• 19.01.2004

Diplomatischer Wutanfall

Empörung in Schweden und Beifall aus Israels Außenministerium: Bei einer Vernissage in Stockholm zerstört Israels Botschafter Zvi Mazel eine angeblich den Massenmord glorifizierende Installation

AUS STOCKHOLM REINHARD WOLFF

"Wie ein Vandale" habe der Botschafter Israels sich aufgeführt, befand Dror Feiler: "Eine völlig inakzeptable Handlung, vor allem aber zutiefst traurig." Es war die Kunstinstallation "Snow White and The Madness of Truth" von Dror und Gunilla Sköld Feiler, die den Botschafter so in Rage brachte, dass er sie demolierte. Ein rechteckiges Becken gefüllt mit blutrotem Wasser, auf dem ein kleines Boot schwamm. Als dessen Segel diente ein Porträt von Hanadi Dschadarat, palästinensische Rechtsanwältin und Mutter von zwei Kindern, die als lebende Bombe im letzten Jahr in Haifa einen Selbstmordanschlag verübte, der 19 Menschen tötete.

Es handle sich nicht um Kunst, sondern um "ein monströses Machwerk, das Massenmord legitimiert und glorifiziert", erklärte Mazel am Tag danach im Radio sein Verhalten: "Eine obszöne Verfälschung der Wirklichkeit." Museumsdirektor Kristian Berg widersprach. Es sei noch nicht einmal eine Provokation: "Es ist eine Aufforderung zum Nachdenken darüber, warum derartige Selbstmordanschläge passieren."

Die Installation ist Teil einer Ausstellung zum Thema Völkermord im Rahmen des 4. Internationalen Forums gegen Holocaust und Völkermord. Schwedens Regierung hat Israel dazu eingeladen, nicht aber Repräsentanten Palästinas. Israel hatte seine Teilnahme davon abhängig gemacht, dass der Israel-Palästina-Konflikt keine Thema sein sollte.

Zur feierlichen Vernissage von "Making Differences" war am Freitagabend nahezu das gesamte diplomatische Korps in Schwedens Hauptstadt ins Museum gekommen. Botschafter Mazel hatte sofort Anstoß an der Installation genommen. "Erst stänkerte er herum, dann schrie er und tobte regelrecht", berichtet Thomas Nordanstad, künstlerischer Leiter der Ausstellung: "Er griff sich einen Scheinwerfer und warf ihn ins Wasser, mit einem zweiten wühlte er dann das Wasser auf, um das Boot zum Kentern zu bringen."

Dror Feiler sollte im Rahmen der Ausstellungseröffnung eigentlich sein Musikstück "Even the blood must sleep" vortragen, das Teil der Installation ist: "Aber ich weigerte mich, solange Mazel im Raum war." Darauf habe der Botschafter erneut herumgeschrien und versucht auf die Bühne zu klettern. Nachdem auch das knapp 400-köpfigen Publikum immer aggressiver gegenüber dem Botschafter geworden war, entschloss sich Museumsdirektor Berg den Diplomaten vor die Tür zu setzen. Oder wie er sagte: "Wir waren gezwungen, ihn zur Tür zu eskortieren."

Künstler Dror Feiler, 53, ist selbst Israeli, geboren in Tel Aviv. Er lebt seit 1973 in Schweden: "Hätte Mazel wenigstens den Text gelesen", sagte er, "hätte er vielleicht verstehen können, dass seine Interpretation völlig falsch war." Auf einer Texttafel wird als möglicher Hintergrund des Attentats auf die vorangegangene Erschießung von Bruder und Cousin durch israelische Soldaten verwiesen und Dschadarats Tod ebenso beklagt, wie den der Menschen, die durch ihre Tat getötet wurden. Feilers Position: "Wir Juden müssen endlich verstehen, dass wir die ultimative Opferrolle nicht gepachtet haben. Der Gedanke hinter der Installation war ein Aufruf zur Versöhnung."

Das israelische Außenministerium hat sich hinter seinen Botschafter gestellt. Israelische Medien berichteten am Sonntag, Außenminister Silwan Schalom habe die Tat sogar gelobt. Israel soll auch bei der Regierung in Stockholm mit einem Boykott der Völkermordkonferenz gedroht haben, falls die Installation nicht völlig entfernt werde.

Museumschef Berg hat sie am Samstag freilich wieder herstellen lassen: "Es gibt nichts, was mich veranlassen könnte, das Kunstwerk zu entfernen", sagte er. Man werde das Kunstwerk wie geplant drei Wochen lang zeigen und gleichzeitig die Bewachung verschärfen. Er werde auch versuchen, Botschafter Mazel für ein Gespräch einzuladen. Der ist heute erst einmal ins Stockholmer Außenministerium einbestellt - zur Entgegennahme eines offiziellen Protests der schwedischen Regierung.

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