• 15.04.2005

So strahlt die Handy-Lobby

Umweltministerium macht mit Mobilfunk-Betreibern gemeinsame Sache: Neue Messungen sollen die Elektrosmog-Belastung in Niedersachsen ermitteln. Experten kennen jetzt schon die Ergebnisse

von Kai Schöneberg

Auf jeden Fall gab es schöne Kulis und Hochglanzbroschüren. Damit gleich alles klar war, sagte Dagmar Wiebusch vom Informationszentrum Mobilfunk (IZMF) strahlend, dass "wir ja nicht an der Mobilfunktechnologie vorbeikommen". Thema auf der mit allerlei PR-Schnickschnack beschickten Pressekonferenz gestern im niedersächsischen Umweltministerium: Bis Ende Mai werden in Niedersachsen in 25 Kommunen Messungen zur Belastung durch elektromagnetische Strahlung durchgeführt. Das IZMF zahlt "unabhängige" Messexperten vom TÜV, das Umweltministerium ist sogar Schirmherr.

Ja, es gebe Menschen, die mit dem Thema Strahlenbelastung durch Elektrosmog "schwer umgehen könnten", begrüßte Staatssekretär Christian Eberl die Aktion. "Wir haben ja kein Sinnesorgan für die Strahlung". Deshalb müsse man "transparent machen, was an der Belastung dran ist". Die neuen Messungen des IZMF gingen über bislang vorgenommene hinaus. Allerdings, so Eberl, "haben wir bislang nichts feststellen können, was in die Nähe der Grenzwerte kam".

Dazu sollte man wissen, dass das IZMF ein eingetragener Lobby-Verein ist, den die Mobilfunkbetreiber laut Wiebusch mit jährlich zwei Millionen Euro sponsern. Das ist jedoch ein Pappenstiel im Vergleich zu den fast 100 Milliarden Mark, die Telekom, Vodafone, E-Plus und andere vor fünf Jahren für die Lizenzen für den neuen Handy-Standard UMTS bezahlt haben. Dazu kommen weitere Milliarden für die Installation der Technik.

Bislang ist UMTS in Deutschland jedoch ein Flopp. Ende 2004 gab es erst 250.000 Nutzer. Es sei ja "weitgehend unbekannt, dass die Strahlungen durch Mobilfunk hundert- bis tausendfach unter den Werten liegen, die gesetzlich zugelassen sind", beteuerte Wiebusch.

"Ich weiß jetzt schon, was bei den Messungen herauskommt", sagt Peter Neitzke vom Ecolog Institut in Hannover, das seit 15 Jahren über Elektrosmog forscht: "Die Grenzwerte werden deutlich unterschritten werden." Allerdings, so der Biophysiker, seien die gesetzlichen Grenzwerte für Handy-Strahlung viel zu niedrig. In Deutschland seien 61 Volt pro Meter erlaubt, in der Schweiz nur 6. "Es sollten jedoch nicht mehr als 2 Volt pro Meter sein", betont Neitzke. Viele Experten hielten Veränderungen am Erbgut, Beeinflussung von Hirnfunktionen oder auch Nervosität und Schlafstörungen für möglich. Jede zehnte der derzeit in Deutschland installierten 70.000 Mobilfunk-Sendeanlagen könne gesundheitliche Probleme verursachen.

Auch Enno Hagenah von den Grünen hält Langzeitbeschwerden durch Handy-Masten für nicht für ausgeschlossen. Zudem sei es "fahrlässig", wenn ausgerechnet das Umweltministerium die Mobilfunkbetreiber durch seine Schirmherrschaft unterstütze. Hagenah: "Es kann doch nicht sein, dass hier vor Auswertung der Untersuchungen quasi eine Generalabsolution erteilt wird." Neitzke wird deutlicher: "Die Messkampagne ist nur ein Beruhigungsbonbon für die Öffentlichkeit."

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