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Kommentar Brasiliens FavelasAlarm in der Olympiastadt

Gerhard Dilger

Kommentar von

Gerhard Dilger

Monat für Monat fallen knapp 100 Menschen den Kugeln von Rios Militärpolizei zum Opfer. Doch gerade deswegen stellt Olympia 2016 für Rio und Brasilien eine Riesenchance dar.

A uf den Jubel über die Vergabe der Olympischen Spiele 2016 nach Rio de Janeiro folgt die Ernüchterung. Mindestens 16 Tote, brennende Busse, martialischer Aufmarsch der Militärpolizei - wie passt das zum Traumbild der "Wunderbaren Stadt", das die Brasilianer dem IOC so gekonnt nahegebracht haben? Die Antwort darauf ist noch alarmierender als die Gewalt vom Wochenende, die es wohl nur wegen des spektakulären Hubschrauberabschusses durch die Drogenmafia in die Schlagzeilen der Weltpresse schaffte.

Ein Großteil der brasilianischen Gesellschaft nimmt, trotz aller Fortschritte der letzten Jahre, die Kluft zwischen Arm und Reich immer noch wie eine Naturkatastrophe hin. Ähnliches gilt für die staatlich sanktionierte Gegengewalt gegen Drogengangs und ihr soziales Umfeld. Monat für Monat fallen knapp 100 Menschen, darunter viele Unschuldige, den Kugeln von Rios Militärpolizei zum Opfer.

Doch gerade deswegen stellt Olympia 2016 für Rio und Brasilien eine Riesenchance dar. Schon heute gibt es in einigen Armenvierteln Pilotprojekte mit sozialer Ausrichtung, in denen auch die Polizei nicht nur als Repressionsmaschine in Erscheinung tritt. Weitaus bessere Schulen, Krankenhäuser, Wohnverhältnisse für alle - solche Initiativen müssen um ein Vielfaches ausgeweitet werden, um den Kindern der Favelas eine Perspektive jenseits des gefährlichen Traums vom schnellen Geld zu eröffnen.

Zugleich gilt es, die gescheiterten Wege gegen die organisierte Kriminalität um den Drogenhandel radikal zu überdenken - zu einem Milliardengeschäft wird er ja erst durch den einseitigen Ansatz von Verboten und Repression. Ehemalige Spitzenpolitiker aus Lateinamerika haben hierzu interessante Vorstöße unternommen. Jetzt wäre es an der Zeit, dass Lula, Chávez & Co das Thema zur Chefsache erklären.

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Gerhard Dilger

Gerhard Dilger

Gerhard Dilger schreibt seit 1996 für die taz. 2008 war er Mitbegründer des latin@rama-Kollektivs, bis 2012 Südamerikakorrespondent der taz in Porto Alegre, anschließend Büroleiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in São Paulo und Buenos Aires. Seit einigen Jahren wieder freier Journalist, u. a. für Le Monde diplomatique, Evangelischer Pressedienst, Freitag, nd, Wochenzeitung und Südwind. Bis Ende Juni unterwegs in Kolumbien.

4 Kommentare

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  • CV
    Carl von Alten

    Der Kommentar geht in die richtige Richtung und stellt die wichtigen Fragen, die man in der sonstigen Presse nirgendwo findet. Vor allem werden hier nicht irgendwelche dubiosen Politiker ohne Gegendarstellung zitiert.

    Ich selber habe meinen Zivi in Rio abgeleistet und würde mir sehr eine gut recherchierte Reportage zum Thema wünschen. Es gibt viel aufzuklären und alleine darüber, mit welcher Brutalität Rio bis zur WM 2014 die Kriminalität auszumerzen gedenkt, könnte Seiten füllen ohne die Spanung zu verlieren.

  • F
    Fabian

    Sicherlich entwickelt sich in Rio einiges, in dieser Zeit, zum Positiven. Aber wieso erst wenn so ein großes Ereignis vor der Tür steht?? Warum machen sich die "Großen" erst jetzt an die Arbeit und nicht schon vor einigen Jahrzenten davor? Es muss anscheind immer einen triftigen Grund geben um etwas zu Bewegen! Und damit mein ich nicht die Armut in Rio und in anderen Ländern, wo es noch viel schlimmer ist!

  • DS
    Dr.Reinhard Schramm

    So etwas hätte mal vor jahren in Beijing passieren sollen und schon wären alle Kommentare ganz anders, ich kenne beide Städte und wundere mich nur über unsere Presse, nicht die Situationen.

  • JB
    Jürgen B.

    Vollkommen richtig der Beitrag zur Chance von Rio. Natürlich haben die Leute mal wieder Angst nach Brasilien zu fliegen und die Medien bediehnen sich natürlich dem Thema mal wieder. Wie immer nichts Neues aus Rio. Allerdings hat sich ja schon einiges getan in den Favelas wie die angesprochenen Projekte in den Armenvierteln. Ich denke, die Politiker mussen jetzt in den nächsten Jahren wirklich aktiv werden. Das größte Geschwür in den brasilanischen Armenvierteln ist die Korruption der Mächtigen in Rio. Da verdiehnen ja immer auch die Mächtigen mit im Drogengeschäft und im Waffenhandel.s

    Es wäre jetzt allerdings falsch zu sagen: Olympia wird ein Sicherheitsrisiko in Rio. Im Gegenteil, ich hoffe dass sich Rio positiv entwickelt bis 2016. An die Medien appeliere ich nur, dass man auch positive Geschichten aus Rio erzählen kann. In diesem Sinne...Tudo bem