• 19.04.2013

Böse Kontakte

WER MIT WEM? Eine Studie will die gefährliche Nähe zwischen Journalisten und Eliten aus der Politik aufzeigen

VON HAIKO PRENGEL

Deutschland sollte alle Auslandseinsätze der Bundeswehr beenden, denn sie dienen bloß machtpolitischen Interessen. Es gibt viele Bürger, die so denken. Allein, eine Debatte darüber findet nicht statt. Weil korrupte, durch Eliten vereinnahmte Journalisten sie verhindern.

Es sind steile Thesen, die der Medienforscher Uwe Krüger aufstellt. In einer Studie hat Krüger die Berichterstattung deutscher Spitzenjournalisten untersucht ("Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten"). Danach positionierten sich Leitmedien zu Themen wie Kriegen nicht nur auf Linie mit der politischen Elite, sie marginalisierten auch Gegenmeinungen.

Krüger volontierte bei der Leipziger Volkszeitung und arbeitete freiberuflich als PR-Texter. Seit Oktober 2012 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Leipzig. Für seine Promotion überprüfte er die Netzwerke von 219 Journalisten 21 großer Medien (auch der taz) zu "Positionseliten" aus Politik und Wirtschaft.

Dafür durchforstete er die Websites von Vereinen, Stiftungen, Thinktanks und gemeinnützigen Organisationen. "Mithilfe der Suchmaschinen Google und Metager2 wurde nach den Namen der Journalisten gesucht; andersherum wurden die Webauftritte einschlägiger Organisationen und Konferenzen auf die Namen abgesucht", heißt es in der Studie. Ferner untersuchte Krüger die Berichterstattung und welche Journalisten an welchen Galas teilnahmen.

Von den untersuchten Medienvertretern wählte Krüger vier Journalisten aus, die über enge Verflechtungen "im US- und Nato-affinen Milieu" verfügten: Stefan Kornelius (Süddeutsche Zeitung), Klaus-Dieter Frankenberger (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Michael Stürmer (Die Welt) und Josef Joffe (Die Zeit). Alle vier nahmen regelmäßig an der Münchner Sicherheitskonferenz teil. Zudem engagierten sie sich in der Atlantik-Brücke und in der "geheimen Bilderberg-Konferenz, bei der sich nordamerikanische und europäische Eliten austauschen".

Nun sind Journalisten auf Kontakte angewiesen. Exklusive Infos gibt es nicht auf Pressekonferenzen, sondern in Hintergrundkreisen und ähnlichen Zirkeln. Doch die Nähe könne zu "Schweigespiraleffekten" führen, warnt Krüger.

Zu Nato- und US-affin

Schreiben die vier Alpha-Journalisten also einseitig? Krüger überprüfte ihre Berichterstattung zum Paradigmenwechsel in der Sicherheitspolitik von 2002 bis 2010: Im Dezember 2002 erklärte der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) im Bundestag, die Sicherheit der BRD werde "auch am Hindukusch" verteidigt. Der Analysezeitraum schließt mit der Debatte über das Ende der Wehrpflicht und die Umwandlung der Bundeswehr in eine Eingreiftruppe. Dazwischen liegen Diskussionen über das "Nein" zum Irakkrieg oder Horst Köhlers Aussage, Deutschland müsse seine wirtschaftlichen Interessen im Zweifel mit militärischen Mitteln wahren.

Von den Journalisten Joffe, Frankenberger, Kornelius und Stürmer fand Krüger 83 relevante Artikel. Darin habe er eine Korrelation zwischen ihren Nato- und US-nahen Netzwerken und der Argumentation entdeckt: "Sie verwendeten unkritisch den ,erweiterten Sicherheitsbegriff' und argumentierten für ein stärkeres militärisches Engagement Deutschlands vor allem in Afghanistan, das von der Nato und den USA gewünscht, von der deutschen Bevölkerung jedoch mehrheitlich abgelehnt wird." 2008 etwa seien 53 Prozent der Bürger der Ansicht gewesen, Deutschland solle sich aus den Konflikten heraushalten. Diese Haltung der Bürger sei teils diffamiert und der Bundesregierung eine bessere Überzeugungsarbeit empfohlen worden. "Eine Auseinandersetzung mit Einwänden und Kritik fand nicht statt." Den Vorschlag, ihre Sicht der Dinge im Anhang der Studie darzulegen, hätten Joffe, Frankenberger, Kornelius und Stürmer abgelehnt.

Unseriöse Arbeit

Doch gegenüber der taz weisen sie Krügers Arbeit als unseriös zurück. SZ-Redakteur Kornelius verteidigt die Berichterstattung zur Sicherheitskonferenz, über die seine Zeitung stets groß berichtet: "Es ist nicht so, dass ich die Argumente der Konferenz-Gegner nicht kenne. Aber wie jede andere Zeitung auch nehmen wir eine Gewichtung vor." Joffe verweist auf die Bedeutung von Kontakten für Journalisten. "Es hilft, wenn man über Menschen - Politiker vor allem - schreibt, die man kennt", sagt er. Daraus ergebe sich noch keine Vereinnahmung. "Ein halbwegs guter Journalist hört zu, macht sich Notizen und bildet sich dann seine eigene Meinung."

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