Kölner Tatort "Mit ruhiger Hand": Halbgötter in Blau
Die Sommerpause für Erstaustrahlungen des "Tatorts" ist zu Ende. Das Duo Ballauf und Bär muss einen Doppelmord im Ärztemilieu aufklären und schaut dabei tief in die Gläser.
Der eine lässt Druck ab, der andere knipst sein Bewusstsein aus, ein weiterer dimmt seinen Hass und sein Ekel auf ein erträgliches Maß herunter. Es gibt ja viele ziemlich gute Gründe, zur Flasche zu greifen. In dieser „Tatort“-Episode vom WDR werden sie alle ohne allzu viel sozialpädagogisch bemühtes Bohei ausgebreitet.
Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) sieht man gleich am Anfang verkatert in seinem achtlos am Straßenrand geparkten Auto rumschnarchen. An der Grenze zum alkoholbedingten Koma befindet sich auch der junge Jonas (Vincent Redetzki), der unten im Souterrain-Jugendzimmer liegt, während oben die Polizei das Wohnzimmer besichtigt, in dem seine totgestochene Mutter und sein schwerverletzter Vater (Roeland Wiesnekker) neben der gut befüllten Hausbar gefunden worden sind. Der Alte, Starchirurg in einer Privatklinik, kehrt nach einem kleinen Krankenhausaufenthalt schon bald nachhause zurück. Sein erster Griff ist der zur Flasche, bei Opernarien gibt er sich die Kante.
Regisseurin Maris Pfeiffer, die im letzten Jahr schon mit dem Kölner Pädophilen-„Tatort“ „Verdammt“ für Furore sorgte, hat einen starken Psychokrimi darüber gedreht, wie dicht Kontrollwahn und Kontrollverlust oft beieinander liegen. Das Buch von Jürgen Werner ist zwar schmucklos gestrickt – so gibt es bei der Jagd nach dem Mörder natürlich den unvermeidlichen Ärztepfusch-Subplot. Dafür findet der Kamera-Sensibilist Benedict Neuenfels („Die Fälscher“) mit seinen mal statischen und mal verflüssigten Bildern eine starke Metaphorik für den mit dem Alkohol forcierten Druckaufbau und Druckabbau.
Und der grandiose Schweizer Schauspieler Roeland Wiesnekker, der im Jahr 2004 mit seinem versoffen wütenden Haudrauf-Cop „Strähl“ wie eine Bombe in den deutschsprachigen Krimi-Raum einschlug, gibt auf beängstigend stille Weise den Halbgott in Weiß, Präzisionsarbeiter mit Nadel und Knochenbohrer, der sich ebenso penibel mit Brandy und Wodka abfüllt wie er seine Stiche während einer OP setzt: Er und Alkoholiker? Zum Gegenbeweis hält er den Kommissaren seine Hände unter die Nase. Wie ruhig die sind! Zur Belohnung schenkt er sich doch gleich einen extra großen Brandy ein.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert