Farbstoffe in Lebensmitteln: Knallbunt ist ungesund
Ab Dienstag müssen Lebensmittel, die Azofarbstoffe enthalten, einen Warnhinweis tragen. VerbraucherschützerInnen ist das zu wenig.
"Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen". Dieser Warnhinweis wird ab Dienstag auf Lebensmitteln EU-weit Pflicht - jedenfalls auf Produkten, die Azofarbstoffe enthalten. Das sind vor allem Süßigkeiten, Limonaden und Backdekore. Die künstlichen Farbstoffe gelten als Auslöser von Allergien, fördern Hyperaktivität und Konzentrationsschwierigkeiten bei Kindern und sind verdächtig, krebserregend zu sein.
Verbraucherschutzorganisationen kämpfen seit Jahren gegen diese Azofarbstoffe. Auch das EU-Parlament hat sich schon vor längerer Zeit für ein Verbot starkgemacht. Doch weil die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa (European Food Safety Authority) erklärt hatte, es gebe noch keine ausreichenden Beweise über einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Azofarbstoffen und Gesundheitsschädigungen, konnte sich die EU-Kommission nur zu der jetzigen begrenzten Kennzeichnungspflicht entschließen.
Alkoholhaltige Getränke müssen nicht gekennzeichnet werden, und außer in Süßigkeiten können Azofarbstoffe auch in Zukunft in einer Vielzahl von Lebensmitteln auftauchen, denen man das nicht unbedingt gleich ansieht. So beispielsweise in Obstkonserven, Margarine, Käse und Fischprodukten.
Angesichts dessen bleibe VerbraucherInnen nichts anderes übrig, als jeweils die Zutatenliste genau zu studieren, empfehlen Verbraucherzentralen: Lebensmittel mit den E-Nummern E-102 (Tartrazin), E 110 (Gelborange), E 122 (Azorubin), E 124 (Cochenillerot), E 129 (Allurarot) und E 104 (Chinolingelb) sollte man in den Regalen stehen lassen. "Azofarben haben keinerlei Nutzen für den Verbraucher", sagt Jan Bertoft, Generalsekretär des schwedischen Verbraucherverbands. Wohl aber für den Produzenten: KäuferInnen lassen sich von kräftigen Farben verführen. "Wenn man die Gesundheit der Kinder wirklich ernst nimmt, müsste es genügen, wenn der Verdacht einer gesundheitsschädlichen Wirkung besteht", meint Bertoft. Er kritisiert, dass Produzenteninteressen für die EU mehr zählten als das Prinzip der Vorsicht. Wenn die Lebensmittelbehörde Efsa auch angesichts mehrerer Studien aus den USA, Japan und Großbritannien über Gesundheitsgefährdungen verneine, dass es durch den Konsum von Azofarben eine "ausreichende" Gefahr gebe, liege das daran, dass sie sich ausschließlich auf ihr wissenschaftliches Gremium für Lebensmittelzusatzstoffe stütze, und das werde von Lobbyisten der Lebensmittelindustrie gesteuert.
Wie problemlos Azofarbstoffe ersetzt werden können, bewies die Branche auch angesichts der jetzt beginnenden Kennzeichnungspflicht. Um den wenig verkaufsfördernden Warnhinweis zu vermeiden, haben "namhafte Firmen" laut dem "Verbraucherservice Bayern" etwa bei Fruchtgummis die Rezepte bereits verändert. Steht auf der Verpackung "keine künstlichen Farbstoffe" oder kauft man Biolebensmittel, ist man vor Azofarbstoffen sicher. Und Tiere leben auch gesünder als Menschen: Im Tierfutter hat die EU die Verwendung von Azofarbstoffen schon vor Jahren verboten.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert