• 08.04.2004

Phantasmen der modernen Welt

Die amerikanischen Neokonservativen bekämpfen den Islam so wie die Islamisten den Westen. Diese spiegelbildliche Gemeinschaftsideologie gilt es schnell zu überwinden

Die gegenwärtige kollektive Vorstellungswelt ist von gewalttätigen Ereignissen geprägt: von der Ermordung des Scheichs Jassin durch die israelische Armee, die Attentate von Madrid, die Jagd auf Bin Laden in Afghanistan, das den Irak bedrohende Chaos.

Der Grundbestand der terroristischen Botschaft ist Unterschiedslosigkeit. Zwischen der Welt des Islam und eurer Welt, so heißt es dort, herrscht der totale Krieg, "ohne feste Kampfzone" - ein Krieg, der umso grausamer erscheint, als er nichts Fassbares erreichen will. Er schlägt einfach nur zu, terrorisiert, produziert das Gemeinschaftsgefühl "wir" gegen "sie".

Unter denen, die aus dem 56. Stockwerk des World Trade Centers in den Tod sprangen, und denen, die in dem explodierenden Vorortzug nach Madrid starben, gelten den Attentätern nur die Muslime als unschuldig. Ihnen werde sich die Pforte des Paradieses öffnen. Der Rest aber hat weder Namen noch Gesicht. Sie sind nur der westliche Christ oder der Jude. Andererseits begünstigt jedes Attentat in der entwickelten westlichen Welt ein Klima, das jeden Muslim (und nicht nur jeden Islamisten) unter Verdacht stellt. Die Terrordrohung fördert einen latenten Rassismus, rechtfertigt die Preisgabe demokratischer Rechte und erweitert die Vollmachten der Polizei. Das ist "der Krieg".

Nach dem 11. September war es Präsident Bush selbst, der vom Kreuzzug sprach, bis er sich wieder in der Gewalt hatte. Ein Kreuzzug gegen den Dschihad, das ist das System der globalen Weltsicht, die an die Stelle des verschwundenen Kommunismus treten wird. Des Sozialismus als konkurrierendem Modell beraubt, hat Amerika aufs Neue die Bipolarität restauriert, indem es ein neues Kapitel des Kampfs zwischen Gut und Böse aufgeschlagen hat. Aber diesem Bösen haben die USA selbst zur Geburt verholfen. Um die sowjetische Armee aus Afghanistan zu treiben, haben sie eine Guerilla formiert, bewaffnet und finanziert, unter der sich die zukünftigen Bin Ladens der muslimischen Welt fanden. Das ist eine Frankenstein-Geschichte.

Nachdem sie einmal in ihre Heimatländer zurückgekehrt waren (Algerien, Libanon, Jemen, Ägypten, Indonesien etc.), sind diese ruhmreichen antikommunistischen Kämpfer zu Terroristen mutiert. Um sie zu bekämpfen, haben die USA in Afghanistan das Taliban-Regime zerstört, das ihre Hauptbasis beherbergte. Die Welt klatschte Beifall. Aber als das gleiche Argument dazu diente, den einseitigen Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen (wobei Saddam nie Islamist war), erwies sich das Resultat als verheerend. Die Intervention hat die westlichen Alliierten gespalten und den Islamismus gestärkt. Ein Jahr danach ist der Irak vom Bürgerkrieg bedroht und aus künftigen Wahlen könnte eine islamistische Republik der Schiiten hervorgehen.

Die amerikanische Besatzung hat den Al-Qaida-Killern ein Operationsfeld eröffnet. Sie konnten in einem Land Fuß fassen, das ihnen bisher verschlossen gewesen war. Metastasen des Terrors haben sich von Indonesien bis nach Marokko ausgebreitet, mit Ablegern in Spanien und der Türkei. Das irakische Abenteuer mündete im Chaos und in einer Vorstellung von zwei antagonistischen Welten. Die Völker der Welt haben sich, koste es, was es wolle, auf die Autobahn der Globalisierung begeben, selbst wenn diese sie ruiniert. Nur der Islam und hier besonders die diktatorisch beherrschte, rückständige, von Frustrationen angesichts vergangener Glorie beherrschte arabische Welt stellt sich ihr entgegen. Dies alles wäre ohne große Bedeutung, hätte die Geologie nicht unter den Füßen der Araber den größten Teil aller Erdölreserven konzentriert.

Für die amerikanischen Neokonservativen erweist sich die Brechung dieses mächtigen, passiven, negativen Widerstandes als ebenso wichtig wie einst die Befreiung von Christi Grab für die Kreuzfahrer. Der Schlachtruf "Nieder mit dem Islam" wird nur von einer Minderheit der extremen Rechten in Amerika geteilt, aber die stehen auf den Kommandohöhen der USA, also des "Empire". Sie haben so viel Macht und Einfluss, dass ihre Vision, auch wenn sie falsch ist und von vielen zurückgewiesen wird, den Raum der kollektiven Mentalität erobert und selbst die offensten Geister gefangen nimmt. Zu anderen Zeiten nannte man so etwas "herrschende Ideologie". Die Islamisten sind die Einzigen, die rückhaltlos dieser Weltsicht folgen. Sie ist ihr Spiegelbild.

