Verstrahlt die Reformpädagogik die demokratischen Graswurzelschulen? Sie muss sich in jedem Fall kritisch mit ihren Wurzeln auseinandersetzen.von Matthias Hofmann
Es gibt keine Reform- oder Alternativ-Pädagogik, es gibt nur Pädagogik an sich. Schaut man sich die Schulentwicklung in Deutschland und weltweit an, so ist vieles zufällig entstanden, hat sich irgenwie ergeben, wurde tradiert, wurde Standard, wurde Dekret. Wie in der Medizin, der Psychologie und anderen Wissenschaften, machten sich einige Gedanken zu den theoretischen Grundlagen der Bildung, genau wie es der Autor des Buches auch getan hat. Je nach dem, kam man zu unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Ergebnissen, die alle unter dem selben Namen "Reformpädagogik" firmieren. Darüber hinaus muss zwischen den Ideen der "Reformer" und deren Zeitgeist unterschieden werden. Ellen Key hat wohl kaum das "unwerte Leben" erfunden, sondern akzeptiert, dass in ihrer Umgebung so gedacht wurde. "Alternativ" wurde Pädagogik, als man sich ihrer ideologisch bediente. Ob Napola oder andere Kaderschmiede, auch die 68er waren keineswegs ideologiefrei. Statt also die Ansätze zu sichten, zu sortieren und zu verifizieren oder falsifizieren, wurden sie zu Dogmen. Bannerträger liefen voran, um ihren Stein der Weisen zu präsentieren. Zum Unmut aller trug die jüngste Forschung bei. Sie bescheinigt nämlich unterschiedlichen Ansätzen gleich gute Erfolge. Sie begründen es so, dass bei der einen Schulform die einen Schüler erfolgreicher seien, bei der anderen andere Schüler. Ideologen will das nicht schmecken. Der Hamburger Schulstreit hat gezeigt, das Argumente nur stören.
17.02.2013 01:53 Uhr
von K.Kunath:
Es ist ein Artikel des Autors über das Buch. Laut Klappentext: Dieses Buch bietet einen differenzierten, prägnanten und kritischen Einblick in die Geschichte und Gegenwart der internationalen Alternativschulen. Wichtige Personen der Alternativschulbewegung werden dabei ebenso berücksichtig wie die oftmals spektakulären und legendären Schulen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die bis heute diese Schulkultur prägen. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung in Deutschland seit dem frühen 20. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart. Angesprochen werden auch die wenig bekannten Ansätze alternativer Schulen in der DDR und die ersten freien Schulen in der BRD aus den 1960er Jahren, die aus der Kinderladenbewegung heraus entstanden. Lehrerinnen aus Alternativschulen kommen in Interviews mit ihren Selbsteinschätzungen und persönlichen Beweggründen zu Wort. Abschließend bewertet der Autor die Bedeutung und Perspektiven Freier Alternativschulen für eine zukünftige Bildungspolitik. http://www.klemm-oelschlaeger.de/product_info.php?products_id=140
16.02.2013 22:02 Uhr
von Missfeldt:
Hi Mattias, schöner Text, auch wenn ich ebenfalls zu denen gehöre, die fast nichts von dem Zeug gelesen haben :-) Ich finde das Herumschmeißen mit "Vordenkennamen" und "Das ist gut für ein Kind"-Phrasen zum Teil auch sehr herablassend. Ich erlebe das fast immer im Zusammenhang mit Einschüchterung - die "großen Namen" werden instrumentalisiert, um etwas durchzusetzen. Wobei mich Dein "Wunsch nach theoretischen Wurzeln" etwas verwundert. Ich hätte erwartet, das LehrerInnen sich in erster Linie an das halten, was der Schulalltag an Erfahrungswerten bietet. Theorie als Gedankenspinnerei oder Fremderfahrung kann doch maximal nur bis an die Grenze reichen, wo die Realität beginnt.
