• 09.02.2006

nachruf

Die in jeder Hinsicht radikal Suchende

Karin Struck ist tot. Sie starb an Krebs. Dass es Unterleibskrebs war, gibt dem Sterben der streitbaren und umstrittenen Schriftstellerin eine symbolstarke Tragik. Denn "Struck, das ist doch die, die im Laufe ihres Lebens von der feministischen Autorin zur radikalen Abtreibungsgegnerin wurde", lautet eine Erinnerung an sie. Oder: "Struck, die hat sich doch in einer Talkshow ausgezogen und die Wasserkaraffe ins Publikum geworfen?" Ganz falsch sind solche Flashbacks nicht. Treffend wiederum ebenso wenig. Denn Struck war mehr.

Die Autorin wird 1947 in der Nähe von Greifswald in eine Bauernfamilie hineingeboren, die 1953 die DDR verlässt.

Als Studentin in den 60er-Jahren engagiert sie sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund und ist Mitglied der KPD. Aus Protest gegen die Diskriminierung des russischen Dissidenten Alexander Solschenizyn tritt sie nach einem knappen Jahr wieder aus.

In den 70er-Jahren macht Struck als mitteilungswütiges, feministisches Fräuleinwunder der deutschen Literatur Furore, das sich auch mal nackt ablichten lässt. In ihrem Debüt "Klassenliebe" thematisiert sie ihre Herkunft, ihre Zeit als Fabrikarbeiterin und als Geliebte eines Intellektuellen. Das Buch zählt zu den zentralen Werken der "Neuen Subjektivität". Vor allem Schriftstellerinnen gehen in jener Zeit mit der bis dahin literarisch kaum wahrgenommenen weiblichen Lebenswelt an die Öffentlichkeit.

Auch in ihren nachfolgenden Büchern macht Struck vor ihrer Privatsphäre nicht Halt. Ihr vernichtendes Eheleben mit einem Handwerker, ihre Schulden, ihre Abtreibung, alles wird offen gelegt. Je radikaler sie sich in ihren Büchern jedoch öffnet, desto verhaltener wird die Kritik. Nicht ihre Bücher, die Autorin selbst wird mehr und mehr zum Skandalon.

Struck hat vier Kinder. In den 90er-Jahren wird sie, die offenbar nicht über die Abtreibung eines fünften hinwegkommt, zur radikalen Lebensschützerin, die später zum Katholizismus konvertiert. Der Talkshowauftritt, in dem sie der damaligen Bundesfamilienministerin Angela Merkel vorwirft, nichts zur Aufklärung über das vorgeburtliche Menschsein beizutragen, stammt aus jener Zeit.

Struck war eine Radikale. In jeder Hinsicht. Kompromisse hat sie nicht gemacht. Was sie tat, tat sie verbissen. Das machte sie am Ende zu niemandes Verbündeter. "Sie war in der Sache sehr hart", sagt ihre Tochter Sarah Ines Struck. "Sie hat nicht verstanden, dass sie andere damit verletzt. Für uns Kinder war das nicht einfach." Dass sie sich, wie die Tochter berichtet, bis zu ihrem Tod weigerte, Morphium zu nehmen, zeigt ihre Schonungslosigkeit sich selbst, aber auch anderen gegenüber.

WALTRAUD SCHWAB

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