Zapfenstreich beim Polizeiruf 110: Zur Belohnung nach Afghanistan
Nicht nur von den Vorgesetzten werden die Soldatinnen in dieser Polizeiruf-Folge schikaniert. Eine von ihnen wird tot aufgefunden. (Polizeiruf 110, "Zapfenstreich", So 20.15 Uhr, ARD)
Afghanistan als Laufbahnbeschleuniger? Immer wenn die jungen Soldatinnen nicht mitziehen, wenn sie sich gegen die subtile Gewalt oder gegen die offenen Demütigungen der männlichen Kameraden zur Wehr setzen, verweist der Spieß auf den Hindukusch – nicht etwa als Drohung, sondern als Belohnung. Durchhalten heißt es, denn verweigert der Ausbilder sein Okay für Afghanistan, sieht’s schlecht aus mit der schnellen militärischen Karriere. Wer beim Bund etwas werden will, ob Mann oder Frau, für den oder die führt nun mal kein Weg am Kriegsgebiet am Hindukusch vorbei.
Als Nicht-Soldat erhält man in dieser „Polizeiruf“-Folge einen gewissen Einblick in die innere Logik des Verteidigungsapparates. Zumal einem als Führerin die Kommissarin Uli Steiger (Stefanie Stappenbeck) zugewiesen wird, die in „Zapfenstreich“ quasi dahin zurückkehrt, wo sie hergekommen ist: zum Bund. Als Hauptmann durchlief sie einst selbst die Vorbereitung zum Afghanistan-Einsatz, bevor sie vom Ermittler Papen zur Kripo geholt wurde.
Nachdem Papen-Darsteller Jörg Hube kurz nach dem Dreh zur ersten neuen Münchner „Polizeiruf“-Folge verstarb, wurden noch zwei weitere um Stappenbecks Steiger herum gebaut. Schwere Themen musste diese Schultern, ohne dass sie als wirklich starke Persönlichkeit aufgebaut worden wäre. Diesmal wird ihr immerhin ein kiffender Kollege von der Sitte (Lars Eidinger, „Alle anderen“) zur Seite gestellt. Der bleibt auch mal über Nacht, versteht jedoch nichts vom Militär. Charmant, aber deutlich wird er immer wieder von Steiger dazu aufgefordert, seinen Mund zu halten.
Trotz solcher launiger Exkurse kommt „Zapfenstreich“ (Regie: Christoph Stark, Buch: Mario Giordano, Andreas Schlüter) etwas überladen daher. Es knirscht gefährlich unter dem gesellschaftspolitischen Auftrag, den sich die Münchner für die finale Folge aufgeladen haben. Nachdem man schon in der ersten Episode radikal gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan Stellung bezogen hat, geht es hier nun um die um die strukturellen Schräglagen in der Truppe – inspirieren ließ man sich dabei von den realen Foltervorfällen in einer Gebirgsjägerkaserne in Mittenwald.
Im „Polizeiruf“ werden nun nicht nur die Soldatinnen in der Kaserne tyrannisiert, eine von ihnen wird gleich in ihrer Wohnung ermordet. Eigentlich ein Anlass, um in die Welt eines geschlechtlich neu geordneten Bund einzutauchen: Was treibt junge Frauen zum Militär? Doch die weiblichen Figuren, die in diesem „Polizeiruf“ den Schikanen ihrer männlichen Kameraden ausgesetzt sind, bleiben soziologische Abziehbilder – von der sensiblen Selbstprüferin mit Kuscheltier im Sturmgepäck bis zum ewigen Mannweib in Camouflage.
Gegen diese Klischees kann auch Ex-Soldatin Steiger nicht anstinken. So lässt der Zapfenstreich, der am Ende für sie und den tragisch umflorten Münchner „Polizeiruf“ geschlagen wird, einen halb melancholisch und halb erleichtert zurück.
Polizeiruf 110 "Zapfenstreich", So, 20.15 Uhr, ARD
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