Ich kann nicht beurteilen, wie wichtig historische Wurzeln für die politische Überzeugungsarbeit gegenüber Ämtern, Schulbehörden oder im wissenschaftlichen Diskurs sind, aber für die SchülerInnen würde ich mir selbstbewußte LehrerInnen wünschen, die Werte und Normen in Frage stellen (dürfen und können), auch mit den Kindern. Das "auf Augenhöhe" scheint mir eine zentrale Formulierung zu sein - für einen guten Lehrer.
Für mich ist jede Alternativschule eine individuelle Mischung aus Individuen - genau das ist ihre Stärke, und genau darum können Alternativschulen wegweisend für die zukünftige Bildungspolitik sein. Der heute in Kreisen der Bildungspolitik geforderte Umgang mit Kindern als zukünftiges Wertschöpfungspotential der Wirtschaft ist Kindes-verachtend und ein Rückschritt in Mechanismen des 19. Jahhunderts. Und dennoch stimme ich Dir zu: die Regelschule zu verteufeln birgt eine große Gefahr. Denn reflexartig lehnen Alternativschule schnell alles ab, was an Regelschulen praktiziert wird - ohne darüber nachzudenken, ob es im eigenen Kontext vielleicht doch passen könnte.
Daher: Danke, Matthias, dass Du die Erfahrungen aus der Alternativschule in die Öffentlichkeit trägst. Ich will, dass mein Kind die Freiheit haben soll, selber über seinen Platz in der Gesellschaft zu entscheiden - und zwar dann, wann es das für richtig hält. Gruß, Martin
16.02.2013 18:39 Uhr
von kai Hansen:
Im Ratgeberton mal eben schnell die scheinbestimmten, abgewirtschafteten Stichwörter wiedergegeben, ein paar persönliche Eindrücke und Vorstellungen, fertig ist die Schreibe. Aber was sagt der Artikel über Pädagogik, gar noch über anstehende Fragen? Wenn nicht die Prämissen der staatlichen Rumexperimentierei seit Jahrzehnten daneben im Vergleich stehen, um was geht es dann?
16.02.2013 14:13 Uhr
von Matthias Hofmann:
Es ist ein Artikel über das Buch, bzw. über die Motivation, so ein Buch zu schreiben.
15.02.2013 20:22 Uhr
von Karl K:
Was ein launig-luzider Beitrag!
Mein auf einer Montessori-Gesamtschule vor sich hin pubertierender Sohn sagt´s so:"Sind sich alle einig: ein gute Konzept, nur die Ausführung ist mangelhaft!"
ps: bei den auch praktisch Erfolgreichen haben Sie Schulschwänzerapologet Neill vergessen (ich sag nur: Die grüne Wolke & "verfatz dich"), dessen Tochter sich gar die Fortführung von Summerhill erstritten hat. Anyway.Danke.
15.02.2013 15:23 Uhr
von Der wahre Martin:
Gerade A.S. Neill hat sich von jeden Reformpädagogen distanziert, die unter der Pädagogik vom Kinde aus lediglich ihre eigene Vorstellung vom Kind verstanden und verbreiten wollten, und nicht das empirische Kind in seiner Individualität meinten. Zitate: "Das Establishment weiß, wie ein Kind sein sollte, Maria Montessori weiß es und Rudolf Steiner wußten es auch, aber Homer Lane wußte es nicht. Und ich weiß es auch nicht." Neill, A.S.: Neill, Neill, Birnenstiel - Erinnerungen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1973, S. 208; „After being called a follower of Rousseau for 50 years i have just read Emile and with some disappointment, for the blighter wanted his pupil to have freedom within the ideas of his tutor.“ Croall, Jonathan: All the Best, Neill. Letters from Summerhill. Andre Deutsch Limited, London 1983, S. 172
15.02.2013 13:52 Uhr
von T.V.:
Ist dies ein Artikel des Autors über sein Buch oder bereits ein Auszug aus dem Buch?
