• 15.05.2002

gürtlers contragnosen

Demografen sagen ein entvölkertes Deutschland voraus - und liegen falsch

Vergesst das mit dem Aussterben. Das Boot wird nicht leer

Es ist uns schon in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir aussterben. Bei all den Horrorszenarien über das entvölkerte, überalterte Deutschland des Jahres 2040 wird nie der Hinweis vergessen, dass die Prognosen der Demografen zwangsläufig besonders exakt seien: Schließlich sind alle dann 40-Jährigen heute bereits auf der Welt.

 Auf der Welt: ja. In Deutschland: nicht unbedingt. Und ob die Babys von heute im Jahr 2040 dabei sein werden, sich zu mehren oder auszusterben, wissen die Demografen etwa so genau, wie die Ökonomen den Ölpreis in vierzig Jahren kennen.

 Die seit vielen Jahrzehnten betriebenen ach so exakten Bevölkerungsprognosen hauen seit ebenso vielen Jahrzehnten mit schönster Regelmäßigkeit daneben. Wie die meisten Langfristaussagen schreiben sie aktuelle Trends über Jahrzehnte fort - mit grauenhaft schlechten Resultaten. Bei den Demografen gesellt sich allerdings zum klassischen Prognosefehler meist noch ein Denkfehler hinzu: Sie glauben, dass das Auf und Ab von Geburt und Tod die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft bestimmen wird. Dabei verhält es sich genau andersherum: Die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft bestimmt die Einwohnerzahl. Nirgends zeigt sich das so klar wie in Ostdeutschland seit der Wende: Wo wenig Geld, da wenig Mensch.

 Auch langfristig wird es mit der Bevölkerung eher so sein wie in dem alten Witz, wonach in der Welt genau so viel passiert, wie in die Zeitung passt. Da die Einwohnerzahl von der Leistungsfähigkeit eines Landes abhängt, werden hier immer so viele Leute leben, wie ins Land passen. Und wenn nicht genug als Deutsche geboren wurden, gibt es viele hundert Millionen Menschen auf der Welt, die, so zeigt schon die jüngste Vergangenheit, deutsche Großeltern vorweisen oder zumindest erfinden können, wenn das verlangt wird. So wie sich zurzeit zehntausende von Argentiniern auf der Flucht vor dem Staatsbankrott auf die italienische Herkunft ihrer Vorfahren besinnen - und Dutzende von Kanadiern vor 25 Jahren mit günstig eingekauften Ahnenpässen die Ausländerregeln der Eishockey-Bundesliga umgingen.

 Die Bevölkerungs-Contragnose lautet also: Vergesst das mit dem Aussterben. In Deutschland werden auch in 40, 60, 100 Jahren ungefähr so viele Menschen leben wie heute. Die überwältigende Mehrheit davon werden Deutsche sein - nicht unbedingt nach der heutigen Definition, aber nach der dann jeweils gesellschaftlich akzeptierten. DETLEF GÜRTLER

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