Kühne+Nagel und die NS-Zeit

„4qm Wahrheit” schafft ein Patt

Kühne+Nagel darf zwar bauen, aber auch das Bremer „Arisierungs”-Mahnmal bekommt grünes Licht.

So könnte das Denkmal aussehen, eingereichter Vorschlag von Sonja Hohenbild.

Das Bremer „Arisierungs”-Mahnmal bekommt politischen Rückenwind, Kühne+Nagel jedoch das Baugrundstück am Weserufer: Mit diesem „Patt” endete nun das ungleiche Rennen zwischen der taz und Kühne+Nagel. Während der weltweit drittgrößte Logistikkonzern, der seine NS-Vergangenheit substantiell beschönigt, am Bremer Stammsitz einen neuen Firmensitz errichten möchte, bot die taz auf vier Quadratmeter des selben Geländes als Grundfläche für ein „Arisierungs“-Mahnmal.

26.009,37 Euro sammelte die taz in kurzer Zeit per Crowdfunding von ihren GenossInnen und LeserInnen, um mitbieten zu können – und engagierte sich vehement durch alle zuständigen Bremer Instanzen hindurch dafür, dass ihr formales Kaufangebot (hier finden Sie die Ablehnung und die Erwiderung der taz) breite Beachtung fand. Auch als Vehikel dafür, die Geschichts-Kaschierung des Konzerns zum Thema zu machen.

Das Ergebnis: Während das offizielle Bremen vor einem Jahr noch völlig kritiklos das Gründungsjubiläum von Kühne+Nagel feierte und artig dessen hanebüchenes History Marketing goutierte, bekommt der Konzern nun deutliche Töne zu seiner Geschichtspolitik zu hören. Bremens Bürgermeister Carsten Sieling votierte zwar dafür, dem Investor einen Neubau zu ermöglichen – „begrüßte“ aber zugleich die „Suche nach einer Lösung, die dem Ansinnen nach einem 'Arisierungs'-Mahnmal Rechnung trägt.“

Das erklärte Ziel nicht erreicht

Trotz alledem ist klar: Da wir unser erklärtes Ziel nicht erreicht haben, die Stadt zum Verkauf von vier Quadratmetern genau des Grundstücks zu bewegen, auf dem Kühne+Nagel bauen will, kann nun die beim Crowdfunding genannte ersatzweise Verwendung des Geldes zum Zuge kommen: die Unterstützung älterer bedürftiger Mitglieder der jüdischen Gemeinde – derjenigen also, die von der damaligen Beraubung noch immer besonders betroffen sein können. Nach 1945 wurden kaum 30 Prozent des damals „arisierten“ Eigentums rückerstattet.

Die jüdische Gemeinde Bremen wird nun in aller Ruhe prüfen, ob sie einem Mahnmal oder der Unterstützung bedürftiger Mitglieder, zu denen auch Holocaust-Überlebende gehören, den Vorzug gibt. Die taz wiederum wird prüfen, ob sie das „Arisierungs“-Mahnmal gegebenenfalls mit Förderanträgen bei verschiedenen Stiftungen finanzieren kann.

59 Vorschläge für ein Denkmal

Denn spannende Vorschläge, wie ein solches Mahnmal aussehen könnte, gibt es mittlerweile reichlich. 59 EinsenderInnen aus ganz Deutschland und Österreich wurden durch den Ideen-Wettbewerb der taz angeregt, sich – zum Teil in Gruppen – Gedanken über Gestalt und Konzept eines „Arisierungs“-Mahnmals zu machen. Bekannte KünstlerInnen sind ebenso unter den EinsenderInnen wie Studierende und sogar SchülerInnen: am Hamburger Ossietzsky-Gymnasium bildeten sich gleich sechs Gruppen, die jeweils eigene Mahnmal-Entwürfe entwickelten.

Einige der Einsender haben den Ideen-Wettbewerb zum Anlass genommen, in ihrer eigenen Familie nach Erbstücken zu forschen, die von „Judenauktionen“ stammen könnten. Dass das kein leichter Prozess ist, spiegelt der Umstand, dass die wirtschaftliche Seite des Holocaust bislang noch nirgends als Mahnmal thematisiert zu sein scheint. Andere Vorschläge enthalten Beteiligungs-Konzepte und performative Anteile: Etwa den Aufruf an die Bevölkerung, persönlich wichtige Dinge an den Ort des künftigen Mahnmals zu bringen, in das sie – als Duplikate aus einem 3D-Drucker – integriert werden.

Die taz wird alle eingereichten Entwürfe, bei Einverständnis der Einsender, mindestens als Online-Galerie präsentieren. Zudem wählt eine Jury zwei bis vier Ideen aus, die zur potentiellen Baureife entwickelt werden. Mehr dazu in Kürze hier.

HENNING BLEYL, Redakteur taz.nord und Initiator des Crowdfundings