die Ausstellung war ihr das Programm, mit dem sie Kreativkräfte Afghanistans stimulieren wollte. Darin band sie Akteure vor Ort ein wie Afghanistans einzige Kunstschule für Frauen. Und unbeachtet von der Öffentlichkeit arbeiteten die Chefin selbst und einige der Documenta-Künstler schon seit zwei Jahren in 15 Seminaren mit 25 afghanischen KunststudentInnen und KünstlerInnen.

Michael Rakowitz ließ junge Bildhauer in Bamiyan die von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen nachbilden. Mariam Ghani durchforstete mit jungen Filmemachern das afghanische Filmarchiv, das den Bildersturm der Taliban überstand. Wer diesen Schatz eines Tages systematisch erschließt, wird die kulturelle Identität des Landes mit formen. Und der argentinische Künstler Adrián Villar Rojas demonstrierte seinen Studenten, wie sie aus Alltagsmaterialien eine neue Welt erschaffen können. Die riesige Mauer aus Lehm, mit der er die Piazza des Palastes teilte, erinnert an die Mauern Kabuls.

Sie war zugleich eine Metapher für die Frage, wie man mit Grenzen umgeht. Und Bakargiev öffnete alte Räume neu. Zur Premiere von Francis Alys’ poetischem Dokumentarfilm über die Straßenkinder Kabuls versammelten sich die Gäste im „Behzad“, einem ausgebombten Avantgarde-Kino aus den 40er Jahren, unter freiem Himmel.

Arnold Bodes Wiedergängerin

So hat Carolyn Christov-Bakargiev ausgerechnet in Südasien die Gründungsidee der Documenta wiederbelebt: Arnold Bodes Idee von der Kunst als Aufbauhelfer nach der Katastrophe des Kriegs. Was für ein Bild: Da steht seine Wiedergängerin vergangene Woche in einem schummrigen Seminarraum der Kabuler Universität vor einem Ölgemälde des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai im Stil des afghanischen Nachkriegsrealismus.

Die resolute Kunsthistorikerin rückt den Schleier über der blonden Lockenmähne zurecht und diskutiert mit Kunststudenten beiderlei Geschlechts über ihr Credo: „Kunst muss eine Rolle im sozialen Prozess der Rekonstruktion spielen und Imagination ist die treibende Kraft darin“, sagt Bakargiev. Da passte es ins Bild, dass ihre Kabuler Documenta tags drauf in einem Garten eröffnete. Auch Arnold Bode startete die erste Documenta 1955 als Begleitprogramm einer Bundesgartenschau.

Bakargievs Brückenschlag Kabul–Kassel wird als rarer Fall einer Intervention in die Kunstgeschichte eingehen, die wirklich die Kräfte der Zivilgesellschaft weckte, die das Afghanistan der Zukunft tragen muss. „Unsere Freiheit“ hat sie am Hindukusch damit nachhaltiger verteidigt als das Militär, das zur Eröffnung in Kabul so massiv aufmarschierte, wie wohl bei keiner Kunstausstellung der letzten zehn Jahre.

Und 1.000 aufgeregt diskutierende Besucher am ersten Tag lassen hoffen, dass nicht nur bei einer Handvoll Intellektueller die martialische langsam, aber sicher die „subtile Expression“ ablöst, von der Ajmal Maiwandi spricht. Der Direktor des Aga-Khan-Trusts für Kultur war neben dem Kabuler Goethe-Institut Bakargievs wichtigster Kooperationspartner.

Vielleicht erwächst daraus eines Tages der Zustand der „Hoffnung“ – Bakargievs viertes Stichwort. Wenn die junge Studentin Zainab Haidary aus ihrem Kurs diese Ermutigung mitnimmt: „Ich komme aus einem armen Land, das mit den Folgen des Kriegs kämpft. Aber ich komme mir reich vor. Denn ich kann malen“.

 

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