• 20.02.2007

"Wir sind wie Forrest Gump"

INTERVIEW NICK REIMER

taz: Herr Müller, sie waren gerade beim französischen Industrieminister, um eine deutsch-französische Marktoffensive für erneuerbare Energien und damit für mehr Klimaschutz zu starten. Wie war die Resonanz?

Michael Müller: Durchwachsen. Konkret ging es um die Windenergie, deren Bedeutung heute auch Frankreich herausstellt. Aber faktisch geschieht leider wenig. Frankreich hat nur ein Zehntel der deutschen Windkraft.

Frankreich hat fünfmal mehr Küste als Deutschland, dort deutlich stabilere Winde und in seinem Süden wesentlich bessere Bedingungen zur Ernte von Solarstrom. Warum tut sich eine Offensive so schwer?

Wegen der Atomkraft. Industrieminister François Loos hat uns erklärt: Frankreich hat keinen Platz für grünen Strom. Dort wird jetzt ein weiteres AKW gebaut, mehr regenerative Energie wird einfach nicht gebraucht. Die Atomkraft ist das größte Hemmnis für den Umstieg in die Zukunftstechnologien.

Das verwundert in Zeiten, in denen etwa Staatspräsident Chirac mehr Engagement gegen den Klimawandel fordert. In seinem "Pariser Appell" kritisierte er, dass "einige große, reiche Länder erst noch überzeugt werden müssen". Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Erklärbar ist das nur mit einer Analyse des Energiesystems. Frankreichs Netz ist voll mit Atomstrom. Und Atomstrom rechnet sich nur, wenn er in großen Kapazitäten erzeugt wird und möglichst viel davon abgesetzt wird. Unter diesen Bedingungen gibt es tatsächlich kaum Bedarf an einer Erneuerung der Stromwirtschaft in Frankreich, an neuen Technologien, an Innovation und Umdenken. Doch mit den alten Strukturen, schon gar nicht mit der Atomkraft, ist das Klima nicht zu retten. Es geht längst um mehr als nur um die Energie- und Umweltpolitik. Wir sind an einer Wegscheide: Das 21. Jahrhundert wird entweder ein Jahrhundert der Gewalt oder ein Jahrhundert der Nachhaltigkeit. Das ist noch nicht entschieden. Vieles deutet darauf hin, dass die Welt auf dem ersten Weg ist: Sowohl beim Golfkrieg als auch bei dem zögerlichen Vorgehen gegen den Klimawandel geht es um die Rettung der alten Konzepte, die nur noch tiefer in die Sackgasse führen.

Immerhin: Von der Bild-Zeitung bis zur TV-Show - in Deutschland reden alle über das Klimaproblem. Das muss Ihnen doch gefallen!?

Natürlich hat der Klimaschutz Konjunktur, wie schon Anfang der neunziger Jahre. Aber es bleibt an der Oberfläche, wenn nicht auch die "Systemfrage" gestellt wird. Das heißt: Wir brauchen eine neue Kultur, die unseren heutigen Umgang mit Zeit radikal in Frage stellt. Wir leben in einer Art permanenter Gegenwart, die von der Verkoppelung von Zeit und Geld geprägt ist. Unter dieser Diktatur der kurzen Frist wird es keine wirklichen Lösungen geben, sind wir weder zur Reflexion noch zur Antzipation fähig. Und dann führen wir auch falsche Debatten, zum Beispiel über Laufzeitverlängerung oder CO2-freie Kraftwerke. Die Maxime von Roosevelt war: Große Herausforderungen brauchen große Lösungen. Auch heute brauchen wir mutige Schritte, so wie 1990 das Ziel der CO2-Reduktion um 30 Prozent. Doch davon gibt es nur wenige.

Warum nicht?

Weil die Gesellschaft das Problem noch nicht durchdrungen hat.

Gut, dann lassen Sie es uns gemeinsam durchdringen!

Die kapitalistische Philosophie des "Mehr, schneller und weiter" ist am Ende. In seiner jetzigen Form ist der Kapitalismus die Vergangenheit. Wir müssen eine neue Kulturform entwickeln, eine Kultur des qualifizierten Wachstums. Das ist nicht nur eine Frage des Weltklimas. Das wird uns auch durch die Endlichkeit der Rohstoffe und die nachholende Industrialisierung bevölkerungsreicher Schwellenländer diktiert.