Leserkommentare
06.03.2013 13:01 Uhr
von mdarge:
Es gibt keine Reform- oder Alternativ-Pädagogik, es gibt nur Pädagogik an sich. Schaut man sich die Schulentwicklung in Deutschland und weltweit an, so ist vieles zufällig entstanden, hat sich irgenwie ergeben, wurde tradiert, wurde Standard, wurde Dekret. Wie in der Medizin, der Psychologie und anderen Wissenschaften, machten sich einige Gedanken zu den theoretischen Grundlagen der Bildung, genau wie es der Autor des Buches auch getan hat. Je nach dem, kam man zu unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Ergebnissen, die alle unter dem selben Namen "Reformpädagogik" firmieren. Darüber hinaus muss zwischen den Ideen der "Reformer" und deren Zeitgeist unterschieden werden. Ellen Key hat wohl kaum das "unwerte Leben" erfunden, sondern akzeptiert, dass in ihrer Umgebung so gedacht wurde. "Alternativ" wurde Pädagogik, als man sich ihrer ideologisch bediente. Ob Napola oder andere Kaderschmiede, auch die 68er waren keineswegs ideologiefrei. Statt also die Ansätze zu sichten, zu sortieren und zu verifizieren oder falsifizieren, wurden sie zu Dogmen. Bannerträger liefen voran, um ihren Stein der Weisen zu präsentieren. Zum Unmut aller trug die jüngste Forschung bei. Sie bescheinigt nämlich unterschiedlichen Ansätzen gleich gute Erfolge. Sie begründen es so, dass bei der einen Schulform die einen Schüler erfolgreicher seien, bei der anderen andere Schüler. Ideologen will das nicht schmecken. Der Hamburger Schulstreit hat gezeigt, das Argumente nur stören.
17.02.2013 01:53 Uhr
von K.Kunath:
Es ist ein Artikel des Autors über das Buch.
Laut Klappentext: Dieses Buch bietet einen differenzierten, prägnanten und kritischen Einblick in die Geschichte und Gegenwart der internationalen Alternativschulen. Wichtige Personen der Alternativschulbewegung werden dabei ebenso berücksichtig wie die oftmals spektakulären und legendären Schulen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die bis heute diese Schulkultur prägen. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung in Deutschland seit dem frühen 20. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart. Angesprochen werden auch die wenig bekannten Ansätze alternativer Schulen in der DDR und die ersten freien Schulen in der BRD aus den 1960er Jahren, die aus der Kinderladenbewegung heraus entstanden. Lehrerinnen aus Alternativschulen kommen in Interviews mit ihren Selbsteinschätzungen und persönlichen Beweggründen zu Wort. Abschließend bewertet der Autor die Bedeutung und Perspektiven Freier Alternativschulen für eine zukünftige Bildungspolitik.
http://www.klemm-oelschlaeger.de/product_info.php?products_id=140
16.02.2013 22:02 Uhr
von Missfeldt:
Hi Mattias,
schöner Text, auch wenn ich ebenfalls zu denen gehöre, die fast nichts von dem Zeug gelesen haben :-) Ich finde das Herumschmeißen mit "Vordenkennamen" und "Das ist gut für ein Kind"-Phrasen zum Teil auch sehr herablassend. Ich erlebe das fast immer im Zusammenhang mit Einschüchterung - die "großen Namen" werden instrumentalisiert, um etwas durchzusetzen.
Wobei mich Dein "Wunsch nach theoretischen Wurzeln" etwas verwundert. Ich hätte erwartet, das LehrerInnen sich in erster Linie an das halten, was der Schulalltag an Erfahrungswerten bietet. Theorie als Gedankenspinnerei oder Fremderfahrung kann doch maximal nur bis an die Grenze reichen, wo die Realität beginnt.
