• 18.01.2001

cdu klagt fischer an

Die Rache der Enterbten

Joschka, der militante 68er. Es war abzusehen, dass sich das konservativ-reaktionäre Lager diese Gelegenheit nicht entgehen lassen würde, um via Fischer die emanzipativen Bewegungen der 60er- und 70er-Jahre an den Pranger zu stellen. Denn bis heute hat man nicht verziehen, dass die Generation Fischer das Schweigekartell gebrochen hat. Sie erinnerte als erste an die ungeheuerlichen Verbrechen, in die sich die Repräsentanten der jungen Republik während des Nationalsozialismus verstrickt hatten. Bis heute haben sich viele Konservative nicht mit den kulturellen Umwälzungen abgefunden, die durch diese Generation angestoßen wurden.

Kommentar
von EBERHARD SEIDEL

Die Demokratisierung des Alltagslebens, die Öffnung der Republik, die Freiheit des Individuums - all das bleibt diesen Kreisen suspekt. Und man verzeiht den Rebellen der Vergangenheit nicht, dass sie Bastionen der Macht erstürmt haben, die man als Erbhöfe betrachtete.

Die Konservativen befinden sich in einem Dilemma. Längst hat die Mehrheit der Deutschen ihre Angst vor den einst Widerspenstigen verloren. Und vielen gefällt inzwischen die Spur von Nonkonformität, Widersprüchlichkeit und vielleicht auch Anarchie und Erotik, die sie in Personen wie Joschka Fischer zu entdecken meinen. Nur - bei Gewalt und Umsturz hört für die Bürger der Spaß auf.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Konservativen jede Gelegenheit ergreifen, die 68er unter Generalverdacht zu stellen. Als die rechte Gewalt vor zehn Jahren eskalierte, lautete ihr Vorwurf, die 68er hätten alle Werte zerstört, also seien sie am Neonazismus schuld.

Das war natürlich grober Unfug. Zudem: Es waren ausgerechnet die Diffamierten, die viel dazu beitrugen, dass diese Gesellschaft heute friedlicher als in den 50er- und 60er-Jahren ist. Die 68er rührten beherzt an Tabus. Eine der Folgen: Es wird heute in den Schulen und Familien nicht mehr so häufig und so selbstverständlich Gewalt ausgeübt wie früher.

Wenn Union und FDP wie besessen altbekannte Tatsachen aus Joschka Fischers Biografie skandalisieren, gehört das nur bedingt zum Handwerk einer Opposition, die Profil und Ziel sucht. Wenn Fischer fällt, ist Jürgen Trittin nur schwer zu halten. Und alle, die in ihrer Jugend mehr wagten als Friedrich Merz, wären dorthin verbannt, wo sie nach Auffassung der Konservativen hingehören - an die gesellschaftliche Peripherie. Einen solchen Sieg der Konservativen hat diese Republik nicht verdient.

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