Nachbarn rufen „Ausländer raus“

Anschlag im Morgengrauen

Unbekannte versuchen das Haus einer Einwandererfamilie in Bremen in Brand zu stecken. Leute von nebenan schlagen ein Loch in die Tür.

Hielt die Flammen gerade noch ab: die Eingangstür der Familie C.  Bild: Jean-Philipp Baeck

BREMEN taz | Die zersplitterte Scheibe der Tür des kleinen Reihenhauses ist notdürftig geflickt. Das Fußball-große Loch im Glas und der schwarze Ruß an der Tür zeugen noch von dem, was in der Nacht zu Samstag in einer Wohnsiedlung im Bremer Stadtteil Woltmershausen passiert ist: Ein Brandanschlag auf das Haus einer Einwanderer-Familie. „Nachbarschaftliche Probleme und ausländerfeindliche Hintergründe stehen im Fokus der Ermittlungen“, schreibt die Polizei. Außerdem schreibt sie von einem „brennenden Lappen“.

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„Die Flamme war einen Meter hoch“, sagt Fatih C. Der Lappen war ein T-Shirt, getränkt in brennbarer Flüssigkeit. Mindestens sieben Leute seien beteiligt gewesen, hätten auch Knüppel dabei gehabt.

Als der 20-Jährige am Samstagmorgen um halb vier vom Feiern nach Hause kam, sei er bereits mit „Ausländer raus“-Rufen begrüßt worden. Die Nachbarn waren nicht allein, sie feierten auf ihrer Terrasse vier, fünf Häuser weiter. Kurz nachdem Fatih das Haus betreten hatte, klingelte es. Schon auf der Treppe sah er die Flammen durch die Scheibe. „Unter der Tür lief das Benzin bis in den Flur“, sagt Fatih. Es habe sich nicht entzündet, weil er das Feuer draußen schnell gelöscht hat.

Die Polizei nimmt in der Nachbarschaft drei Männer und eine Frau fest. Nach einem Alkohol-Bluttest kommen sie am frühen Morgen wieder frei. „Wir haben gefragt, ob die Polizei noch ein bisschen da bleibt. Wir hatten Angst, die waren doch noch betrunken“, sagt Fatih C. „Aber die haben nur gesagt: ’Stellt doch einfach einen Eimer Wasser neben die Tür.‘“ Der taz sagte die Polizei, sie nehme den Vorfall sehr ernst und fahre in der Gegend nun öfter Streife.

Fatih C. steht vor dem Hauseingang und schimpft nur noch. „Das sind alles Rassisten hier“, sagt er. Die Siedlung ist eine kleine Enklave, umgeben von Industriegebieten und Brachland. Angeordnet sind die Häuser in einem Oval, in einem Garten nahe der Einfahrt prangt ein Mast mit Deutschlandfahne.

Es ist keine reiche Gegend. Vor den meisten Häusern stehen Bänke, jeder kennt hier jeden. „Um uns herum wohnen fast nur Deutsche“, sagt Fatih. Er hat die ganze Nacht Wache gehalten. Auch seine kleinen Geschwister haben kein Auge zu drücken können. Das jüngste Kind ist erst drei. Dass jemand Feuer legen würde, hätte er niemals gedacht. „Die Nachbarn sind doch jeden Tag vorbei gegangen und wissen, dass hier Kinder schlafen.“

Ein paar Häuser weiter steht Anja S. an ihrem Gartenzaun. Die 43-Jährige ist eine der vier Tatverdächtigen. Mit dem Brand habe sie nichts zu tun, sagt sie.

Anja S. und ihr Nachbar hätten gefeiert, Alkohol getrunken. „Ein paar Parolen sind in der Nacht schon gefallen, ja.“ Was später an der Tür von Familie C. passiert ist, könne sie nicht gut heißen. „Es war idyllisch hier, bis die Ausländer kamen“, sagt sie.

So wie sie denken hier viele. Dass Familie C. auch ganz schön krach mache, die Kinder kriminell seien, kommt als erste Antwort auf die Frage nach der Nacht zu Samstag. Und dann, dass es nicht gehe, dort Feuer zu legen. „Das hätte ja auch auf unser Haus übergreifen können“, sagt eine Nachbarin. Sie lebt im Reihenhaus nebenan.

 

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