taz Café, Berlin

Schwestern und Brüder - Sind Ostdeutsche auch Migranten?

Schwestern und Brüder - Sind Ostdeutsche auch Migranten?

Die einen haben ihr Land verlassen, die anderen wurden von ihrem Land verlassen. Migranten und Ostdeutsche haben viel gemeinsam, sagt die Soziologin und Integrationsforscherin Naika Foroutan. Seit ihrem Interview mit der taz im Mai debattiert die Republik ihre Thesen.

In dem Interview spricht Naika Foroutan mit dem taz-Redakteur Daniel Schulz über die Frage, ob man Ostdeutschen mehr zuhören müsse, ihre teils traumatischen Erfahrungen nach dem Mauerfall noch einmal besprechen sollte. Eindeutig ja, sagt Foroutan. Ostdeutsche seien auch irgendwie Migranten. Mit ähnlichen Erfahrungen: Heimatverlust, Diskriminierungen, Suche nach Identität. Das Gespräch erscheint am 12. Mai in der taz.am wochenende. Es trifft einen Nerv. Die Publizistin Ferda Ataman schreibt in ihrer Kolumne auf Spiegel Online: "Höchste Zeit also, dass wir Randgruppen enger zusammenrücken." Sie schreibt aber auch: „Bislang stehen sich die beiden kulturellen Minderheiten ja eher feindlich gegenüber.“

Die ostdeutsche Schriftstellerin Jana Hensel antwortet Ataman auf Zeit Online, sie habe Gänsehaut, weil „nun andere Migranten mit ähnlichen Erfahrungen auch unsere in den Blick nehmen, in Worte zu fassen versuchen und dabei klarer sind als wir selbst.“ Der in Ost-Berlin geborene Reporter Alexander Osang schreibt im Spiegel: "Wir sollen uns in ihrer Gesellschaft auflösen wie in Salzsäure. Das mache ich seit 28 Jahren. Ich bin praktisch nicht mehr da."

Widersprochen wird natürlich ebenso. Die Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts, Anke Hassel, schrieb in der taz, auch Westdeutsche hätten ihre Heimat verloren. Kolleg*innen kritisierten auf Zeit Online, in der Berliner Zeitung und der Jüdischen Allgemeinen unter anderem, Diskriminierung sei nicht gleich Rassismus. In der ARD-Sendung „titel thesen temperamente“ sagte Fatma Aydemir, taz-Redakteurin und Autorin des Romans „Ellenbogen“: "Die Sache ist halt, dass ein Ostdeutscher niemals um seinen Aufenthaltsstatus in diesem Land fürchten muss.“

Die Diskussion wird weitergehen. Wenn Sie möchten, mit Ihnen.

Im taz-Café können Sie diejenigen treffen, die diese Debatte begonnen haben und mit Ihnen diskutieren. Mit Naika Foroutan, der Zeit-Journalistin und Autorin Jana Hensel (Keinland, Zonenkinder), Spiegel-Online-Kolumnistin Ferda Ataman und dem Leipziger Sozialforscher Thomas Ahbe. Moderation: Daniel Schulz, taz Ressortleitung Reportage & Recherche

Bild: AP