Auch unter den Muslimen stellen diejenigen, die dem islamistischen Credo ohne Erbarmen folgen, nur eine Minderheit dar. Aber sie besetzen das Minarett. In einer stimmlosen arabischen Welt ist ihr aufrührerischer Diskurs der einzig hörbare. Selbst wenn er mit Abscheu zurückgewiesen wird, bestimmt er doch das Denken. Der Großvater erlebte, wie das Ottomanische Reich zusammenbrach und wie der Elan in Richtung Unabhängigkeit, Freiheit und Modernität verloren ging. Der Vater applaudierte Nasser und unterstützte den Kampf gegen Imperialismus, Zionismus und die reaktionären arabischen Regime. Die älteren Söhne waren arabische Nationalisten, die jüngeren Marxisten. Alle verfolgten sie das gleiche Ziel: zu dem vorstoßen, was sie als höchsten Wert ansahen, "al-takkadom", den Fortschritt, also Zugehörigkeit zur Welt. Sie haben demonstriert, ihr Recht und Gerechtigkeit eingefordert, die Staatsstreiche haben sie Revolutionen genannt, aber nie haben sie daran gedacht, sich selbst aufs Spiel zu setzen.

Der Letztgeborene aber wird vom Islamismus angezogen. Der große Unterschied, der ihn von den älteren Verwandten trennt: Man lehrt ihn jetzt, dem "Fortschritt" den Rücken zu kehren, nicht mehr Überzeugungsarbeit zu leisten. Er wendet sich wieder seiner Ursprungsgeschichte zu, seinem Gesetz, der Scharia, der Erzählung von der ehemals ununterbrochenen Ausdehnung des Islam, und er gibt sich dem Phantasma hin, diese "modern" genannte Welt, die nichts von ihm will, in die Luft zu jagen.

In diesem Schauspiel kommt dem israelisch-palästinensischen Konflikt eine zentrale symbolische Bedeutung zu. Zu seinem Unglück hatte Israel ursprünglich die islamistischen Bewegungen gefördert, um ein Gegengewicht zu den nationalistischen Kräften um Arafat zu schaffen. Selbst als Israel den Kurs wechselte, um die Islamisten zu bekämpfen und ihre Führer zu töten, war das kontraproduktiv. Die palästinensischen Behören wurden zerstört, den gemäßigten Palästinensern die Tür vor der Nase zugeschlagen, der Plan zur einseitigen Evakuierung des Gaza-Streifens lanciert, schließlich der Gründer der Hamas getötet. All dies hat dazu geführt, dass in der palästinensischen und arabischen öffentlichen Meinung die vom Islam inspirierten Bewegungen als die einzig wirksamen angesehen werden.

So nährt sich das spiegelbildlich verkoppelte System ideologischer Wahrnehmung aus sich selber. Je mehr die Konfrontation sich radikalisiert, desto mehr verstärkt sich das System. Man könnte von einem unwiderstehlichen Kurs Richtung Chaos sprechen. Was auch immer die Probleme sein mögen - sie werden stets unter dieser besonderen ideologischen Form verallgemeinert, weil die neokonservativen und islamistischen Nebelwerfer das ideologische Schlachtfeld beherrschen. Falls Bush die Wahlen verliert und das mit ihm verbundene Denken zurückgewiesen wird, ist damit noch keine wundersame Wende verbunden.

Wenn aber erst einmal das Phantasma eines globalen Kreuzzugs zugunsten einer pragmatischen Politik und wirklich bedeutsamer Gesten aufgegeben ist, so wird auch der scheinhafte Zusammenhalt der muslimischen Welt um die Phantasmen des Islamismus zusammenbrechen. Als das Abkommen von Oslo unterzeichnet war, sahen sich Hamas und Dschihad im brutalen Sturzflug. Denn die Verzweiflung nahm ab. Eine Episode wie diese erlaubt den Schluss, dass die erdrückende Mehrheit der Menschen einfach leben möchte. Die Psychopathen, die es fertig bringen, dass Kinder inmitten einer Menge sich in die Luft sprengen, müssen immerzu beweisen, dass die Apokalypse das einzige Mittel der Aktion darstellt. Wenn andererseits, um ein ganz anderes Feld zu betreten, die Europäische Union sich einem Land wie der Türkei öffnete, würden die Muslime der Welt aufhören, sich wie die ewig Ausgeschlossenen zu fühlen und sie könnten sich schließlich ihren Platz in der heutigen Welt vorstellen.

Was auch immer geschehen mag, der Krieg gegen den Terrorismus wird eine Lebensnotwendigkeit bleiben ebenso wie die Auseinandersetzung mit der spiegelbildlichen Gemeinschaftsideologie. SÉLIM NASSIB

Übersetzung: Christian Semler

Die amerikanische
Besetzung des Irak hat den Al-Qaida-Killern
ein neues
Operationsfeld eröffnet

Als das Abkommen von Oslo unterzeichnet war, sahen sich Hamas
und Dschihad im
brutalen Sturzflug

Wenn die EU sich der Türkei öffnete, würden die Muslime aufhören, sich wie ewig Ausgeschlossene zu fühlen

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