• 02.06.2000

BKA jagt transformierten Bonhoeffer

In der Volksbühne sind zwei geklaute Büsten von Karl Bonhoeffer wieder aufgetaucht. Ein israelischer Künstler hat sie zu neuen Skulpturen umgearbeitet. Psychatrie-Betroffene wollen Umbenennung der Bonhoeffer-Klinik erreichen

Es sah aus wie eine typische Inszenierung an der Volkbühne. Im Foyer wimmelte es von auffällig unauffälligen Herren vom Bundeskriminalamt. Kaum wurden zwei Skulpturen hereingekarrt, griffen sie zu. Unter Buhrufen der BesucherInnen wurden die Büsten in vor dem Theater wartenden Polizeiwagen abtransportiert. Doch die Beamten waren keine Schauspieler, sondern einfach nur Beamte.

"The Missing Link - Karl Bonhoeffer und der Weg in den medizinischen Genozid" lautete der etwas kryptische Titel einer Wanderausstellung, die am Mittwochabend in der Volksbühne eröffnet werden sollte. Die zwei Skulpturen, die der israelische Bildhauer Igael Tumarkin dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg geschenkt hatte, sollten dort auf einer Vernissage präsentiert werden. Doch die Büsten sind keine normalen Büsten.

Vor zwei Jahren waren sie aus dem Park der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik und der Charité entwendet worden. Seither waren die Porträts des Arztes Karl Bonhoeffer spurlos verschwunden. Tumarkin nahm sie als Rohmaterial für seine beiden Skulpturen mit dem Titel "Der Professor, das Opfer, der heilige Kelch" und "Kastrationsgedanken kommen mit Engelsmusik".

"Die Ausstellung war als politischer Protest gegen die fortdauernde Ehrung von Bonhoeffer gedacht", argumentiert René Talbot vom Landesverband Psychatrie-Erfahrener. "Er hat in der Nazi-Zeit nicht nur seriell Gutachten für Zwangssterilisationen geschrieben, war Richter am Erbgesundheitsobergericht, sondern wurde sogar noch am 18. August 1942 von Hitler zum außerordentlichen Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeres-Sanitätswesens ernannt." Seit Jahren fordern die Psychiatrie-Erfahrenen vergeblich die Umbenennung der Wittenauer Klinik in Berlin, die noch heute seinen Namen trägt.

Talbot hält es für einen Skandal, dass Karl Bonhoeffer in Berlin nicht nur weiterhin öffentlich geehrt sondern durch die Beschlagnahme der Skulpturen von der Polizei auch noch geschützt wird. Gemeinsam mit der Volksbühne hat er juristische Schritte gegen die Polizeiaktion eingeleitet. Rechtsanwalt Wähner hält das Vorgehen der Polizei für juristisch nicht haltbar. "Laut Bürgerlichem Gesetzbuch wird mit der Schaffung eines neuen Kunstwerks neues Eigentum begründet, selbst wenn die Materialien dafür gestohlen waren."

"Sollten wir die Skulpturen zurückbekommen, wollen wir die Ausstellung an den vorgesehenen Orten nachholen", gibt sich Talbot optimistisch. Dazu gehören das Bundesumweltministerium, die Berliner Ärztekammer, der Fernsehturm am Alexanderplatz sowie Plätze vor den Rathäusern und Bezirksämtern in Weißensee, Prenzlauer Berg, Tempelhof, Mitte und Neukölln. PETER NOWAK

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