Der Club of Rome hat schon vor 35 Jahren behauptet, dass die Wachstumsgesellschaft keine Zukunft hat. Seitdem nicken alle bei solchen Aussagen, stets ohne jede Konsequenz. Warum passiert nichts?

Ein wenig ist unsere Welt wie "Forrest Gump", ein halbgebildeter Idiot, der in Teilbereichen unglaublich gut ist, aber nichts von den Zusammenhängen versteht. Wir leben immer mehr in Teilwelten mit einer Partiallogik. Der Hedgefond-Manager, der Werbemanager, der Produzent von besonders schönen Nudeln: Jeder ist in seinem Fach extrem gut. Aber immer seltener wird die Frage gestellt: Was steckt dahinter? Die Rationalität der Gesamtentwicklung geht verloren. Sie zerfällt in Teilwelten mit ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen. Ein anderes Syndrom ist, nur noch im Hier und Jetzt zu leben. Diese Pausenlosigkeit raubt uns die Chance, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Würde Eon bei der Ausrichtung seiner Energiepolitik statt auf die kurzfristige Ratingbewertung oder die Rendite am Jahresende weiter in die Zukunft schauen, würde es zu ganz anderen wirtschaftlichen Überlegungen kommen.

Sie machen sich das einfach: Die Rendite von Eon anklagen, aber die Sonntagsfrage bei den Politikern unterschlagen. Finden Sie tatsächlich, dass Politik besser als Eon ist?

Ich will uns Politiker gar nicht aus der Analyse befreien! Ich plädiere nur dafür, die Klimafrage nicht als eine Frage der Menschheit zu begreifen. Sondern als die Frage der Menschheit! Das Problem ist wesentlich weiter fortgeschritten, als wir uns einzugestehen bereit ist. Der Klimawandel ist heute schon bis Mitte unseres Jahrhunderts nicht mehr zu stoppen. Tatsächlich muss die Frage des Klimaschutzes als zentrale Legitimation des Handelns in Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Kultur und Politik verankert werden. Das können wir aus der Vergangenheit lernen: Vor hundert Jahren war die soziale Frage derart dominant, dass sich fortan das Handeln in der Ökonomie, in der Politik, in der Gesellschaft daran legitimieren musste.

Die Frage ist: Wer macht's?

Das ist in der Tat ein Problem. In Deutschland findet oftmals eine Auseinandersetzung der Konzepte von gestern mit den Konzepten von vorgestern statt: Oskar Lafontaine, der Klempner des staatlichen Wachstums, gegen Friedrich Merz mit seinen alten neoliberalen Konzepten, die ihre Wurzeln in den 40er-Jahren haben. Die ökologische Frage war nie ein Kernpunkt der Auseinandersetzung in den deutschen Kultur- und Sozialwissenschaften. Es ging fast immer entweder um die Systemfrage Ost-West oder um die soziale Frage von Macht und Herrschaft. Die alten Antworten auf diese Fragen liefern keinen Pfad in die Zukunft. Jürgen Habermas, den ich als einen der führenden deutschen Denker schätze, hat noch Anfang der Achtzigerjahre stolz darauf hingewiesen, dass sich die deutschen Intellektuellen nicht dem Zeitgeist hingeben, was man schon daran sieht, dass sie sich nicht mit dem Modethema Ökologie befassen. Was für ein Fehler: Die ökologische Bewegung ist theoretisch nie durchdrungen worden.

Inwiefern?

Ich glaube, dass die Ökologie eine Fortentwicklung der Idee einer sozialen Demokratie ist, denn sie geht ebenfalls von der Idee der Solidarität, Gerechtigkeit und Zukunftsverantwortung aus. Wenn diese These stimmt, brauchen wir heute völlig andere Instrumente. Jene der sozialen Demokratie waren hohes Wachstum plus Nationalstaat. In globalen Zeiten ist Letzteres schon mal weitgehend weggefallen. Und Ersteres funktioniert nur noch, wenn es um die ökologische Komponente erweitert wird.

Was heißt das konkret?

