• 10.11.2005

"We love Israel"

PR-Maßnahme oder Missionierungsversuch? Die fundamentalistische "Internationale Christliche Botschaft" arbeitet zusammen mit der "Jerusalem Post" an einer christlichen Ausgabe der Zeitung

AUS JERUSALEM SUSANNE KNAUL

Gershon Agron, Gründer der heutigen Jerusalem Post, würde sich im Grabe umdrehen, wüsste er von der Zusammenarbeit seines Blattes mit der Internationalen Christlichen Botschaft in Jerusalem (ICEJ), einer fundamentalistischen Christenorganisation, die sich für Jerusalem als unteilbare Hauptstadt stark macht. Einmal im Monat wird ab kommendem Januar eine christliche Ausgabe der Jerusalem Post erscheinen. Das neue Blatt soll mit zunächst 800 Druckexemplaren und per Internet die nichtjüdischen Leser vor allem in Übersee ansprechen.

Jahrzehntelang galt Israels älteste englischsprachige Zeitung als eher links. Das Bündnis mit den fanatischen Anhängern des Neuen Testaments und Groß-Israels manifestiert einmal mehr den Rechtsruck der Jerusalem Post. Dabei erscheint auf den ersten Blick die Eigenpräsentation der Christlichen Botschaft nahezu harmlos. "Wir unterstützen die israelische Nation, weil wir sie lieben", heißt es dort mit Hinweis auf das Johannes-Evangelium, in dem versprochen wird, dass "das Heil von den Juden kommt".

Jährlicher Höhepunkt der christlichen Zionisten, wie sie sich selbst nennen, ist der Umzug zum jüdischen Laubhüttenfest, zu dem in diesem Oktober mehrere tausend Pilger in Jerusalem zusammenkamen, um mit Süßigkeiten, kleinen Bannern und Liedern, wie "Heveinu Schalom Aleichem" oder "We love Israel", die jüdische Bevölkerung zu erfreuen, während sich die ortsansässigen Christen schleunigst von dem Spektakel distanzierten.

Hinter der demonstrativen Liebe zu den Juden steckt die Vorstellung einer nahenden apokalyptischen Schlacht zwischen Gut und Böse, an deren Ende die zweite Ankunft des christlichen Messias steht. Um die Rückkehr von Gottes Sohn zu ermöglichen, so die Vorstellung, muss der Staat Israel gestärkt werden. Unverhüllte Erleichterung herrschte in der ICEJ, als die israelisch-palästinensischen Friedensgespräche in Camp David vor fünf Jahren scheiterten. "Wir trauen dem Prinzip Land für Frieden nicht", erläutert David Parsons, Sprecher der Botschaft, schließlich habe die Geschichte bewiesen, dass es den Palästinensern nicht nur um ein Ende der Besatzung geht, sondern um "das Ende Israels" schlechthin. Wenig überraschend lehnten die christlichen Zionisten auch den israelischen Rückzug aus dem Gaza-Streifen im August vehement ab.

Genau hier treffen sie sich ideologisch mit dem national-religiösen Lager in Israel. Sogar die ultraorthodoxe Bewegung gegen christliche Missionierung im Land Yad L'Achim zeigt sich der Botschaft und dem jüngsten gemeinsamen Projekt mit der Jerusalem Post gegenüber versöhnlich. "Mich persönlich stört es nicht, wenn es hier eine christliche Zeitung gibt", meint Benjamin Kluger von der Yad L'Achim in Jerusalem. "Schließlich gibt es umgekehrt auch in Paris oder Berlin jüdische Zeitschriften." Mit der ICEJ habe es noch nie Probleme gegeben. "Sie ist seit 25 Jahren aktiv", meint Kluger. "Ich kenne keinen einzigen Juden, der ihretwegen zum Christen wurde."

Die christliche Ausgabe der Jerusalem Post soll sowohl über biblische Stätten, archäologische Ausgrabungen und Touristenprogramme berichten als auch über aktuelle Entwicklungen und Neuigkeiten. "Wir wissen einfach besser, was die christliche Leserschaft interessiert", meint Parsons, der selbst beratend und berichtend zur Seite steht. Man werde "mit Respekt für den Leser" schreiben und "empfindliche Themen angemessen behandeln" verspricht er.

Parsons geht nur ungern auf den nahenden Kampf zwischen Christus und Antichrist ein. Schon zu oft seien der Christlichen Botschaft "dunkle Motive unterstellt" worden. Die jüngsten Berichte des Guardian darüber, dass mit der Rückkehr des Messias die Juden vor die Wahl gestellt würden: Ja zum Christentum oder ab in die Verdammnis, nennt Parsons "unseriös" und "sensationsheischendes Gespött".

Vor ihrem "Streben, die Juden zu konvertieren", warnte dennoch auch Rabbi David Rosen vom "American-Jewish Committee". Zwischen 300 und 500 Millionen evangelische Christen weltweit gehörten, so berichtet die israelische Tageszeitung Ha'aretz, heute zu den "politischen Verbündeten des Judenstaates". 55 von ihnen arbeiten im Jerusalemer Hauptquartier, wo künftig die journalistische oder auch administrative Unterstützung der Jerusalem Post mit zu ihrem Aufgabenbereich gehören wird. All das ohne finanzielle Entlohnung, denn um Geld ginge es bei dem Projekt nicht, meint Parsons, sondern lediglich um ein "verbessertes Image" der Internationalen Christlichen Botschaft.

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