Nachruf auf TV-Journalist Thomas Leif

Sie nannten ihn „Professor“

Thomas Leif war SWR-Chefreporter, moderierte wie kein Zweiter und gründete das Netzwerk Recherche. Ende Dezember ist er gestorben.

Thomas Leif

Unterwegs für die gute Sache: Thomas Leif Foto: dpa

Die letzte Mail von Thomas kam Anfang September 2017 und enthielt wie immer auch Werbung für die gute Sache: Veranstaltungen und Diskussionen rund um Demokratie, Journalismus und Zivilgesellschaft: am 12. 9. im Erbacher Hof zu Mainz Vorpremiere und Diskussion der SWR-Doku „Wahre Christen oder böse Hetzer“ über das merkwürdige Verhältnis der AfD zu Gläubigen in den eigenen Reihen.

Einen Tag später dann das Demokratie-Forum auf dem Hambacher Schloss über „Populismus zwischen Ausnahmezustand und deutscher Normalität“. Moderation beide Male: Thomas Leif.

Moderieren konnte er wie kaum ein anderer, mit ausgeklügelter Dramaturgie und bestärkendem Kopfnicken brachte er seine Diskussionspartner regelmäßig dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden. Dabei schien er immer tiefer in der Thematik zu stecken als manche seiner ExpertInnen und nutzte das auch schamlos aus, ohne irgendwen vorzuführen. Ein Podium, moderiert von Thomas Leif, war immer ein bisschen mehr.

Dieses bisschen mehr setze sich nahtlos im Südwestrundfunk fort, Chefreporter des SWR-Fernsehens war Leif zwanzig Jahre lang, für mehr öffentlich-rechtliche Karriere war er zu unbequem und wollte das wahrscheinlich auch gar nicht anders. Seit 1990 war er auch gelegentlicher Autor der taz. Leif hat es sich und den anderen nie leicht gemacht, Widersprüche und Verlogenheiten beim Namen genannt – und dabei in eigener Sache auch mal Fünfe gerade sein lassen. Ein Heiliger war er nicht.

Ein Mann, viele Sternstunden

Das wurde jedem klar, der sich mit dem Genussmenschen Leif nachts um halb zwei am Tisch von mehren Sterneköchen umzingelt sah, die ihn eher spöttisch „Professor“ riefen und zur hitzigen Diskussion über diese vermaledeite Politik und die zaudernden Medien nachschenkten.

Thomas Leif verdankt das deutsche Fernsehen Sternstunden wie zum Beispiel „Gelesen, gelacht, gelocht“, eine Doku über den Regulierungswahn in der Beraterrepublik Deutschland. Unvergessen, wie er völlig ernsthaft Mitglieder einer freiwilligen Feuerwehr in der Provinz über „Gendermainstreaming in der Dorferneuerung“ ins Kreuzverhör nimmt. Und dabei fast immer mit im Bild ist, die „Presenterreportage“ hatte in ihm einen treuen, etwas deplatziert wirkenden Häuptling.

Der SWR wiederholt am Mittwoch, den 17.01. um 21 Uhr, anlässlich von Leifs Tod eine Folge seiner Sendung „Leif trifft“. Hier ist sie in der Mediathek zu sehen.

Als er über die „Tricks der Weinmacher“ recherchierte und ihm auf der Weinberg-Monorackbahn die Angst ins Gesicht geschrieben stand, blieben die Szenen drin. Wer dann über den „nicht eben uneitlen“ Chefreporter schrieb, hatte ihn danach am Telefon. Daraus entstand professionelle Freundschaft.

Verantwortung war sein großes Thema, in der Zivilgesellschaft und den Medien. Das Delegieren derselben an allfällige Berater oder Großkanzleien, die schon mal den kompletten Gesetzentwurf fürs Ministerium diktierten, war seine Sache nicht. Selber machen hieß seine Devise, auch beim Netzwerk Recherche, das er mit anderen Notablen der Branche als Vereinigung von Journalisten für Journalisten gründete.

Ein Mann, zwei Motoren

Hier war er Motor, ach was, wie so oft gleich zwei Motoren, trieb alles voran, wusste alles besser und hatte meistens recht – was andere noch mehr auf die Palme trieb. Um den kleinen Laden nach vorne zu bringen – nie zum eigenen Vorteil –, ging Leif als Vorstand gern auch mal hemdsärmelig vor und kreativ mit Fördermitteln um. 2011 folgte der Absturz, weil Zuwendungen nicht formal korrekt dem Förderzweck entsprachen. Das Netzwerk entließ seinen Gründer, es war auch ein Kampf der Alphatierchen untereinander.

Persönlich hat ihn das immens getroffen, professionell machte er weiter: Der „Mainzer Medien-Disput“ war seine zweite Heimat und fand immer häufiger gleich in Berlin statt. Dazu ständig weitere Filme, Bücher und Auftritte wie die im September geplanten.

Zu beiden kam es nicht mehr. Kurz vor der Ausstrahlung seines Films „Wahre Christen oder böse Hetzer“ im September ist Thomas Leif schwer erkrankt und am 30. Dezember im Alter von nur 58 Jahren gestorben. Er wird fehlen, fehlen, fehlen.

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