Nehmen wir den Atomausstieg: Der ist nicht gegen den Klimaschutz, sondern die Voraussetzung für effektiven Klimaschutz. AKWs sind große Kraftwerke, die weit weg vom Verbraucher extrem kapitalintensiv, unflexibel und völlig überdimensioniert Strom mit einem geringen Wirkungsgrad erzeugen. Außerdem müssen große Reservekapazitäten gegen den Notfall vorgehalten werde. Das ist die Philosophie des vergangenen Jahrhunderts. Solange Unternehmen an der traditionellen Verbundwirtschaft festhalten, so lange wird es keinen Systemwechsel geben. Das ist eine Verschwendungswirtschaft und die abgeschriebenen Atomkraftwerke sind die Grundlage dieser Verschwendung. Energieversorgung kann nur dann klimaverträglich sein, wenn sie erstens verbrauchsnah organisiert wird. Zweitens muss sie flexibel, also vernetzt und möglichst kleinteilig, organisiert werden. Und drittens muss sie dem Gesichtspunkt der Vermeidung gehorchen: Die Frage der Zukunft muss sein, wie wenig Energie muss ich bereitstellen, um sie am effektivsten und sparsamsten zu nutzen. Große Kraftwerke rechnen sich nur, wenn sie viel Strom produzieren.

Platt gesagt: eigene Solaranlage aufs eigene Dach?

Wenn möglich, auch das. Aber um von diesem Bild wegzukommen: Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) haben einen Wirkungsgrad von 90 Prozent. AKWs nutzen weniger als 35 Prozent ihrer Primärenergie. Deutschland braucht keine AKWs für den Klimaschutz, wenn aktiv für mehr KWK die Voraussetzungen geschaffen werden.

Wenn die Kraft-Wärme-Kopplung so effektiv ist: Warum setzt sie sich dann nicht durch?

Weil die Atomkraftwerke laufen! Das ist wie in Frankreich: Der Markt ist gesättigt. Deshalb ist die Formel richtig: Wer Klimaschutz will, der muss aus der Atomwirtschaft aussteigen. Die entscheidende Frage ist: Sind wir fähig, die Zukunft so zu antizipieren, dass wir in der Gegenwart die notwendigen Konsequenzen ziehen.

Nun haben Sie ja fast 10 der letzten 15 Jahre selbst mitregiert. Sind sie gescheitert?

Gewähren Sie mir Aufschub, zumal wir mit den erneuerbaren Energien die richtigen Weichen gestellt haben und sie jetzt mit einer Effizienzrevolution weiter stellen wollen. Die Frage der Zukunft ist, ob es zu einer Ökologisierung der Ökonomie kommt. Das ist die Schlüsselfrage für Wohlfahrt, für Arbeit, für Sozialverträglichkeit, für wirtschaftliche Leistungskraft, für die Innovation der Gesellschaft schlechthin. Nachhaltigkeit ist leider zu einem Plastikwort verkommen. Dabei ist Nachhaltigkeit eine Revolution.

Die SPD soll auf die Barrikade?

Die Zukunft der SPD wird sich an der Frage entscheiden, ob sie es vermag, das ökologische Thema zu durchdringen. Gelingt das nicht, wird jede Partei, auch die Sozialdemokratie, einen Niedergang erleben.

Umweltpoltiker wie Hermann Scheer, Ernst Ulrich von Weizsäcker oder auch Sie versuchen der Partei das seit 30 Jahren beizubringen. Warum sollten die Sozis plötzlich lernfähiger sein.

Die SPD ist eine Partei, die eine Theorie braucht. die eine gesellschaftliche Programmatik braucht. In den Achtzigerjahren haben wir es geschafft, Atomwaffen als politische Option zu ächten. Warum sollte es uns heute nicht gelingen, den Weg der ökologischen Selbstzerstörung zu ächten. Beim Klimawandel geht es nicht nur um den Verlust einer Pflanzenart. Nicht nur um den Verlust einer Inselgruppe. Es geht schlicht und ergreifend um die Zukunft unserer Zivilisation. Da sind wir wieder am Ausgangspunkt: Die Alternative heißt Nachhaltigkeit oder Zerstörung.

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