• 07.10.2002

Das Plutonium kehrt zurück

Vattenfall will im Atomkraftwerk Krümmel MOX-Brennelemente einsetzen. Deren Herstellung ist riskant, die Eignung für Siedewasserreaktoren umstritten. Heute startet vermutlich ein neuer Castor-Transport mit Atommüll nach Sellafield

von DIRK SEIFERT

Vattenfall Europe will im AKW Krümmel plutoniumhaltige Mischoxid (MOX)-Brennelemente einsetzen. Das wäre der erste Einsatz dieser riskanteren Art von Brennstäben in einem Siedewasserreaktor bei Hamburg. Morgen treffen sich bei der zuständigen Genehmigungsbehörde im Kieler Energieministerium Vattenfall und die Umweltverbände zum so genannten Scooping-Termin. Dabei wird festgelegt, welche Umwelt- und Sicherheitsaspekte für eine Genehmigung zu untersuchen sind.

Seit Jahren liefert das AKW Krümmel verbrauchte Brennelemente per Castortransport zu den Wiederaufarbeitungsanlagen (WAAs) im französischen La Hague oder im britischen Sellafield, mehr als 300 Tonnen bislang (siehe Kasten). Heute soll erneut ein Transport starten. Ein Endprodukt der Aufarbeitung ist Plutonium - rund drei Tonnen sind für das AKW Krümmel bisher angefallen.

Vattenfall muss für die Lagerung bezahlen und letzlich den Stoff zurücknehmen und hat daher ein Interesse an seiner Verwendung in MOX-Brennelementen. Das jetzige Genehmigungsverfahren ist deshalb das Pilotprojekt für den Konzern: Denn auch sein AKW Brunsbüttel verfügt inzwischen über rund 2,5 Tonnen Plutonium.

Die Wiederaufarbeitung von Atommüll und die Herstellung von Plutonium sind seit Jahrzehnten heftig umstritten: Zum einen ist Plutonium atombombentauglich, zum anderen gelten die Anlagen in La Hague und Sellafield als die schlimmsten atomaren Dreckschleudern, die ihre Umgebung verseuchen. Der Atomkonsens zwischen rot-grüner Bundesregierung und Atomwirtschaft sieht daher vor, dass 2005 die letzten Atomtransporte in die WAAs rollen dürfen. Danach ist Schluss.

Umstritten ist auch die Herstellung der MOX-Brennelemente. Eine in Bau befindliche Anlage im hessischen Hanau wurde Mitte der 90er Jahre nach einer Serie von Störfällen endgültig dichtgemacht. Verantwortlich dafür war der damalige hessische Umweltminister und heutige Außenminister Joschka Fischer (Grüne). Seitdem werden MOX-Brennelemente nur noch in Frankreich, Belgien und England hergestellt.

Hier dürfte ein Konfliktpunkt zwischen den Umweltverbänden und Vattenfall liegen. Denn Vattenfall besteht darauf, dass die Umwelt- und Sicherheitsprobleme bei der Herstellung nicht Bestandteil der Untersuchungen sind.

Probleme gibt es aber auch beim Einsatz der MOX-Elemente in Siedewasserreaktoren, insbesondere bei der Steuerung des Neutronenflusses. Diese ist im Reaktor von entscheidender Bedeutung, um eine unkontrollierte Kettenreaktion - und damit letzlich den GAU - zu verhindern. Verantwortlich für die Steuerung sind die Absorberstäbe. Deren Wirkung lässt aber beim Einsatz von MOX-Brennstäben nach. Um das aufzufangen, wird beispielsweise in Frankreich die Anzahl der Stäbe erhöht. Laut Vattenfall ist diese Vorsichtsmaßnahme im AKW Krümmel nicht vorgesehen.

Alternativen zur Verarbeitung des Plutoniums in MOX-Brennstäben sind bis heute auch von der rot-grünen Bundesregierung nicht weiter vorangetrieben worden. Eine Möglichkeit wäre, den Stoff mit den in der WAA anfallenden hochradioaktiven flüssigen Abfällen zu vermischen.

Auf diese Weise wäre das Plutonium für den militärischen Missbrauch nur schwer zugänglich und könnte endgelagert werden - wobei die Sicherheitsprobleme dabei bleiben. Das Verfahren hätte aber kurzfristig den Vorteil, dass sowohl die riskante Herstellung von MOX-Brennelementen als auch der Reaktoreinsatz entfallen könnte. Einen solchen Weg hatte 1998 der damalige rot-grüne Senat in Hamburg vorgeschlagen.

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