• 27.05.2004

Experten suchen den Anfang vom Ende des Öls

200 Wissenschaftler und Vertreter der Energiebranche diskutierten über den Energiemix der Zukunft. Einige von ihnen sehen den hohen Ölpreis als Vorboten einer Zeitenwende. Doch wann diese beginnt, weiß noch keiner so genau

BERLIN taz Das gegenwärtige Ölpreisniveau ist für Colin Campbell Vorbote einer grundsätzlichen Wende in der weltweiten Energieversorgung. "Es gibt keine freien Kapazitäten mehr in der Welt und damit keine obere Grenze für den Ölpreis", sagte der Öl-Geologe und Gründer der Association for the study of Peak Oil (ASPO) gestern am Rande eines Kongresses der Vereinigung in Berlin.

Etwa 200 Teilnehmer aus Ölunternehmen und Wissenschaft diskutierten zwei Tage lang erneut die Frage, wann die weltweite Ölförderung ihren Höhepunkt erreicht. Denn ab dann würde sie auf den Punkt zusteuern, an dem sie die steigende Nachfrage vor allem aus Asien nicht mehr decken kann.

Eine einheitliche Meinung dazu gibt es nicht. Aber nach Campbells Einschätzung könnte dieser so genannte Peak Oil bereits im kommenden Jahr erreicht werden. Dies könne aber auch ein paar Jahre später geschehen. Doch selbst wenn sich der Zeitpunkt bis in das nächste Jahrzehnt verschieben sollte, ändert das nichts an der Grundtendenz der in der ASPO vernetzten Wissenschaftler: Ihrer Einschätzung nach sind nicht nur die vorhandenen Reserven, sondern auch die Förderkapazitäten weltweit begrenzt und werden bald abnehmen.

Denn bei der Ausbeutung eines Ölfeldes sinkt der Druck in dem unterirdischen Reservoir stetig, weshalb unausweichlich irgendwann nur noch weniger Öl ans Tageslicht gefördert werden kann. Und dieses Problem hat, so glauben die ASPO-Mitglieder, die gesamte Ölwirtschaft weltweit. Schließlich nimmt die Zahl der neu entdeckten Ölfelder immer weiter ab - auch hier ist ein Ende in Sicht. Die Konsequenzen werden Campbell zufolge bereits in den kommenden Jahren deutlich werden. Trotz eines wegen der Spekulation der Märkte schwankenden Ölpreises wird sich Öl insgesamt verteuern.

Die Wirtschaft ist darauf nicht vorbereitet. "Als Erstes werden die Aktienmärkte zusammenbrechen", prognostiziert Campbell, der früher selbst für Konzerne wie BP und Amoco gearbeitet hat. Kein Unternehmen berücksichtige in seiner Bilanz die Grenzen der Energieversorgung. Deshalb seien die Grundannahmen falsch, der Marktwert der Unternehmen also übertrieben.

Die Vertreter der Ölindustrie folgten diesen Annahmen auf dem Kongress erwartungsgemäß nicht. Die Ölreserven werden bis 2020 und darüber hinaus noch die weltweite Nachfrage stillen könne, sagte zum Beispiel Jeffrey Johnson, beim Exxon-Konzern zuständiger Manager für Produktion und Geowissenschaften. Dabei verwies er unter anderem auf die stetig weiterentwickelte Technologie zur Entdeckung und Ausnutzung von Ölfeldern. Er erwartet, dass der Energiebedarf 2020 weltweit noch zu 80 Prozent mit Öl, Gas und Kohle gedeckt wird. "Erneuerbare Energien werden eine Nische füllen, aber nur einen sehr geringen Teil des Bedarfs stillen."

Auch Fatih Birol von der Internationalen Energie-Agentur (IEA) zeigte sich überzeugt, dass die gesicherten Öl- und Gasreserven noch 25 Jahre ausreichen. Es sei eine "realistische Einschätzung", dass die erneuerbaren Energien in diesem Zeitraum weltweit eine geringe Rolle spielen werden.

Campbell sieht dies anders. Nach seiner Auffassung steht die Welt am Beginn der zweiten Hälfte des Ölzeitalters, in dem die Bedeutung der fossilen Energieträger abnimmt. Bis die alternativen Energien in der "neuen Welt, die sich jetzt öffnet", die entscheidende Rolle spielen, sieht er zunächst eine Reduzierung des Verbrauchs als ersten wichtigen Schritt an.

Dies könnte auch zu internatinalen Abkommen zwischen Staaten führen. In diesen sollten sich, fordert Campbell, die Unterzeichner verpflichten, sowohl den Import als auch die Förderung von Öl zu quotieren. Die jeweilige Menge müsse prozentual von den noch bestehenden geschätzten Reserven abhängen. Dies würde auch für mehr Transparenz sorgen, da die einzelnen Staaten ihre Daten über vorhandende Reserven offen legen müssten. Die Verbraucher würden stimuliert, weniger zu verbrauchen. Auf lange Sicht ist der Geologe aber vom Ende der fossilen Energie überzeugt: "Es gibt keine Alternative zu den alternativen Energien." STEPHAN KOSCH

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