• 15.12.2005

Ab heute: Strommarkt transparenter

Versorger müssen ihren Kunden fortan mitteilen, welchen Strommix sie liefern, welche Umweltauswirkungen dieser hat. Erwartungsgemäß schneiden beim taz-Check Ökostromer bestens ab. Überraschend gut aber auch die Münchner Stadtwerke

AUS FREIBURG
BERNWARD JANZING

Ab heute ist Strom nicht mehr gleich Strom: Energieversorger müssen ihren Kunden künftig sagen, welchen Strommix sie liefern. Diese Deklaration wurde von der EU vorgeschrieben und mit dem neuen Energiewirtschaftsgesetz in nationales Recht umgesetzt. Firmen müssen nun alljährlich angeben, zu wie viel Prozent ihr Strom aus Atomkraft, fossilen Quellen oder erneuerbaren stammt. Ferner müssen sie publizieren, welche Menge Kohlendioxid und wie viel Atommüll bei ihrer Stromerzeugung entsteht. Zum heutigen Start der Deklarationspflicht hat die taz die Daten einiger großer Versorger und Ökostromanbieter zusammengetragen.

Frei von Atomstrom sind erwartungsgemäß die Ökoanbieter: die Elektrizitätswerke Schönau, Greenpeace Energy, Lichtblick und Naturstrom. Zudem verzichten auch die Stadtwerke München auf Atomstrom. Es zeigt sich ferner, dass unter den etablierten Anbietern der Strommix sehr unterschiedlich ist. Während die Berliner Bewag auf 10 Prozent Atomstrom kommt, erreicht die Energie Baden-Württemberg mit 55 Prozent den höchsten Wert. Umgekehrt liegt die Bewag mit 80 Prozent fossilem Anteil und einer CO2-Emission von 731 Gramm je Kilowattstunde extrem hoch.

Um größtmögliche Transparenz zu schaffen, wurden die Anbieter verpflichtet, jeweils ihren Gesamtmix auszuweisen. Unternehmen, die etwa einen speziellen Ökotarif anbieten und dafür den verbleibenden Kunden einen umso schlechteren Mix liefern, kommen mit dieser Strategie nicht weiter: Alle Kunden bekommen den einheitlichen Mix des Unternehmens ausgewiesen, weil ansonsten der Manipulation Tür und Tor geöffnet wäre.

Sosehr die Deklaration von Umwelt- und Verbraucherverbänden begrüßt wird, so starke Kritik gibt es an der konkreten Gestaltung der Vorschrift. Ob ein Unternehmen die fossilen Energien in effizienter Kraft-Wärme-Kopplung (wie es die Ökostromer tun) oder aber in verlustreichen Großkraftwerken nutzt, muss zum Beispiel nicht angegeben werden. Und es wird auch nicht dargestellt, dass jedes Unternehmen für 2004 rund 6,3 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien zwangsläufig zugewiesen bekommt, weil dies der Strom ist, der nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet wird. Somit ist allenfalls jener Ökostrom, der über die 6,3 Prozent hinausgeht eine wirkliche Eigenleistung des Lieferanten.

Zudem wird häufig kritisiert, dass Strom, der über die Börse eingekauft wird, mit dem europäischen Mix bewertet wird, der 13 Prozent Wasserkraft enthält. In Wahrheit ist Börsenstrom jedoch üblicherweise ein ausschließlich fossil-atomarer Mix. Doch aller Detailkritik zum Trotz: Mit dem heutigen Tag ist der Strommarkt ein wenig durchschaubarer geworden.

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