• 09.05.2007

Köpi unter Protest versteigert

Eine obskure Firma ersteigert das linke Wohn- und Kulturzentrum für die Hälfte des Verkehrswertes. Bewohner und Unterstützer reagieren mit Spontandemonstrationen. Sie befürchten rasche Räumung

VON JENS GRÄBER

Punkmusik schallt um 8 Uhr morgens durch die Littenstraße vor dem Amtsgericht Berlin-Mitte. Um einen Lautsprecherwagen herum stehen Punks mit Hunden, Menschen mit Dreadlocks und andere Unterstützer des Wohn- und Kulturzentrums Köpi in kleinen Gruppen zusammen. Ute ist unter rund 300 Menschen, die mit Musik, Trillerpfeifen, Trommeln und Transparenten gegen die Versteigerung des Hauses und dreier angrenzender Grundstücke protestieren. "Wir fürchten, dass wir das nicht mehr verhindern können - aber die Hoffnung bleibt", sagt Ute.

Ihre Hoffnung, potenzielle Interessenten von der Versteigerung abzuschrecken, erfüllte sich gestern nicht - obwohl eine Gruppe von Bewohnern anfangs sogar im Gerichtssaal protestierte. Für rund 835.000 Euro erhielt eine Firma mit dem Namen VKB GmbH & Co. KG den Zuschlag für die Köpi. Sie war der einzige Bieter und zahlte nur etwa die Hälfte des Verkehrswertes. Sie erwarb zudem die drei angrenzenden Grundstücke - für insgesamt 907.500 Euro. Auf den unbebauten Grundstücken befindet sich zurzeit eine Wagenburg. In der Vergangenheit waren mehrere Versteigerungen gescheitert. Die Köpi war 1990 besetzt worden; einige Jahre später erhielten die Bewohner Mietverträge. Das Haus ist eines der wichtigsten linken Zentren in Berlin.

Über den Hintergrund des neuen Besitzers war gestern nichts bekannt. Die Versicherungskammer Bayern in München sowie die Volkskreditbank in Linz (Österreich) teilten mit, sie seien trotz der gleich lautenden Abkürzungen nicht die Käufer. Nach Angaben des Gerichts ist es möglich, dass der Erwerber selbst nicht in Erscheinung getreten sei und einen Bevollmächtigten geschickt habe.

Diese Vermutung bestätigen die Köpi-Bewohner, die nun pessimistisch in die Zukunft blicken. "Heute waren nur Strohmänner bei der Versteigerung. Aber so wie die aufgetreten sind, gehen wir davon aus, dass die schnell versuchen, uns loszuwerden - und zwar nicht auf legalem Wege", sagt Frank, ein Köpi-Bewohner der ersten Stunde.

Tatsächlich könnte es für die Bewohner rasch ernst werden: Bei Zwangsversteigerungen werde der Höchstbietende sofort mit dem Zuschlag Eigentümer des Grundstücks, sagte Uta Fölster, Präsidentin des Amtsgerichts Mitte, der taz. Der Bieter müsse vorab lediglich zehn Prozent des Kaufpreises als Sicherheit zahlen. "Theoretisch kann innerhalb von zwei Wochen noch eine so genannte Zuschlagsbeschwerde erhoben werden", so Fölster weiter. Das könnten auch Mieter eines verkauften Hauses tun, wenn sie glaubten, die Zwangsversteigerung sei nicht ordnungsgemäß abgelaufen - bisher liege aber keine Beschwerde vor.

Die Bewohner und ihre Unterstützer wollen mit weiterem Protest auf ihre Situation aufmerksam machen. Sie reagierten schon gestern, unmittelbar nach Bekanntwerden des Verkaufs, mit einer spontanen Demonstration. Nach Polizeiangaben zogen 400 Menschen vom Alexanderplatz an der Köpi vorbei zum Heinrichplatz, wo die Beamten die Demonstration auflösten. Die Polizei war mit 300 Beamten vor Ort, die Proteste seien friedlich verlaufen, sagte eine Polizeisprecherin. Für gestern Abend waren weitere Proteste angekündigt.

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