Bachmann-Preis 2016, 2. Tag

Kein Brexit, kein Plan vom Orient

Schwimmbad, Hotelzimmer, Orient: Am 2. Tag des Bachmann-Wettbewerbs gibt man sich experimentierfreudig. Aber was zieht, ist Tradition.

Ungewöhnlicher Jahrgang für eine Teilnehmerin beim Bachmann-Preis: Sylvie Schenk, geboren 1944 Foto: Johannes Puch

In Klagenfurt wird ja nicht nur gelesen oder getrunken. Es wird auch gebadet, ausgiebig und viel. „Warst du schon schwimmen?“ ist eine beliebte, auch vor 8 Uhr ernst zu nehmende Frage; Stadtbäder gibt es mehrere, ein Stück vor dem Zentrum schmiegt sich der Wörthersee ans Ufer wie türkisfarbenes Meer, und das jährlich stattfindende Wettschwimmen unter Autoren, Kritikern und Verlagsleuten ist fast so berüchtigt wie der Bachmann-Preis selbst.

Passend also, dass im ersten Text des Tages ins Wasser gesprungen und sich am Beckenrand festgehalten wird. Julia Wolf legt bei den 40. Literaturtagen einen Auftritt hin, wie er – so die Jury – „auch vor 25 Jahren“ einer hätte sein können. So klassisch, so ruhig und präzise. So schwarzes-T-Shirt-vor-weißem-Grund. Ihr Kapitel ist schön, ungewöhnlich erzählt: Ein knapp Siebzigjähriger liegt schwer verletzt im Badezimmer und hält sich damit am Leben, dass er seinen Tag im Schwimmbad Revue passieren lässt, Gedankenkreise zieht; abschweift in die Vergangenheit mit einer anderen Frau, zurückkehrt zu seiner Liebsten, Yvonne, wie eigens für ihn „geschnitzt“. Yvonne, die wird ihn retten.

Es sind die Probleme eines alten, seine Bahnen ziehenden Mannes, die hier verhandelt werden. Potenzprobleme, seit Jahren überholtes Machotum, er kommt nicht mehr so hinterher mit der Zeit und seinem Körper; der Tod aber – der kommt. Viel Wärme gibt Julia Wolf ihrem Protagonisten mit, in seiner Rückschau auf Fehler und Freuden. Man mag ihn, man taucht mit ihm auf und ab.

Nur taucht in ihrem Text auch leider eine Auslassung nach der anderen auf, Ellipse reiht sich an Ellipse: „Das ist nicht von schlechten.“ „Da soll noch mal einer.“ „Ich schließe die Augen, und.“ Klingt so Favoritenpotenzial? Und warum hat zeitloses Geschriebenes in Klagenfurt eigentlich so oft Favoritenpotenzial; steht man hier auf Aktualitäts-Ellipsen? Irgendwann passiert es: Der Text sei „frei von emerging topics“, stellt Juror Kastberger fest, versucht, das nicht zu bewerten; „keine Flüchtlinge, kein Brexit, keine neue Medien“ kämen darin vor, nix. Danke, endlich sagt’s einer. Klagenfurt gehört also doch zu dieser Welt.

Im Anschluss dann kommen die Teilnehmer dran, mit denen man sich beim diesjährigen Bachmann-Preis rühmt: Wir sind international! Experimentell! Ü 40!

Nämlich: Tomer Gardi, Israeli, mit einer Erzählung in very broken German. Mutter und Sohn landen in Berlin-Schönefeld, anschließend in einem Hotel mit falschen Koffern. Zunächst scheint alles auf eine feine Art schief, Mutter und Sohn probieren die fremden Klamotten aus den fremden Koffern an, die „kleine weisse BH“ passt nicht, und dass die Sprache nicht passt, ist das Größte: „Ein Spiegel ist vor mir über dem Schreibtisch und noch eine nach mir über das Bett und warum hat ein Spiegel auf Deutsch keinen Plural?“

Am Ende aber scheint alles auf eine grobe Art schief, plötzlich sind die Themen groß: Opfer und Täter, Schuld und Vergebung, Dativ-Akkusativ, Israel-Deutschland, Israel-Palästina, überhaupt ­– wer bin ich? Uff.

Dann: Zwei Texte, die mehr oder weniger vom Orient erzählen. Im einen wird unter großer Zuhilfenahme von Ernsthaftigkeit geschildert, wie ein Mann Kriegszustände in Afghanistan an Computern simulieren muss. Im anderen wird unter häufiger Zuhilfenahme arabischer Begriffe versucht, einen Eindruck von Echtheit und Expertentum herzustellen. Hukha, Maschallah, Hatem, Adscham ­– die Jury stellt Referenzen zu Kafka und Karl May her, Hubert Winkels findet ob der Bedrohungsszenarien und negativen Figuren, dies sei „ein Text für Pegida oder die FPÖ“, Kastberger sagt: „Das ist der Karl May des 21. Jahrhunderts! Keine Ahnung vom Orient, noch nie dort gewesen“ – aber so tun als ob, inschallah.

Zuletzt: Sylvie Schenk, 1944 geboren, für die Liebe von Frankreich nach Aachen gezogen, die ihr Nachkriegsleben zum Romanstoff macht. Mit einem sanften Stil, einem „Du“, keinem „Ich“, vorgetragen wie ein Märchen. Wie gerechtfertigt die Vorwürfe sind, sie habe sich im Duktus eines Geschichtsbuchs verirrt? „Als kleines Mädchen der fünfziger Jahre weißt du von deiner Minderwertigkeit und möchtest lieber ein Junge sein“ könnte ebenso gut der beste erste Satz sein, der in den vergangenen zwei Tagen vorgelesen wurde. Und diese beiden Sätze: „Frauen geben seltener an. Was sie leisten, ist für sie selbstverständlich“ – könnten unter Umständen nicht nur für die Fünfziger gelten.  Annabelle Seubert

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