Ich kann nicht beurteilen, wie wichtig historische Wurzeln für die politische Überzeugungsarbeit gegenüber Ämtern, Schulbehörden oder im wissenschaftlichen Diskurs sind, aber für die SchülerInnen würde ich mir selbstbewußte LehrerInnen wünschen, die Werte und Normen in Frage stellen (dürfen und können), auch mit den Kindern. Das "auf Augenhöhe" scheint mir eine zentrale Formulierung zu sein - für einen guten Lehrer.
Für mich ist jede Alternativschule eine individuelle Mischung aus Individuen - genau das ist ihre Stärke, und genau darum können Alternativschulen wegweisend für die zukünftige Bildungspolitik sein. Der heute in Kreisen der Bildungspolitik geforderte Umgang mit Kindern als zukünftiges Wertschöpfungspotential der Wirtschaft ist Kindes-verachtend und ein Rückschritt in Mechanismen des 19. Jahhunderts. Und dennoch stimme ich Dir zu: die Regelschule zu verteufeln birgt eine große Gefahr. Denn reflexartig lehnen Alternativschule schnell alles ab, was an Regelschulen praktiziert wird - ohne darüber nachzudenken, ob es im eigenen Kontext vielleicht doch passen könnte.
Daher: Danke, Matthias, dass Du die Erfahrungen aus der Alternativschule in die Öffentlichkeit trägst. Ich will, dass mein Kind die Freiheit haben soll, selber über seinen Platz in der Gesellschaft zu entscheiden - und zwar dann, wann es das für richtig hält.
Gruß, Martin
16.02.2013 18:39 Uhr
von kai Hansen:
Im Ratgeberton mal eben schnell die scheinbestimmten, abgewirtschafteten Stichwörter wiedergegeben, ein paar persönliche Eindrücke und Vorstellungen, fertig ist die Schreibe.
Aber was sagt der Artikel über Pädagogik, gar noch über anstehende Fragen? Wenn nicht die Prämissen der staatlichen Rumexperimentierei seit Jahrzehnten daneben im Vergleich stehen, um was geht es dann?
16.02.2013 14:13 Uhr
von Matthias Hofmann:
Es ist ein Artikel über das Buch, bzw. über die Motivation, so ein Buch zu schreiben.
15.02.2013 20:22 Uhr
von Karl K:
Was ein launig-luzider Beitrag!
Mein auf einer Montessori-Gesamtschule vor sich hin pubertierender Sohn sagt´s so:"Sind sich alle einig: ein gute Konzept, nur die Ausführung ist mangelhaft!"
ps: bei den auch praktisch Erfolgreichen haben Sie Schulschwänzerapologet Neill vergessen
(ich sag nur: Die grüne Wolke & "verfatz dich"), dessen Tochter sich gar die Fortführung von Summerhill erstritten hat.
Anyway.Danke.
15.02.2013 15:23 Uhr
von Der wahre Martin:
Gerade A.S. Neill hat sich von jeden Reformpädagogen distanziert, die unter der Pädagogik vom Kinde aus lediglich ihre eigene Vorstellung vom Kind verstanden und verbreiten wollten, und nicht das empirische Kind in seiner Individualität meinten.
Zitate: "Das Establishment weiß, wie ein Kind sein sollte, Maria Montessori weiß es und Rudolf Steiner wußten es auch, aber Homer Lane wußte es nicht. Und ich weiß es auch nicht."
Neill, A.S.: Neill, Neill, Birnenstiel - Erinnerungen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1973, S. 208;
„After being called a follower of Rousseau for 50 years i have just read Emile and with some disappointment, for the blighter wanted his pupil to have freedom within the ideas of his tutor.“
Croall, Jonathan: All the Best, Neill. Letters from Summerhill. Andre Deutsch Limited, London 1983, S. 172
15.02.2013 13:52 Uhr
von T.V.:
Ist dies ein Artikel des Autors über sein Buch oder bereits ein Auszug aus dem Buch?